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Die Stille im Lärm

Interview mit Revolverheld

Die Erfolgsbilanz von Revolverheld kann sich sehen lassen: 1,7 Millionen verkaufte CDs, „Best German Act“ bei den MTV Europe Music Awards und ein Echo als „beste Gruppe national Rock/Pop“. Trotzdem ist Sänger Johannes Strate nicht mehr so gestresst wie früher.

, , 11.04.2018
Die Stille im Lärm

Nicht im Einheitsbrei untergehen. Das funktioniert mit klaren Statements – in der Mode wie mit Songtexten.Foto: Benedikt Schnermann

Von Olaf Neumann

Obwohl Revolverheld schon seit 13 Jahren zusammen Musik machen, sind sie immer noch energiegeladen. Ende der Woche erscheint mit „Zimmer mit Blick“ ihr fünftes Studioalbum. Zudem nimmt Revolverheld-Sänger Johannes Strate an der neuen Staffel von „Sing meinen Song“ teil. Im Interview spricht der Frontmann über Haltung, Populisten und Haare in der Suppe.

Johannes Strate, wie findet man die „Stille im Lärm“?

Indem ich immer wieder auch Sachen nur für mich mache. Ich verreise mal für ein Wochenende alleine oder gehe auf Tour alleine spazieren. Früher konnte ich das nicht so gut, aber in den letzten Jahren habe ich gelernt, alleine zu sein. Das macht vielleicht auch das Alter.

Ein Lied auf Ihrem Album heißt „Liebe auf Distanz“. Wie autobiografisch ist dieser Song?

Sehr. Ich hatte mit meiner Freundin vier Jahre eine Fernbeziehung zwischen Hamburg und Köln. Das kann einen ganz schön zermürben, und irgendwann fragt man sich, ob das alles Sinn macht. Gottseidank haben wir durchgehalten, und irgendwann ist sie nach Hamburg gekommen.

Muss man sich Ihr Leben als eine Mischung aus Nähe und Distanz vorstellen?

Ein bisschen schon. Zum Glück bin ich meistens nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs. An einem freien Tag fliege ich immer nach Hause, oder meine Familie kommt mich irgendwo besuchen.

Müssen Sie bei dem vielen Hin und Her vorsichtig sein, dass die Seele noch hinterherkommt?

Es sind manchmal wirklich so viele Eindrücke, dass meine Seele sich eingeengt fühlt. Dann werde ich mürrisch und abweisend. Ich bin heute aber nicht mehr so gestresst und gehetzt wie noch vor zehn Jahren. Es gibt so viele Sachen, die wichtiger sind als der Job. Gerade wenn man ein Kind hat, relativiert sich vieles von dem, was man sonst als dramatisch empfindet.

Was kann für einen Musiker wichtiger sein als Songs zu schreiben und Konzerte zu spielen?

Manchmal ist es einfach wichtiger, mit meinem Jungen schwimmen oder auf den Spielplatz zu gehen. Es ist immer die Frage, in welcher Lebensphase ich gerade bin. Eigentlich halten Job und Privatleben sich bei mir die Waage.

Welches ist das „dickste Haar in der Suppe“ Ihres Lebens?

Ich versuche immer mehr, das Leben so zu nehmen, wie es ist – mit allen Rückschlägen und schönen Dingen, die passieren. Ich bin sehr demütig, was mein Leben angeht. Mir geht es sehr gut, ich habe eine tolle Familie und eine tolle Band. Deswegen gibt es eigentlich kaum Haare in meiner Suppe. Und wenn, dann schlucke ich sie einfach runter.

Erwarten Sie von sich nach wie vor sagenhafte Abenteuer und wunderbarste Dinge, die Ihnen als Künstler passieren würden?

Ich bin nicht mehr daran interessiert, dass alles noch schneller, größer und toller wird. Über den Punkt bin ich hinweg. In den letzten Jahren ist es für uns großartig gelaufen, und ich würde mir wünschen, dass wir weiterhin schöne Konzerte spielen können.

Was fasziniert Sie daran, auf einer Bühne zu stehen?

Wenn ein Song, den man irgendwo im stillen Kämmerlein geschrieben hat, von Tausenden von Leuten mitgesungen wird, ist das wirklich ein verrücktes Gefühl. Ich bin in dem Moment voller Freude, aber manchmal bin ich auch nervös. Ein bisschen Aufregung ist immer gut, aber ich kann mich nicht die ganze Zeit damit beschäftigen. Dann würde ich ja irre werden.

Wollten Sie schon als Kind Musiker werden?

Meine Eltern sind beide Musiker. Ich fand es immer faszinierend, wie viel Spaß sie bei ihren Konzerten hatten und wie viel Freude sie den Menschen machten. Das wollte ich auch. Und ich fand es spannend, selbst etwas zu kreieren. Wenn man es schafft, mit eigenen Inhalten Leute zu erfreuen, ist das großartig.

Der melancholische Song „Zimmer mit Blick“ beschäftigt sich mit den unruhigen und gefährlichen Zeiten, in denen wir leben. Was machen die vielen schlechten Nachrichten mit Ihnen?

Ich nehme das natürlich wahr und kann es für mich einordnen. Wichtig ist, dass man dabei eine Haltung hat. Es geht nicht, sich immer in seine Komfortzone zurückzuziehen, was wir in dem Song als „Zimmer mit Blick“ bezeichnen. Man kann in der heutigen Zeit nicht mehr sagen: „Davon habe ich nichts gewusst“. Wir müssen alle unsere Komfortzone verlassen und gucken, was wir zu dem Großen und Ganzen beitragen können. Das haben die Generationen vor uns auch gemacht. Unsere Großeltern mussten sich noch nachts im Bunker verstecken; das ist für uns undenkbar. Aber so weit weg ist das gar nicht. Dass wir es seitdem geschafft haben, all diese Länder und Mentalitäten in Europa zusammenzuführen, ist eine große Errungenschaft. Wir können es nicht hinnehmen, dass irgendwelche populistischen Kräfte das wieder auseinandersprengen. Wir müssen zusammenstehen und zusehen, dass der gesunde Menschenverstand am Ende siegt.

Wie bringt man Populisten aus dem Takt?

Mit Dialog. Die Populisten nutzen die Unwissenheit und die Ängste derjenigen aus, die es nicht besser wissen. Man muss mit den Menschen sprechen, die komische Parolen von sich geben. Das hat die Politik wahrscheinlich versäumt. Deswegen kann die AfD von links und rechts die Versprengten abgreifen. Die müssen jetzt wieder mit integriert werden. Und was Klimapolitik angeht, muss man sich überlegen, mit welchem Verkehrsmittel man in welches Land reist. Oder was man wo einkauft. Es ist ehrlich gesagt einfach, sich ein Konsumverhalten anzueignen. Das wird für die nächsten Generationen selbstverständlich werden. Ich glaube nicht, dass mein Sohn jemals in seinem Leben mit einer Plastiktüte einkaufen gehen wird. Er wird auch nicht mit einem Benzinmotor einkaufen fahren und sich im Winter eine Schale Erdbeeren aus Neuseeland kaufen.

In was für einer Welt soll Ihr Sohn mal leben?

Hoffentlich in einer aufgeklärten Welt mit einem liebevollen Miteinander. Ich hoffe sehr darauf, dass die Aufklärung in bestimmten Ländern weiter voranschreitet und diese Regionen ein friedliches Miteinander finden. Manchmal kann man nicht glauben, dass das je funktioniert. Aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Die Erste Welt muss ihre Arroganz ablegen, denn sie ist zum großen Teil für die Probleme in der Dritten Welt verantwortlich. Sie muss dort sinnvoll beim Aufbau helfen.

Gab es ein Ereignis, das Sie politisiert hat?

Mein Vater hat mich so erzogen. Er gründete bei uns auf dem Dorf die Vorgängerpartei der Grünen. Ich bin in den 80er-Jahren auf Antiatomkraftdemos mitgelaufen. Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl war ein Ereignis, das mich sehr geprägt hat. Ich durfte als Kind bei Regen nicht raus, was ich total absurd fand. Daran habe ich gemerkt, dass auf der Welt ganz viel schief läuft: Kernenergie – was für ein Quatsch! Wir machen die Natur kaputt, und die Tiere sterben aus.