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"Paul" ist nun bei seinem neuen Vormund zuhause

Nach intensivpädagogischer Auslandsbetreuung

Wir haben in diesem Jahr viel über „Paul“ geschrieben. „Paul“, das ist das Pseudonym für einen mittlerweile zwölfjährigen Jungen mit Dorstener Wurzeln, der zwischen 2014 und 2015 sieben Monate in Ungarn war. Dort wurde er mit Zustimmung des Dorstener Jugendamtes, das die Vormundschaft für „Paul“ hatte, "intensivpädagogisch" betreut.

Dorsten

, 29.12.2015

 Wir haben erstmals mit „Paul“ gesprochen. Und müssen das Bild, das wir von ihm gezeichnet haben, ausradieren und neu entwerfen. 

„Paul“ ist wegen der Berichterstattung auch in unserer Zeitung im kollektiven Gedächtnis als ein schwer gestörtes Kind abgespeichert worden. Als ein Kind, dem mit „normalen“ pädagogischen und psychologischen Maßnahmen nicht beizukommen war. Als ein Kind, das „einer intensiven Unterstützung zur sozialen Integration und zu einer eigenverantwortlichen Lebensführung bedarf, das über längere Zeit Hilfe braucht, um seinen individuellen Bedürfnissen Rechnung zu tragen“. So steht es im Paragrafen 35 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes für intensivpädagogische Maßnahmen. Das ist der Paragraf, der auf „Paul“ angewendet wurde.

Nicht nur sieben Monate

„Paul hat nicht nur sieben Monate seines Lebens in Ungarn verloren, sondern auch drei Jahre vorher in der stationären Unterbringung in einem Kinderdorf“ – Harald Hoppe, „Pauls“ Ziehvater, verurteilt scharf, was „Paul“ widerfahren ist. Er kritisiert insbesondere, dass das wehrlose Kind aufgrund von „teilweisen Fehldiagnosen“ und Fehleinschätzungen sowie Vernachlässigung seines Bedürfnisses nach Zuwendung von Betreuern, Fachärzten und Psychotherapeuten und dem Amtsvormund beinahe zerstört worden sei.

„Wir haben um eine psychiatrische Untersuchung des Kindes zur Abklärung gebeten, ob und gegebenenfalls  welche psychiatrischen Krankheitsbilder vorliegen“, sagt Hoppe, nachdem seine Frau und er „Paul“ kurz nach der Rückkehr aus Ungarn mit Erlaubnis des Jugendamtes Viersen in Obhut nehmen durften. Die Hoppes sind entfernte Verwandte des Jungen und seit 1. Oktober vom Familiengericht Viersen zu Vormündern des Zwölfjährigen bestellt worden.

Aktuelles Untersuchungsergebnis

„Paul“ wurde auf Initiative der Eheleute Hoppe von Dr. Claudia Neumann, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in der Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie des St.-Alexius-Krankenhauses in Neuss in sieben ein- bis zweistündigen Untersuchungseinheiten im Spätsommer 2015 begutachtet. Ihr Ergebnis: Der Junge weist keinerlei Störungen auf, er ist überdurchschnittlich begabt und bedarf keiner Psychotherapie. Wie kann es dann sein, dass das Kind „Paul“ mit sechs Jahren von einer Psychiatrischen Kinder- und Jugendklinik in Mönchengladbach und 2012 von einer weiteren in Viersen als Kind „mit Bindungsstörungen, Enthemmungen und Störungen des Sozialverhaltens mit depressiver Störung“ beschrieben wird?

Harald Hoppe hat dazu eine Theorie. Er glaubt, dass „eine Fachklinik von der anderen die Gutachten ohne nähere Untersuchung des Kindes „weitestgehend übernommen“ habe und genauere Überprüfungen auch vor „Pauls“ Ungarnaufenthalt ausgeblieben seien.

Und: „Pauls ehemaliger Dorstener Jugendamts-Vormund habe das Kind circa acht Tage vor seiner Ausreise in einem Gespräch von eineinhalb Stunden Dauer kennengelernt, obwohl dazu Monate vorher Gelegenheit gewesen wäre.“ Die Betreuung in Ungarn sei aus den veralteten Gutachten abgeleitet worden, sagt Hoppe. Weil niemand sich die Mühe gemacht habe, sich eingehender mit „Paul“ zu befassen, sei das Bild haften geblieben, dass „Paul“ ein Problemfall ist. Gleichwohl räumt Hoppe ein: „Paul hat erzieherische Defizite. Das stellen wir natürlich auch fest.“ 

Mehr zum Fall "Paul" in unserer E-Zeitung:

http://ezeitung.dorstenerzeitung.de/?c=2014

Für Nordrhein-Westfalen belief sich die Anzahl der im Ausland durchgeführten Leistungen der Hilfen zur Erziehung, der Hilfen für junge Volljährige sowie der Eingliederungshilfen für seelisch behinderte junge Menschen laut jüngster amtlicher Kinder- und Jugendhilfe-Statistik 2013 auf 396 Fälle bei insgesamt rund 115 700 Hilfen zur Erziehung.
Die Zahl der im Ausland durchgeführten Hilfen ist zwischen 2008 und 2012 landesweit von 290 auf rund 420 Hilfen pro Jahr gestiegen und 2013 wieder etwas zurückgegangen. Diese Entwicklung ist ebenso für die beiden Landesjugendamtsbezirke nachzuvollziehen.
Im Wesentlichen – nämlich zu etwa 90 Prozent – geht es dabei um Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren und junge Volljährige. Im Verhältnis zur Zahl der 14- bis 17-Jährigen sind es in dieser Altersgruppe nicht ganz zwei Fälle pro 10 000 Jugendliche insgesamt.
Auf der Basis dieser Informationen und des dargestellten rechtlichen und faktischen Sachverhaltes machte die im Mai 2015 noch amtierende Familienministerin Ute Schäfer „keinen Hehl aus meiner Skepsis gegenüber der Durchführung von Maßnahmen im Ausland“. Ministerin a.D. Ute Schäfer schloss dabei ausdrücklich nicht aus, dass intensive sozialpädagogische -Maßnahmen „in ganz wenigen, äußerst eng zu definierenden, Einzelfällen sinnvoll sein können – zum Beispiel wenn sich Jugendliche nach Straftaten aus einem kriminalitätsgefährdenden sozialen Umfeld lösen müssen und sollen“.