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Noch nicht tastbar

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Seit knapp zwei Jahren gibt es das Mammographie-Screening in Dortmund, die systematische Reihenuntersuchung von Frauen zwischen 50 und 69 Jahren. Alle zwei Jahre werden sie zur Mammographie eingeladen, mit dem Ziel, die Sterblichkeitsrate zu senken. Noch immer hapert es mit der Akzeptanz. RN-Redakteurin Ulrike Böhm-Heffels sprach mit dem programmverantwortlichen Arzt, dem Radiologen Prof. Dr. Detlev Uhlenbrock.

23.10.2007

Professor Uhlenbrock, was würden Sie in dem folgenden Fall antworten, wenn Ihnen Frauen wie diese begegnen? Die eine ist Anfang 60, hat zum letzten Mal einen Frauenarzt gesehen bei der Geburt ihrer dritten Tochter und lehnt einen Besuch beim Gynäkologen, geschweige denn eine Mammographie, rundweg ab. Direkt in ihrer Nachbarschaft ist eine fast gleichaltrige Frau an Brustkrebs erkrankt. Und zwar so schwer, dass zunächst Chemotherapien nötig wurden, um den Tumor vor einer OP zu verkleinern. Auch diese Frau ging nie zum Arzt. Wie würden Sie die erste nun überzeugen?

Uhlenbrock: Wir haben eine Erkrankungsrate, die sehr stark vom Alter abhängig ist. In der Gruppe der 60- bis 70-Jährigen liegt die Häufigkeit bei 1:27, in der über 70 schon bei 1:8. Deshalb muss auch überlegt werden, ob wir beim Screening nicht über die 69-Jährigen hinaus gehen müssen. Diese Frau ist also in einem Alter, in der das Risiko steigt, und zwar heftig. Wir Radiologen sind generell nicht dagegen, dass die Frauen Selbstuntersuchungen machen, aber Brustkrebs zu tasten, bedeutet in der Regel, dass er zu groß ist. Auch wir haben Schwierigkeiten Knoten zu tasten, die 1 cm groß sind.

Das hört sich erschreckend an.

Uhlenbrock: Wir hatten auch schon drei Frauen, die mit dem subjektiven Gefühl kamen, gesund zu sein. Da war der Tumor bereits fünf cm groß. So erleben wir immer wieder, dass viele große Tumore auch nicht ertastet werden.

Wie viele Frauen hat das Mammographie-Screening inzwischen erreicht und mit welchen Erfolgen?

Uhlenbrock: Zum Stichtag, 30. September, hatten wir in knapp zwei Jahren 306 Karzinome nachgewiesen. Das waren 306 Frauen, die in dem Gefühl gekommen sind, sie seien gesund, darunter auch solche, die regelmäßig zum Frauenarzt gegangen sind. Es gibt ja immer wieder die Aussage, dass hier sei ein zu hoher Aufwand für zu wenig Effekt. Es sind bisher 38 745 Frauen gekommen von doppelt so vielen Eingeladenen. Wir haben 1795 zur Abklärung gebeten, 544 Frauen punktiert und bei 306 Bösartiges gefunden. Bei reinen Knoten haben wir eine Trefferquote von 80 Prozent. Bei Verkalkungen liegt das Verhältnis höher. Die sieht man mit dem Ultraschall nicht und auch nicht mit dem Kernspin-Tomographen.

Und die Größe der Karzinome?

Uhlenbrock: Wir, also alle am Screening beteiligten radiologischen Praxen, haben 109 Tumore gefunden, ein Drittel etwa, die kleiner als 1 cm waren. Für dieses Drittel können wir sagen, die haben eine 100-prozentige Heilungschance. Wir fanden auch 59 Tumore, die wir nur über den Kalk entdeckt haben, die also definitiv nicht tastbar sind und wo nur die Mammographie dieses Ergebnis liefern kann.

Wie wollen Sie die Akzeptanz weiter erhöhen, zum Beispiel auch bei Frauen mit Migrationshintergrund? Dr. Ulrich Thamer, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, plant u. a. Informationsbroschüren und Plakate in türkischer Sprache.

Uhlenbrock: Ja, was will ich wohl mit diesen Zahlen rüberbringen? Dass es sich lohnt! Es geht um drei Dinge: Diese Zahlen müssen in die Köpfe. Wir müssen den Frauen die Angst nehmen vor der Mammographie und vor einem möglichen Ergebnis. Die Geräte sind heute auch völlig anders. Es ist nicht mehr schmerzhaft. Alles, was Frauen hierüber hören, ist Vergangenheit. Und wir müssen den Frauen klar machen: Ein kleiner Tumor ist ohne weiteres behandelbar, ohne ein kosmetisches Problem. Nur die Wenigsten bekommen später Chemotherapie. Falls den Frauen der Einladungs-Termin nicht passt, ist es ein Anruf und alles lässt sich umorganisieren. Das Dritte ist: Wir werden nicht umhin kommen, noch mehr Werbung zu machen. Die Thamer-Initiative, um mehr Migrantinnen zu erreichen, finde ich wichtig.

Was sagen Sie zu den Studienergebnissen mit dem Magnetresonanz-Tomographen (auch Kernspin), nach denen etliche Knoten eher im MRT entdeckt wurden als in der Mammographie? Zumal der MRT ohne Strahlen arbeitet.

Uhlenbrock: Die Kernspin-Tomographie ist wirklich eine gute Methode. Jede Methode hat aber auch ihre Schwächen. Beim Kernspin ist der Kalk die Schwäche. Er lässt sich hierbei nicht erkennen. In der Summe ist die Mammographie noch die zuverlässigste Methode.

Welches Ergebnis hat Sie als verantwortlicher Ärztlicher Leiter des Screenings in Dortmund und Hagen am meisten beeindruckt?

Uhlenbrock: Dass wir mittlerweile Geräte haben und so viel Übung, um einen Tumor von vier mm zu sehen. Das ist vor acht, zehn Jahren noch nicht möglich gewesen.

Wer als Frau zwischen 50 und 69 Jahren eine Einladung zum Screening mit festem Termin-Vorschlag bekommen hat und sich noch nicht hierzu entscheiden konnte, kann sich jederzeit mit der koordinierenden Stelle in Münster in Verbindung setzen, am besten per E-Mail:

zentrale-stelle@mswl.de

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