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Brief an Virginia O’Hanlon

„Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Es gibt ihn so gewiss wie die Liebe, die Großherzigkeit und die Treue…“. An diese Antwort auf die frage eines kleinen Mädchens erinnert Chefredakteur Hermann Beckfeld und damit an eine fast vergessene Geschichte.

Brief an Virginia O’Hanlon

Virginia O’Hanlon

Liebe Virginia,

„Ich bin acht Jahre alt. Einige meiner kleinen Freunde sagen, es gibt keinen Weihnachtsmann. Papa sagt, was in der Sun steht, ist immer wahr. Bitte sagen Sie mir: Gibt es einen Weihnachtsmann?“

Genau vor 120 Jahren hast Du diesen Brief an die New York Sun geschickt. Niemand konnte damals ahnen, dass Deine Anfrage und die Antwort von Francis P. Church um die ganze Welt gehen würden und bis heute von Tageszeitungen auf allen Kontinenten in der Adventszeit abgedruckt werden; auch wenn es die einst renommierte Sun seit 1950 nicht mehr gibt und Francis P. Church und Du schon vor Jahrzehnten gestorben seid.

Die Geschichte, Deine Geschichte hat so viele wunderschöne Facetten. Da ist Dein Vater Philipp, der die Frage nicht beantworten will, auch nicht kann, um Dir nicht Deine Träume zu nehmen, aber Dich andererseits nicht im Ungewissen lassen möchte. Da bist Du, das mutige Mädchen, das auf den Rat des Vaters hört und der Zeitung schreibt, um die Wahrheit zu erfahren. Und dann ist da Francis P. Church, der von seinem Chefredakteur beauftragt wird, Dir und den Lesern zu antworten.

Schrullig, verhärmt und kaltblütig

Eigentlich schien der Autor dafür völlig ungeeignet. Große Gefühle waren ihm zuwider, er galt als eher schrullig, verhärmt und kaltblütig. Zu groß war das Elend, das der ehemalige Kriegsberichterstatter im Amerikanischen Bürgerkrieg an der Front erlebt hatte. Als konservativer Journalist fühlte er sich Fakten und seinem Grundsatz verpflichtet: „Sei bestrebt, Deinen Verstand von Heuchelei freizuhalten.“

Umso mehr verblüfft sein 61 Zeilen langer Leitartikel, versteckt auf einer hinteren Seite als einspaltiger Bericht ohne Foto und Namen des Autors, platziert unter einer belanglosen Meldung über Fahrräder ohne Ketten: „Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Es gibt ihn so gewiss wie die Liebe und die Großherzigkeit und die Treue… Wie dunkel wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe. Sie wäre so dunkel, als gäbe es keine Virginia. Es gäbe keinen Glauben, keine Poesie – gar nichts, was das Leben erst erträglich machte.“

Nicht für 30.000 Euro

Natürlich wurde bezweifelt, ob Du die Zeilen selbst geschrieben hast, ob es Deinen Brief überhaupt gibt. Aber das ist die Geschichte hinter der wahren Geschichte. Du hast Deinen Brief, eingeklebt in ein Fotoalbum, einem Deiner sieben Enkel geschenkt. Als dessen Haus abbrannte, wurde befürchtet, dass das Feuer das Album vernichtet hätte – doch 30 Jahre später tauchte das Erbstück wieder auf. Selbst für 30.000 Dollar wollten Deine Nachkommen den Brief nicht verkaufen.

Geld verdient wurde aber doch an Deiner Frage nach dem Weihnachtsmann. Der Stoff, aus dem eigentlich nur Märchen sind, wurde mehrmals verfilmt, als Buch herausgegeben, diente als Grundlage für eine Operette.

Bis zu Deinem Tod 1971 in einem Pflegeheim hast Du Post zu Deinem Weihnachtsbrief bekommen. An jede Antwort hast Du die Kopie des Leitartikels geheftet. Immer wieder hast Du betont, wie dankbar und glücklich Du über den Artikel gewesen bist; er gab Dir die feste Überzeugung für die besten Dinge im Leben: Glaube, Liebe, Romantik, Poesie. „Mehr als die Gewissheit, dass es den Weihnachtsmann gibt, hat mich berührt, dass mir kleinem Kind eine solche Wärme entgegengebracht wurde. Dies weckte in mir ein Verantwortungsgefühl, diesen Idealen gerecht zu werden.“

Liebe Virginia,

ich bin sicher, Dir gefällt, dass die letzten Worte Francis P. Church und seiner berühmten Antwort gehören, die uns seit 120 Jahren bewegt. Er schreibt zum Schluss: „Der Weihnachtsmann lebt. Und er wird ewig leben. Sogar in zehn Mal zehntausend Jahren wird er da sein, um Kinder wie Dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen.“

Frohe Weihnachten

Hermann Beckfeld

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