Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Pilze zum Kochen und Dämmen aus dem Hinterhoflabor

Gemeinschaftslabor Dezentrale sucht Lösungen

„Gemeinschaftslabor für Zukunftsfragen“, so nennt sich die Dezentrale im Unionviertel. Hochwertige Spezialgeräte stehen dort neben dubiosen Einmachgläsern mit Pilzgeflechten. Was dort alles passiert, kann nur ein Besuch klären. Im Fab- und BioLab ist jeder willkommen. Besucher staunen.

DORTMUND

, 05.04.2018
Pilze zum Kochen und Dämmen aus dem Hinterhoflabor

Uwe Heuer weiß, wie sich in Plastiktüten Delikatesspilze züchten lassen. © Dieter Menne

Durch Treppenhaus und Hinterhof, vorbei an Kinderrutsche und Kaninchenstall gelangen Besucher zu einer ganz besonderen Einrichtung: Die Dezentrale in der Richardstraße ist Forschungslabor, Werkstatt und Fortbildungsinstitut in einem. 3D-Drucker, Lasercutter und Pilze sind die Haupakteure im Gemeinschaftslabor. Neben den Mitarbeitern natürlich, Wissenschaftler vom Fraunhofer Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (Umsicht) in Oberhausen, das die Einrichtung betreibt.

Frauke Uppenkamp, Benedikt van Kampen, Jan Blömer und Ilhan Kahramah kümmern sich an diesem Tag um Projekte und um Gäste. Bei allen Aktivitäten  geht es darum, Ressourcen zu schonen, Emissionen zu verringern und weniger verschwenderisch mit der Umwelt umzugehen. „Die Leute können hier Dinge reparieren oder Ideen umsetzen“, erklärt Frauke Uppenkamp, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer-Institut.

Lösungen für eine lebenswerte Zukunft

So treffen sich in der Dezentrale, in der wenig an ein steriles Forschungslabor erinnert, Designer und Ingenieure, Nerds und Naturwissenschaftler oder einfach engagierte Bürger, die das schnelle Wegwerfen leid sind oder Lösungen suchen, die zu einer lebenswerten Zukunft beitragen. Die Dezentrale bietet dafür die Grundausstattung, in erster Linie verschiedene 3D-Drucker und -Scanner, Lasercutter und CNC-Fräse für digitale Fertigungen; Geräte, die für Privatmenschen in der Regel viel zu teuer sind. Einmal wöchentlich (mittwochs, ab 15 Uhr) lädt das FabLab, das Fabrikationslabor, als offene Werkstatt Tüftler ein, unter Anleitung ihr Projekt anzugehen.

Pilze zum Kochen und Dämmen aus dem Hinterhoflabor

Mitarbeiter Ilhan Kahramah probiert einen im 3D-Drucker gefertigten individuellen Stifthalter aus. Der bedeutet eine große Erleichterung für Rheumakranke und andere, die nicht gut greifen können. © Dieter Menne

Dienstags ab 14 Uhr öffnet das BioLab, dann geht es um Bakterien, Schleimpilze, Algen, Pilze und alles, was sich damit anstellen lässt. Und das ist eine Menge. Labornutzer Uwe Heuer  beispielsweise zeigt mittlerweile regelmäßig in Workshops, wie sich Limonenseitlinge, Austern- und Shiitake-Pilze zuhause ziehen lassen. „Das Thema ist sehr beliebt“, sagt Frauke Uppenkamp. Aber auch als Werkstoff, als Lederersatz, für die Gewinnung von Farbpigmenten oder als Grundmaterial für biologisch abbaubare Behälter lassen sich die Organismen nutzen.

Der 3D-Druck wird viel von Studenten, Architekten und Planern genutzt, die Modelle fertigen. Aber auch Bastler kommen ins FabLab, um sich spezielle Objekte ausdrucken zu lassen oder ein Ersatzteil. Eine Modedesign-Studentin nutzt regelmäßig den Lasercutter, um damit Stoffe zu bearbeiten. Frauke Uppenkamp: „Wir zeigen den Besuchern, wie es geht. Ziel ist aber, dass sie die Geräte dann selbst nutzen können.“ Unter Aufsicht, versteht sich.

Auch am PC entworfene komplexe Modelle oder eingescannte Gegenstände lassen sich mit den Maschinen einfach herstellen. „Oft wissen die Leute ganz genau, was sie machen wollen“, erzählt Ilhan Kahramah. Einen Pokal basteln beispielsweise oder ein Logo in Acrylglas lasern. 

Projekt für Rheumakranke

im Sinne des Zukunftsgedankens gehören aber eher die gedruckten Hilfsmitteln für die alternde Gesellschaft in das Gemeinschaftslabor. Stifthalter, Flaschenöffner oder Hörgeräte lassen sich ideal an die individuellen Hand- oder Ohrform anpassen. Das Bundesforschungsministerium fördert dazu das Fraunhofer-Projekt „SLS-Assist“, bei dem in erster Linie Rheumakranke eigene Hilfsmittel für den Alltag selbst herstellen.

Dr. Jan Blömer, der das Projekt betreut, bastelt zurzeit an einem Modell für einen Krückenständer. Die regenschirmartige  Konstruktion ist für eine an Kinderlähmung erkrankte Frau gedacht, deren Gehhilfen ständig hinfallen. „Das Forschungsinstitut hat immer auch den sozialen Aspekt im Blick“, sagt Blömer. Die lockere Atmosphäre der Dortmunder Umsicht-Außenstelle unterstütze diesen Gedanken, denn das Hinterhof-Lab ist bügernah und ungezwungen. Die Besucher bringen neue Ideen mit und die Kreativität bekommt Flügel. „Hier arbeitete ich ganz anders, als im Institut“, bestätigt Frauke Uppenkamp.

Pilze, Bakterien und Algen

Die hinterer Hälfte der Dezentrale gehört den Pilzen. Vor der Flow-Box zur Luftfilterung und in Klimaschränken reihen sich dort Gläser, Petrischalen und Plastiktüten mit undefinierbarem Inhalt aneinander. Lina Vieres experimentiert mit Pilzen zur Dämmung als nachhaltige Alternative zu Styropor für ihre Bachelorarbeit. Sie nutzt Abfälle wie Kaffeesatz oder Sägespäne als Nährboden.

In manchen Einweckgläsern lässt sich erkennen, wie die Pilzfäden das Substrat durchziehen und eine feste Struktur bilden. Zerbröselt lässt sich das Gespinst als Dämm- oder Baumaterial in jede Form pressen und kann dann im Ofen getrocknet werden. Ziegelförmige Proben stehen bereits im Regal. „Denkbar wäre auch, das federleichte Material für Einwegbesteck oder Geschirr einzusetzen“, sagt Frauke Uppenkamp. 

Jedenfalls bleibt es spannend, was das Labor für Zukunftsfragen noch so alles hervorbringt.

Dezentrale - Gemeinschaftslabor für Zukunftsfragen Richardstraße 18 Tel. 0231 33 04 52 43 BioLab: Dienstag 14 bis 19 Uhr FabLab: Mittwoch 15 bis 20 Uhr Weitere Infos auf der Homepage