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Als es in Castrop-Rauxel noch elf Hauptschulen gab

Interview

Er war nur einer der Ex-Lehrer, die Mittwoch zusammen das Ende der Hauptschule in Ickern begingen. Aber einer, der viele Schulen erlebt hat: Lothar Schledz. Wir sprachen mit ihm.

Castrop-Rauxel

, 06.07.2018
Als es in Castrop-Rauxel noch elf Hauptschulen gab

Lothar Schledz, heute 78, früher Lehrer und Rektor an verschiedenen Hauptschulen in Castrop-Rauxel. © Tobias Weckenbrock

Er ergriff seinen Beruf, als es die Volksschule noch gab: eine Schule, die Grund- und Hauptschule vereinte. Im Interview mit unserer Redaktion lässt Lothar Schledz, einst auch Rektor der Franz-Hildebrand-Hauptschule, durchblicken, dass er ein Verfechter der integrierten Schule ist. Wir sprachen mit ihm über die Schullandschaft in Castrop-Rauxel, die Sekundarschulen und was er eigentlich von Gesamtschulen hält.

Herr Schledz, Sie sind am Mittwoch auf viele ehemalige Weggefährten getroffen, um Abschied von der letzten Hauptschule der Stadt zu nehmen. Wie war’s?

Eine sehr gute Veranstaltung, die Herr Braukmann geplant hatte. Es waren ehemalige Schulleiter verschiedener Castrop-Rauxeler Hauptschulen da – vor 50 Jahren waren das ja allein elf. Dann waren es sechs, später zwei. Herr Wittkopp, Herr Winkelmann, Herr Uding – wir saßen zusammen in der Mensa, auch ehemalige Kollegen der letzten Hauptschule und einige Elternvertreter. Die anwesenden Schulleiter hatten dann Gelegenheit, jeder einige Minuten über ihre Hauptschule zu berichten.

Als es in Castrop-Rauxel noch elf Hauptschulen gab

In der Mensa an der Uferstraße trafen sich (v.l.) Peter Braukmann (Franz-Hillebrand-Hauptschule), Reinhard Jaisfeld (Schillerstraße, Franz-Hillebrand-Hauptschule), Schulamtsdirektorin Heike Gems-Lindner, Walter Winkelmann (Cottenburger Straße), Madelaine Stoverock (Schillerstraße), Ralf Wittkop (Bahnhofstraße), Siegbert Uding (Uferstraße), Sozialdezernentin Regina Kleff, Lothar Schledz (Wittener Straße, Lange Straße, Franz-Hillebrand-Hauptschule) und Peter Leibold (Waldenburger Straße). Sie sprachen über alte Zeiten. © Schule

Da wird ja viel Positives darunter gewesen sein...

Klar, es waren vor allem die positiven Dinge, die die Hauptschulen den Schülern gegeben haben. Es war irgendwo eine Feierstunde, allerdings aus einem traurigen Anlass. Wir waren nicht stolz, aber doch zufrieden, dass wir in den 50 Jahren sehr viel für die jungen Menschen getan haben. Obwohl das Arbeiten in den letzten Jahren immer schwieriger wurde.

Warum?

Vor 50 Jahren gingen 50 Prozent aller Grundschüler zur Hauptschule. Zuletzt waren es nur noch etwa 5 Prozent, die übrig geblieben sind.

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Wie kommt das aus Ihrer Sicht?

Andere Schulformen werden von den Eltern favorisiert.

Aber dann kann doch nicht alles gut gewesen sein auf den Hauptschulen, oder?

Es lag nicht an der Arbeit an den Hauptschulen. Es begann eine Zeit, in der Lehrstellen weniger wurden und die Eltern qualifiziertere Abschlüsse für ihre Kinder wollten. Dabei haben wir Schülern in der 10b ja auch die Mittlere Reife bescheinigt. Es gab verschiedene weitere Faktoren, zum Beispiel die Gründungen der zwei Gesamtschulen.

Von denen gerade erst auch eine geschlossen wurde...

Ja, aber damals sind viele zur Gesamtschule gegangen, zum Teil auch zur Realschule. In ganz NRW ist die Tendenz weg von der Hauptschule gegangen. Ich war jahrelang Vorsitzender der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, d. Red.) im Stadtverband. Wir haben gerade in den 60er-Jahren sehr für die neue Schulform Gesamtschule gekämpft.

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Sie waren also für die Einführung?

Als Hauptschulmann war ich für die Einführung der Gesamtschule, ja, weil es für Schüler nach der 4. Klasse gut war, noch alles offen zu halten. Viele Schüler kamen ansonsten später von der Realschule zu uns, wenn sie zweimal sitzen geblieben sind. Wir haben sie dann aufgefangen und ihnen neues Selbstvertrauen gegeben.

Die Sekundarschule soll offener sein. Aber ist es nicht nur ein neuer Name für dasselbe?

Das sehe ich auch so. In Castrop-Rauxel kam ja noch der Bürgerentscheid dazu, dass die Realschule bestehen bleiben sollte. Wir in Ickern haben eigentlich gehofft, dass es für Castrop-Rauxel nur noch die Sekundarschule gibt. Aber das wäre auch nur ein mäßiger Kompromiss gewesen.

Welcher Kompromiss?

Ich hielte ein System mit Gesamtschule und Gymnasium für ausreichend. Die Schüler, die in der Grundschule positiv auffallen, sollten ans Gymnasium, die anderen an die Gesamtschule. Dabei war ja in den 60er-Jahren die Idee, nur noch Gesamtschulen zu haben. Man setzte damals voll auf die Durchlässigkeit. Es wären aber Mammutschulen gewesen – und das wollten wir als Gewerkschaft damals nicht. Das Arbeiten an der Hauptschule war immer einfacher, weil man nur 20 bis 24 Schüler in einer Klasse hatte. Und es gab nur Zweizügigkeit, also konnten sich die Lehrer besser kümmern. Der Kontakt war intensiver als an einer Schule mit 1200 Schülern.

Welche Schullandschaft hätten wir dann heute in Castrop-Rauxel?

Eine große Gesamtschule, die nach Klasse 10 zum Abitur führt. Zwei kleinere Gesamtschulen bis zum 10. Schuljahr. Von dieser Idealvorstellung haben wir uns aber gelöst.

Bekommen Sie heute noch mit, wie die Arbeit an Sekundarschulen ist?

Die Sozialarbeit hat dort heute Priorität, das geht aus Gesprächen, die ich ab und an geführt habe, schon hervor. Das wäre aber bedauerlich, wenn die Hauptschule die Arbeit beendet und dann nur noch die sogenannten Restschüler – das Wort möchte ich so eigentlich gar nicht benutzen – nur in die Sekundar- oder Realschule gehen.

Die wechselvolle Schullaufbahn von Lothar Schledz
  • Lothar Schledz ist 78 Jahre alt, verheiratet und wohnhaft seit 36 Jahren auf Schloss Bladenhorst.
  • Seine berufliche Laufbahn fing an der Volksschule Lutherschule an. 1962 begann er dort als Lehrer an der Denkmalstraße.
  • 1968 kam der Wechsel des Schulsystems von Volksschule zu Grundschule / Hauptschule unter Kultusminister Fritz Holthoff (SPD). Man teilte die Volksschule in vier Jahre Grund- und vier Jahre Hauptschule auf.
  • Schledz wechselte an die Hauptschule 8 in Obercastrop, dort, wo heute die Elisabethschule ist. Die elf neuen Hauptschulen in Castrop-Rauxel waren durchnummeriert.
  • Er wurde dort 1971 Konrektor, dann aber ging die Schule ein. Von den elf Hauptschulen gab es zu diesem Zeitpunkt nur noch sechs.
  • Nach der Auflösung kam er als Konrektor nach Merklinde an die Hauptschule an der Wittener Straße, aus der später die Friedrich-Harkort-Schule wurde. 1982 wurde er dort Schulleiter und blieb bis 1988.
  • Dann kämpfte die Schulgemeinschaft um den Erhalt dieser Schule. Es hieß, dass nur noch zwei Hauptschulen – eine im Norden, eine im Süden – erhalten bleiben sollten. Zwei andere Schulen kämpften im Süden: die Cottenburgschule und die Schillerschule. Schledz: „Die damals marodeste Schule, die Schillerschule, wurde dann ausgewählt.“
  • Seine Schule lief also wieder aus, und er ging als Schulleiter an die Hauptschule an der Langen Straße in Habinghorst – die Schule, die im Norden übrig geblieben war.
  • Bis 1995 blieb sie an dem Standort, dann zog die Schule an die Uferstraße um, weil die Räume dort für eine Hauptschule besser waren: ein Sportplatz vor der Tür, ein Lehrschwimmbecken, eine Sporthalle. Eine Mensa kam dann später dazu. Die Schule wurde zur Franz-Hillebrand-Hauptschule, benannt nach dem beliebten und engagierten Pfarrer von St. Antonius.
  • 2004 ging Lothar Schledz in den Ruhestand.
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