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«Pippi? Das bin ich»

Brackel Die Jacke fliegt auf den Boden. Doris Meißner-Johannknecht braucht sie nicht. Sie braucht Platz, um das richtige Buch aus ihrem Rucksack zu fischen. Zack, da ist es. Die Seiten sind schnell aufgeschlagen.

13.06.2007

Schon sitzt die Schriftstellerin auf dem knarrenden Korbsessel - und liest. Dunkle Stimme. Pointierte Betonung. Lässige Mimik.

Die ganze Klasse 6 b der Europa-Schule hört zu. Schaut zu. Unbemerkt verstreicht die Zeit zwischen den hohen Bücherregalen der Brackeler Stadtteilbibliothek. Die 59-jährige Dortmunderin in Ringelhemd und schwarzer Lederweste reißt mit. Wandert in sportlichem Schritt vor den 28 Jugendlichen auf und ab. «Horrorgeschichten?», fragt die dunkle Stimme. «Nein, schreibe ich nicht. Ich schreibe lieber Liebesgeschichten. Der Mensch heute ist sowieso schon so verroht.» Mürrische Blicke, neidische Gesichter - wer wolle die sehen? Sie nicht, sagt Doris Meißner-Johannknecht. Sie nicht.

Sie wolle glücklich sein. Wie Pippi Langstrumpf. «Das war mein erstes Buch - und ich habe mir immer gedacht: Pippi? Das bin ich. Und wenn ich groß bin, dann leb' ich so.» Die hellen Augen hinter dem dicken Brillengestell lächeln schelmisch. Die Füße in den schwarzen Leinenschuhen wippen energiegeladen. Vor ein paar Jahren hat Doris Meißner-Johannknecht ein Haus in Dortmund gekauft. «Die Vorbesitzerin hat schon am Telefon gesagt, das sei eine Villa Kunterbunt.» Wieder das schelmische Glitzern in den hellen Augen.

Schon wirft sich die Schriftstellerin in den blauen Korbsessel. Zeit zum Fragenstellen. Warum sie nicht in Berlin lebe. Oder in Wien. Oder auf Mallorca. «In Berlin und Wien würde ich mein ganzes Geld für Kulturveranstaltungen ausgeben», sagt die dunkle Stimme. «Und auf Mallorca würde ich nur in der Sonne sitzen.»

Nein, Dortmund habe schon was. Sei vielleicht nicht die schönste Stadt auf der Welt - aber habe was. Das rechte Bein in grauer Trekkinghose fliegt über die Sessellehne. Eine Hand fährt durch die blonde Sturmwindfrisur. Doris Meißner-Johannknecht ist gerade von ihrer Lesereise aus Luxemburg zurück. «Ich habe die Koffer noch nicht mal richtig ausgepackt.» Das Geständnis klingt nicht im Mindesten betrübt.

Stattdessen ein fester Blick in die Gesichter der Schüler. «Ich freue mich, dass die Leute in meiner Stadt was Besonderes sind.» Hilke Schwidder

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