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Brief an Butler Stevens

Ihre Geschichte von 1989 ist auch die vieler von uns heute, die ebenfalls nach Anerkennung gieren- Hermann Beckfeld schreibt in dieser Woche an eine Romanfigur.

Brief an Butler Stevens

Lieber Stevens,

dramatisch-melancholisch, ja, es ist Ihre dramatisch-melancholische Geschichte, die mich so an den Roman von Kazuo Ishiguro gefesselt hat. Ich mag Sie, schäme mich für Sie – und zum Schluss bin ich nur noch traurig. Da sitzen Sie allein auf einer Bank, umgeben von Menschen, die lachen, schwatzen, das Leben genießen. Sie dagegen schauen schweigend aufs Meer, wollen sich ändern und ahnen doch in diesem Moment schon, dass Sie aus Ihrem einsamen Käfig nie ausbrechen werden. Es ist der Käfig eines Mannes, der alles seinem Dienstherrn unterordnet, dem dessen Zufriedenheit wertvoller ist als den Todeskampf des Vaters zu begleiten; der nach der größtmöglichen Würde eines Butlers strebt und die Liebe missachtet. Kazuo Ishiguro, der Nobelpreisträger für Literatur des vergangenen Jahres, hat einen großen, kleinen Roman geschrieben, ein Meisterwerk. „Was vom Tage übrig blieb“, so der Titel, entlarvt Ihr letzter Satz, der auf den Punkt bringt, was Ihr Leben bestimmt: „Ich hoffe doch, bis zur Rückkehr meines Dienstherrn so weit gediehen zu sein, dass ich ihm eine angenehme Überraschung werde bereiten können.“

Hoffnung auf Ausbruch

Bis dahin durften wir hoffen, dass Sie den Ausbruch aus Ihrem bisherigen Leben, aus Ihrer persönlichen Tragödie schaffen, dass diese bittersüße Liebesgeschichte mit Ihrer ehemaligen Kollegin ein gutes Ende findet. Wir haben Sie begleitet auf der Fahrt mit dem noblen Wagen Ihres Chefs durch England, auf der Fahrt durch Ihre Geschichte, durch die Welt Ihrer eigenen Gedanken. Es sind die Gedanken eines Mannes, der ein vorbildlicher Butler sein möchte; diskret, ergeben, loyal, pflichterfüllt, einfach nur perfekt. Es sind Gedanken eines Selbstbetrugs.

Kompliment. Der britische Schriftsteller japanischer Herkunft mit den leisen Tönen, aber auch mit der verdrechselten Sprache, die gehörig nerven kann, lässt uns fremdschämen, wenn Sie obrigkeitsergeben zwei jüdische Mädchen entlassen, wenn Sie Ihre Kollegin Miss Stenton enttäuschen, als diese Ihr dunkles Büro mit Blumen verschönern möchte; wenn Sie lieber bereitstehen, um der feinen Gesellschaft das Essen zu servieren, als Ihrem Vater beim Sterben die Hand zu halten.

Ein verpasstes Leben

Wir staunen, schmunzeln, als Sie Ihrer Eitelkeit frönen, indem Sie den Dorfbewohnern vorgaukeln, ein Gentleman mit besten Kontakten zu sein. Dank Kazuo Ishiguro grübeln wir über Ihren fehlgeleiteten Idealismus, gleichzeitig über ausgelassene Chancen, über ein verpasstes Leben.

Lieber Stevens,

Ihre Geschichte von 1989 ist auch die vieler von uns heute, die ebenfalls nach Anerkennung gieren. Aber anders als Butler Stevens auf Schloss Darlington Hall suchen sie nicht die zur Perfektion gewordene Würde. Sie dienen, um mächtig und reich zu werden, und verlieren sich am Ende selbst.

Mit besten Grüßen

Hermann Beckfeld

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