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Pia Lenz am Freitag in Marl ausgezeichnet

Grimme-Preis an Filmautorin aus Castrop-Rauxel

Die 31-jährige Filmemacherin Pia Lenz stammt aus Obercastrop. Am Freitag erhielt sie eine ganz besondere Auszeichnung für ihren Dokumentarfilm – den Adolf-Grimme-Preis.

Castrop-Rauxel

, 13.04.2018
Pia Lenz am Freitag in Marl ausgezeichnet

Autosave-File vom d-lab2/3 der AgfaPhoto GmbH © Only the Best :-))

Sie macht Filme. Sie stammt aus Castrop-Rauxel. Sie ist 31 Jahre jung. Jetzt gewinnt sie einen weiteren großen Journalistenpreis: Pia Lenz, aufgewachsen in Obercastrop, hat am Freitag den Adolf-Grimme-Preis für ihre Fernseh- und Kino-Doku „Alles gut – Ankommen in Deutschland“ in Empfang genommen.

Pia Lenz wuchs in Obercastrop auf, machte am Mallinckrodt-Gymnasium in der Dortmunder Innenstadt 2005 ihr Abitur. Sie beschritt in jener Zeit mit einem Praktikum bei der WAZ in Castrop-Rauxel ihren Weg in den Journalismus, studierte Sprachwissenschaften, Journalistik und Betriebswirtschaftslehre in Dortmund, wohnte in der Zeit mit ihrer Schwester in einem Mehrfamilienhaus direkt am Altstadtmarkt.

Familie lebt noch in Castrop-Rauxel

Inzwischen hat sich ihr Lebensschwerpunkt nach Hamburg verschoben, auch wenn ihre Mutter noch auf Schwerin wohnt. „Ich habe Freunde und Familie in Castrop, deshalb bin auch regelmäßig zu Weihnachten im Zelt oder bei ‚Castrop kocht über‘ auf dem Marktplatz.“ Aber ihre Wirkungsstätte ist die Medienstadt Hamburg: Nach einem Jahr in den USA zog sie 2009 dorthin um, studierte an der Hamburg Media School, arbeitete für „Spiegel Online“, realisierte ihre ersten Filme und schloss 2013 ein Volontariat beim Norddeutschen Rundfunk ab.

Heute arbeitet sie als feste freie Journalistin für die „Panorama“-Redaktionen des NDR (das Magazin läuft regelmäßig im Ersten) und als Dokumentarfilmerin und Regisseurin. Für „Hudekamp – ein Heimatfilm“ gewann sie 2013 den Deutschen Fernsehpreis.

Für ihren Dokumentarfilm „Alles gut – Ankommen in Deutschland“ räumte Pia Lenz nun den Grimme-Preis im Bereich Information und Kultur ab: Er gilt als der renommierteste Preis für deutsche Fernsehmacher. Darüber telefonierten wir am Tag vor der Preisverleihung, also am 13. April 2018, mit ihr.

Frau Lenz, Sie sind morgen in Marl und gewinnen den Grimme-Preis. Journalisten fragen gerne: Wie fühlt sich das an?

(lacht) Ja, das ist so eine Frage wie man sie Fußballern direkt nach dem Spiel stellt... Gemeinsam mit meinen Panorama-Kollegen gewinne ich sogar noch einen zweiten Grimme-Preis für die Berichterstattung über den G20-Gipfel in Hamburg. Das ist schon unglaublich. Unglaublich toll.

Seit wann wissen Sie davon, dass Sie gewinnen?

Es gibt beim Grimme-Preis immer ein Bergfest. Das ist in der Woche, in der die Jury in Marl über die Preise entscheidet. Alle, die nominiert sind, sind zu diesem Bergfest eingeladen. Man tauscht sich mit der Jury und anderen Nominierten aus.

Wir sind relativ entspannt dorthin gefahren und waren schon glücklich allein über die Nominierung. Das Thema, um das es in „Alles gut“ geht, also Flüchtlinge, ist ja nicht mehr so weit oben auf der journalistischen Agenda wie noch 2015. Der Film spart nichts aus, nicht die Stille, nicht die Ratlosigkeit, er gibt aber auch keine einfachen Antworten. Es ist ein leiser Film, auf den man sich erst einlassen muss. Ich kam dann beim Bergfest mit der Jury ins Gespräch, die beim Grimme-Preis nicht nur Journalisten umfasst. Da merkte ich, dass der Film sie erreicht, sogar berührt hatte. Mehr kann ich mir als Filmemacherin nicht wünschen. Dass ich die Auszeichnung erhalten werde kommt jetzt noch obendrauf und das ist für mich zurzeit noch etwas surreal. Die Realisierung kommt dann wohl erst morgen in Marl.

Sie sind ja auch erst 31 Jahre alt. Ganz schön jung für so viele Preise...

Ich habe sehr viele Nachrichten von netten Kollegen bekommen. Einige meinten – natürlich nicht ganz ernsthaft: Ich könne mich dann ja jetzt zur Ruhe setzen.

Und? Tun Sie das?

Das ist natürlich nicht mein Anliegen. Es ist sogar eher das genaue Gegenteil. So eine große Wertschätzung nimmt man mit in neue Ideen und Projekte.

Was machen Sie denn jetzt?

Ich arbeite an einem neuem Stoff. Jeder Film ist anders. Es fühlt sich manchmal so an, als hätten Filme ihren eigenen Kopf. Aber man entwickelt sich auch selbst immer weiter, bekommt ein feineres Gespür für Stoffe, für Dramaturgie und die eigene Bildsprache, die bei mir eine große Rolle spielt, da ich meine Filme auch selbst drehe.

Wie aufwendig war denn Ihr Sieger-Film?

Die Drehzeit betrug etwa ein Jahr, dazu kann man noch ein halbes Jahr Vorbereitung und ein Jahr Nachbereitung rechnen. Ich habe für den Film zwei Familien begleitet und erzähle über das Ankommen aus der Perspektive der Kinder. Das waren intensive Dreharbeiten, weil ich mit meiner Kamera sehr nah war und selbst zum Alltag der Familien geworden bin, um den abbilden zu können. Wir sind mit dem Film später zu Filmfestivals in die USA und Europa gereist und sind durch ganz Deutschland getourt, er wurde in fast 150 Städten gezeigt. Ich war zwar nicht überall selbst dabei, aber solche Dokumentarfilme laufen oft in Kombination mit einem Filmgespräch und ich war monatelang mit „Alles gut“ in ganz Deutschland unterwegs, das war eine besondere Erfahrung. Da sind intensive Diskussionen mit dem Publikum entstanden, die so ein Film möglich machen kann.

Welche Art Publikum denn? Ein Film über Flüchtlinge in Deutschland zieht vermutlich eher die Leute an, die der Herausforderung offen und positiv gegenüberstehen... oder eben genau die andere Seite, die der Gegner.

Wir wussten erst einmal gar nicht, wie voll die Kinosäle so werden. Aber es lief gut und der Film war dann ja auch noch im Ersten zu sehen. Man hofft ja als Autorin, dass man mit so einem Film auch die Skeptiker, die Gegner erreicht.

Natürlich war ein Großteil der Zuschauer an dem Thema interessiert und aufgeschlossen, wir hatten zum Beispiel viele Vorstellungen mit Ehrenamtlichen aus der Flüchtlingshilfe und mit örtlichen politischen Vertretern. Und als Filmemacherin ist es das schönste Gefühl, wenn der Film etwas auslöst in den Menschen, die ihn sehen. Es passierte einige Male, dass sich Vereine und Flüchtlingsinitiativen später bei mir meldeten, dass sich im Nachgang viele neue Helfer gefunden hätten.

Woran lag das?

Eine Vorführung im Kino ist noch mal was anderes, das ist ein geschützter Raum, die Zuschauer sind noch näher dran, durch die riesige Leinwand, durch den Ton, keine Ablenkung drumherum. Aber wichtig war für uns auch, dass er dann im TV lief. 95 Minuten Dokumentarfilm im Ersten, das ist schon ein Privileg, wenn man es da in die Programmschiene schafft.

Um 20.15 Uhr?

Nein, der Film lief um 23.15 Uhr. Aber von diesen Sendeplätzen für so lange Dokumentarfilme, gibt es nur eine begrenzte Zahl. Der Film ist nicht formatiert wie andere Sendungen, sondern ein reiner O-Ton-Film, also ohne Sprechertext und Kommentar. Darauf muss man sich als Zuschauer erst einmal einlassen.

Was war wichtiger: die Tour oder die Ausstrahlung im Fernsehen?

Beides. Im Fernsehen erreicht man noch ganz andere Zuschauer. Leute, die auch zufällig einschalten und dann hängenbleiben.

Der Film wurde auch in Castrop-Rauxel vorgeführt. Sie waren aber gar nicht da...

Stimmt. Meine Mutter hat sich damals aber den Film da angeschaut und berichtet, dass einige Zuschauer dabei waren und er eine intensive Diskussion ausgelöst hat. Ich weiß gar nicht, ob die Veranstalter wissen, dass der Film von mir, also einer Castrop-Rauxeler Regisseurin war.

An was arbeiten Sie denn aktuell? Was können Sie verraten?

Ich recherchiere für einen neuen Kino-Dokumentarfilm. Ich möchte ein altes Paar über Jahre begleiten und stelle mir die Fragen, was am Ende eines langen Lebens und Ehelebens bleibt. Für „Panorama – die Reporter“ arbeite ich gerade mit einer Kollegin an einem Film, der durch die Me-Too-Debatte entstanden ist. Ausgehend von der Idee, dass wir eigentlich in dem Glauben aufgewachsen sind, dass wir natürlich gleichberechtigt sind und alles erreichen können, erzählt der Film von Rollenbildern und Machtstrukturen.

Eins nach dem anderen: Herzlichen Glückwunsch und viel Spaß in Marl.

Wer den Film „Alles gut – Ankommen in Deutschland“ sehen möchte, dieser wird noch zweimal im TV gesendet: Dienstag, 17. April, 0 Uhr NDR, Donnerstag, 19. April, 23.15 Uhr SWR. Weitere Infos zum Film gibt es im Netz unter www.alles-gut-film.de
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