Beckfelds Briefe

Brief an Günter Öhlmayer

27 Jahre war Günter Öhlmayer auf Zeche in Bottrop. Ein Bergmann wie sein Vater und sein Großvater auch. Chefredakteur Herrmann Beckfeld blickt zurück auf das Leben eines Freundes, eines Malochers, eines Kameraden. 2018 wird die letzte Zeche schließen.

Brief an Günter Öhlmayer

Lieber Günter,

wir sind wir, und es wird immer der Tag kommen, da will die Säge sägen. Auch wenn sie im Dezember 2018 die letzte Zeche dichtmachen, auch wenn Dein Abschied von Kaue und Korb, von Typen wie Gurkenotto und Pulloverkopp längst begonnen hat, weil die Ärzte Dich kaputtgeschrieben haben, wirst Du trotzdem Dein Leben lang Bergmann bleiben. Die Knochen wollen nicht mehr, aber das Herz rumpelt weiter in die Kohlengrube. In eine Welt mit eigenen Gesetzen und Regeln, mit schönen und schlimmen Erinnerungen; eine Welt, die wir hier oben, die wir nie eingefahren sind, nicht kennen, nicht fühlen können. Trotzdem sagen und singen wir Glückauf, weil es ja auch unser Revier ist, das 2018 seine Tiefe verliert.

Du warst 27 Jahre auf Zeche in Bottrop, warst der Malocher, der Kamerad, aber auch der Einzelgänger, der allein durch den nach einem Gebirgsschlag zugegangenen Streb krabbelte, der ins trübe Grubenwasser sprang, um Pumpen zum Laufen zu bringen. Der sich Stulle und Fladenbrot mit seinem türkischen Kumpel teilte, der nach der Schicht froh war, wieder an der Sonne zu sein; mit schlechtem Kaffee aus dem Automaten, warmem Aldi-Bier vom Kauenwärter und einer Reval ohne Filter.

Frau, Haus und Kinder

Ende der 70er-Jahre habt ihr nach der Schicht gegenüber von Prosper II an der Seltersbude Klimscha auf der Knappenstraße eine Flasche Bier gekauft, im Garten dahinter habt ihr unter dem Kirschbaum gestanden und euch den Staub von der Seele geredet. Du bist mit Deinem Puch-Mokick nach Hause gefahren, nachmittags durftest Du beim Dieter Katscher in seiner Autoverwertung für einen Fuffi auf die Hand und für den Altsprit aus den Autos schrauben. Nach Deiner Heirat und Geburt der beiden Kinder folgte der Umzug in ein altes Zechenhaus in der Kolonie Batenbrock, dort ging nach der Schicht die Maloche weiter. In Deinem Zechenhaus von 1913 gab es immer was zu tun, im Garten habt Ihr Kartoffeln und Gemüse angebaut. Als Ihr mit Melanie und Stefan aus dem Gröbsten raus wart, hast Du Dir ein Motorrad der Marke Maico, Baujahr 1960, gekauft, bist einige Jahre damit zur Zeche gefahren.

Dein Weg, er wurde in Eurer Familie vorgelebt wie der Weg von fast allen Jugendlichen in Eurer Kolonie. Opa Josef fuhr 50 Jahre ein, davon 40 Hauerjahre, mit einer Rente von 3500 Mark. Als alter Mann musste er kurz vor Kriegsende den Volkssturm verstärken. Vater Siegfried war Vorabeiter auf Koke, wie ihr die Zentralkokerei Prosper nennt.

Die Enge und Dunkelheit unter Tage

Du wirst Deinen ersten Arbeitstag unter Tage nicht vergessen, das Rumpeln des Korbes, die Enge und Dunkelheit da unten, den rauen Ton, die schwere Arbeit, die Müdigkeit, die Sehnsucht nach dem Schichtende, die Seilfahrt hoch, Schulter an Schulter mit verdreckten, verschwitzten Kumpeln, Umfallen in dem vollen Förderkorb unmöglich.

Vor zwölf Jahren, viel zu früh und es war nicht nur ein Schlag ins Portemonnaie, musstest Du in die EU-Rente. „Aber der Abschied war schleichend, die Gemeinschaft ging schon vorher verloren. Von Zechen, die geschlossen wurden, kamen Bergleute nach Bottrop. Für uns waren es Fremde.“ Auch die Chefs waren neu. „Die hatten nicht die Nähe zu uns. Sie waren so anders als Hanns Ketteler, der Bergwerksdirektor aus Bottrop, der selbst durch und durch Bergmann war. „Für unsern Chef Hanns und unsere Zeche hätten wir alles getan.“

Tägliche Lektüre der Todesanzeigen

Und heute? Da liest Du in der Zeitung, in den Todesanzeigen, dass wieder einer von Euch gegangen ist, aufgebrochen zur „letzten Seilfahrt“. Albträume reißen Dich aus dem Schlaf, Du träumst von Bergschlägen, von herabfallendem Gestein und Wassereinbrüchen, von Staub und Stille, von toten und verletzten Kumpeln, die ihr nach oben bringen müsst. Mit 57 Jahren kommst Du nachts nicht zur Ruhe, weil Dein Körper noch im Schichtdienst tickt. Früher wurdest Du sonntags um 5 Uhr wach, weil Du Kohldampf hattest.

Heute, da musst Du um das Deputat kämpfen, 2,5 Tonnen Kohle vom Bergbau, eine Tonne auf Rezept, bedingt durch Deine Krankheit. „Ich ballere doch noch mit Kohle“, sagst Du und hältst die mögliche Abfindung für eine Lachnummer. „Da krieg ich keinen Gasbrenner für.“

Lieber Günter,

in Deinem urigen Bergarbeiterhaus in der Kolonie hängen Bilder von Prosper II und III an der Flurwand, daneben steht die heilige Barbara, Eure Schutzpatronin, und schaut in den Raum; Grubenlampen stapeln sich auf Regalen und in einem Eisenkorb. Vor Kurzem haben Deine Frau Claudia und Du das Haus nebenan gekauft. Den Umbau stemmt Ihr beiden allein, kloppt Wände weg, vertieft den Keller, schleppt den Bauschutt die Treppen hinauf. 2018 schließt die letzte Zeche, 2019 wollt Ihr mit dem Umbau fertig sein. Aber es kommt auch danach der Tag, da will die Säge sägen. Aber ich bin sicher: Irgendwo gibt es einen Kirschbaum.

Glückauf!

Hermann