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"Psychotherapeuten sitzen noch immer am Katzentisch"

DORSTEN Die Gesundheitsreform wirft ihre Schatten voraus. Angekündigte Beitragserhöhungen gehen mit besorgniserregenden Prophezeiungen Hand in Hand. Ab dem nächsten Jahr, so sagen Kritiker voraus, werden Kassenpatienten vor einem Facharzt-Termin lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen.

von Von Klaus-Dieter Krause

, 06.10.2008
"Psychotherapeuten sitzen noch immer am Katzentisch"

<p>Thomas Schregel. Krause</p>

Im Gespräch mit der Dorstener Zeitung machte Thomas Schregel, Diplom-Psychologe mit Praxis in Wulfen, jetzt klar, dass für einen wesentlichen Teil der medizinischen Versorgung, die Psycho-Therapie, dieses Horror-Szenario bereits heute alltägliche Realität ist.

Herr Schregel, im öffentlichen Bewusstsein hat sich endlich die Einsicht durchgesetzt, dass nicht nur physische, sondern in vielen Fällen psychische Ursachen die Menschen krank machen. Wie sieht die Versorgungslage für diese Patienten aus?

Schregel: Die Versorgung deckt nicht annähernd den Bedarf. Wartezeiten von sechs Monaten und mehr sind die Regel. Aber die Psychotherapeuten weisen neue, zusätzliche Patienten nicht aus Willkür ab, sondern wegen Überlastung - Angebot und Nachfrage stehen in keinem Verhältnis.

Wie viel Kranke betreuen Sie?

Schregel: Ich habe ca. 100 Patienten. Das ist die Obergrenze des leistbaren, 50 bis 60 wäre vernünftig.

Wie ist der Anteil von Kindern und Erwachsenen?

Schregel : Von meinen Patienten sind 30 Kinder und Jugendliche, 70 sind erwachsen. Ich betreue beide Altersgruppen und bin damit eher die Ausnahme. In Deutschland gibt es viel zu wenige Kinder- und Jugendpsychotherapeuten.

Auf 80 erwachsene Kranke kommen eigentlich 20 behandlungsbedürftige Kinder und Jugendliche, tatsächlich stehen 90 erwachsenen Patienten aber nur zehn Kinder gegenüber.

Was hat dieses Missverhältnis für Folgen?

Schregel: Wenn bereits Kinder unter Ängsten, Depressionen oder Verhaltensstörungen wie dem ADHS-Syndrom leiden, also Hyperaktivität und Aufmerksamkeits-Störungen, dann kann ihr komplettes Leben ruiniert werden, wenn die Erkrankung unbehandelt bleibt. Auch im Bereich der Prävention besteht großer Handlungsbedarf.

Was müsste denn geschehen?

Schregel: Die Psychotherapie sitzt immer noch am Katzentisch der Gesundheitspolitik. Das muss sich ändern. Wir brauchen mehr Therapeuten, die besser honoriert werden. Mir ist klar, dass es den Krankenkassen an Geld fehlt und sie eher zum Kürzen als zum Aufstocken neigen. Aber jedem verantwortlichen Politiker, Mediziner und Krankenkassen-Vertreter dürfte eigentlich klar sein, dass die Folgen fehlender oder unzureichender psychotherapeutischer Behandlung alle langfristig viel teurer zu stehen kommen werden.

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