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Ein Massengrab befindet sich unter der Zeche Grimberg. 1946 verloren hier 405 Bergleute ihr Leben. Auch der Vater von Jürgen Lenz. Es war das größte Grubenunglück der deutschen Geschichte.

von Dirk Berger

Bergkamen/Dortmund

, 17.09.2018 / Lesedauer: 7 min

Dass sich Unglück über die Familie senkt, wusste Jürgen Lenz am 20. Februar 1946 noch nicht. Was ist Unglück für einen zweijährigen Jungen, wenn doch die Mutter da ist? Gewiss aber hat er mittags um 12.05 Uhr den heftigen Schlag mitbekommen, der damals ganz Bergkamen erschütterte. Auf dem Gelände der Zeche Grimberg 3 / 4 hatte sich in 900 m Tiefe eine Explosion ereignet, deren Kraft durch den Schacht sogar bis übertage schlug.

405 Bergleute ließen dabei ihr Leben, das Grubenunglück ist das schwerste, das sich jemals in Deutschland ereignet hat. Unter den Opfern der Hauer Richard Lenz, 29 Jahre alt. Es war auch die größte Katastrophe für Jürgen Lenz und seine Mutter Hertha, aber es war noch nicht die letzte für beide.

405 Tote auf Zeche Grimberg: „Da wo tote Kumpel liegen, geht man nicht mehr rein“

Jürgen Lenz velor zwei „Väter“ auf Grimberg. Sein Vater starb beim Unglück 1946, sein Stiefvater starb 1953 untertage. © Dirk Berger

Bei Jürgen Lenz (74) steht der Kaffee auf dem Tisch. Wenn er und Klaus-Jürgen Bartsch (78) zusammensitzen, sind die alten Zeiten nah. Zeiten, die sich für die beiden ehemaligen Beschäftigten der Zeche Grimberg in übertage und untertage teilten. Weddinghofen, ein Ortsteil Bergkamens, ist ein Dorf, vielen hier ist die Katastrophe noch präsent, weil es kaum eine Familie gibt, die damals keinen Toten zu beweinen hatte. Die meisten wohnten in der Nähe der Zeche, die im Volksmund nur „Kuckuck“ genannt wurde.

Förderturm wirkt als Mahnmal

Der vom Explosionsdruck aus seinen Fundamenten gerissene Förderturm, der nun schräg in den Himmel ragte, wirkte in den Tagen danach wie ein Mahnmal für dieses große Verhängnis. Klaus-Jürgen Bartsch‘ Frau Ilse war zu dem Zeitpunkt schon neun Jahre alt: „Die weiß noch, dass damals hier alle Fensterscheiben durch die Luft geflogen sind. Zwei Onkel von ihr sind unten geblieben.“ Sie verbrannten, erstickten oder wurden von der schieren Wucht der Explosion getötet.

„Mama hat nicht viel erzählt in den Jahren danach“, erinnert sich Lenz. Sie schloss sich vielleicht in ihr Schicksal ein. Hertha Lenz hätte allerdings Grund gehabt, ihre stille Trauer in Wut zu wandeln, als bei der Aufarbeitung des Unglücks herauskam, dass viele Sicherheitsvorkehrungen auf der Zeche nicht eingehalten worden waren, um in der schwierigen Nachkriegszeit das Maximum an Ertrag herauszuholen.

Fest stand, dass ein Funken eine Schlagwetterexplosion auslöste, der eine Kohlenstaubexplosion folgte. Die fette Grimbergkohle galt als sehr methanhaltig, die Gefahr einer Explosion durch einen Funken war, wenn es unbemerkt zu einem Anstieg kam, vergleichsweise ziemlich hoch – da brauchte nur eine Schüppe auf Stein zu schlagen, eine Maschine heiß zu laufen oder eine Wetterlampe zu Bruch gehen.

Bereits 1944 starben 107 Bergleute

Wichtig war daher u.a., dass der bei dem Abbau anfallende Kohlenstaub ständig durch nicht brennbaren Steinstaub abgedeckt wurde, um die Gefahr einer Staubexplosion zu mindern – was wohl nicht passierte. Bereits 1944 hatte sich auf Grimberg eine solche Explosion ereignet, bei der 107 Bergleute – meist Zwangsarbeiter – den Tod fanden. Was im Hitler-Deutschland allerdings aus propagandistischen Gründen weitgehend verschwiegen wurde.

Überlebende des Unglücks 1946 berichteten jedenfalls später von einer Kohlenstaubdicke von bis 30 cm auf den Böden der Flöze. Und jedes durch die Schlagwetterexplosion aufgewirbelte Staubkorn entzündete sich und schob das Inferno rasend schnell durch Flöze und Schächte, über die Leute hinweg. Augenzeugen übertage berichteten von einer etwa 300 m hohen Stichflamme, die aus dem Schacht geschossen sei. Viele von denen, die die Explosionen überlebten, starben Minuten später durch giftiges Kohlenmonoxyd. Einen Filter zur Selbstrettung gab es zwar schon seit den 30er-Jahren, ausgerüstet waren die Grimberger damit aber nicht. Die sofort alarmierten Grubenwehren fuhren über den Schacht Grillo der benachbarten Zeche Monopol ein, um zu retten, was zu retten war.

405 Tote auf Zeche Grimberg: „Da wo tote Kumpel liegen, geht man nicht mehr rein“

Jürgen Lenz und Steiger Klaus Jürgen Bartsch gedenken den Opfern des Grubenungklücks von 1946. © Dirk Berger

Aus dem Protokoll der Hauptstelle Grubenrettungswesen Essen, Schacht Grimberg IV: „Förderwagen, Hölzer, Rohrleitungen, Kabeltrommeln etc. lagen weit durcheinander und unmittelbar an der Kurve … lagen 2 Tote, die starke mechanische Verletzungen aufwiesen.“ Und andernorts: „Sowohl die Toten als auch die Lebenden wiesen keine mechanischen Verletzungen auf und waren anscheinend infolge Einatmens von Explosionsschwaden zusammengebrochen bzw. umgekommen.“

Zwei Väter starben untertage

Minuten nach der Explosion sammelten sie sich schon vor den Toren von Grimberg, die Väter, Mütter, Frauen, Kinder – Glückliche, die noch nicht eingefahren waren oder schon wieder raus, Angehörige von Unglücklichen, die nie mehr das Tageslicht erblicken sollten. Unter ihnen Richard Lenz. „Nach sechs Jahren hat meine Mutter noch einmal geheiratet“, erzählt Jürgen.

405 Tote auf Zeche Grimberg: „Da wo tote Kumpel liegen, geht man nicht mehr rein“

Geschockte Bergleute auf Zeche Grimberg. © Stadtarchiv Bergkamen

Der Bergmann Willi Droste wurde sein Stiefvater – bis er 1953 auf Grimberg „untern Bruch kam“. Stürzender Fels hatte ihn unter sich begraben. „Ich war acht Jahre alt“, erinnert sich Jürgen Lenz, „da war schon der zweite Vater weg.“ Man hatte ihn nach seiner Bergung im Hause der Familie von Klaus-Jürgen Bartsch aufgebahrt. „Als ich die Treppe runterkam, sah ich ihn da liegen. Verband um den Kopf, Arm und Bein waren amputiert.“

Bergmänner sind eine Familie

Keine große Katastrophe, nur ein kleines Unglück. Für Hertha allerdings machte das keinen Unterschied. „Mutter war völlig aufgelöst. Als ich ihr dann mit 14 Jahren sagte, dass ich Bergmann werden wollte, verbot sie es mir“, so Lenz weiter, „aber ich wollte dahin. Ich hab‘ dann Elektriker gelernt, musste ihr aber das Versprechen geben, dass ich nach der Lehre übertage arbeite.“ Allerdings beinhaltete die Ausbildung ein Jahr der Arbeit untertage. Es war ein Jahr der Angst für Hertha Lenz. Es war ein Jahr, das Jürgen Lenz nicht vergessen wird. „Die alten Hauer haben mich an die Hand genommen, da war jeder wie ein Vater zu mir.“ Weil er ja keinen mehr hatte.

Nach der Lehre löste er das Versprechen ein, das er seiner Mutter gegeben hatte und tauschte das Schwarz der Schächte gegen den oft grauen Himmel Bergkamens darüber. „Hauptsache Himmel“, wird Hertha Lenz gedacht haben. „Meine Mutter hat nach dem Tod Willi Drostes nicht mehr geheiratet, weil sie dachte, sie würde den Männern kein Glück bringen“, erinnert sich ihr Sohn: „Sie ist früh gestorben, und bis dahin war kein Tag mehr wie der andere.“

405 Tote auf Zeche Grimberg: „Da wo tote Kumpel liegen, geht man nicht mehr rein“

Jürgen Lenz und Steiger Klaus Jürgen Bartsch erinnern sich noch gut an die Arbeit untertage. © Dirk Berger


Staubexplosion auf der Zeche Hansa kostet sieben Leben

Wenige Kilometer westlich von Grimberg und 33 Jahre später ereignete sich auf der Zeche Hansa in Dortmund-Huckarde in 870 m Tiefe ebenfalls eine Schlagwetter- mit anschließender Staubexplosion, bei der fünf deutsche und zwei türkische Kumpel umkamen. Es war der 22. März 1979, 19.48 Uhr laut Grubenwarte-Tagebuch.

Wahrscheinlich war aus einem „Alten Mann“, einem benachbarten, bereits vor Jahrzehnten ausgekohlten Bereich eines Flözes, Methan durchgedrungen und hatte sich entzündet. Der Elektrosteiger Hubert Dubielczyk gehörte damals als Mitglied der Grubenwehr zu den ersten, die als Retter einfuhren. „Ich hatte gerade die Schicht hinter mir und ‚ne Flasche Bier aufgemacht“, erinnert er sich, als der Alarm ertönte. „Ich bin sofort hin, wir haben uns umgezogen und sind schon um 20.25 Uhr angefahren.“ Aus dem Schacht der Zeche Westhausen im nahen Vorort Bodelschwingh stiegen die Abwetter auf, sie enthielten die Explosionsschwaden.

Der Weg in den Tod

„Fünf Mann waren wir, und uns war klar, dass wir nichts Gutes zu erwarten hatten.“ Vielleicht Rauch, giftige Gase, Dunkelheit, Flammen? Mit Sicherheit aber 870 Meter hoch Steine über sich. Da wollte man eigentlich nicht hin, denn diesmal konnte der Weg zur Arbeit einer in den Tod sein. Beklommen stieg jeder in den Fahrkorb.

Sie versprachen untereinander, vorsichtig zu sein und zusammenzubleiben. Der Trupp war mit Atemschutzmasken versorgt. Fünf Leute, ein Gedanke: „Wie sieht das da aus, wo du hinkommst – und wen musst du bergen?“ Als sie unten waren, tasteten sie sich in trübem Licht und staubiger Luft rund 200 Meter bis vor Kohle und sahen das Ausmaß der Zerstörung: „Es war alles kaputt und kohlrabenschwarz, die Stempel waren zum Teil weggerissen.“

Ein Bergmann erinnert sich auf YouTube an das Unglück

Leider fanden sie, wonach sie suchten. „Der Steiger H. saß am Stoß, mit dem Rücken angelehnt an die Kohle und war tot, über den Hauer R. bin ich gestolpert, und K. lag verbrannt am Spritzort.“ Der Ort also, wo auf Hansa mithilfe von Wasserdruck die Kohle abgebaut wurde. Sie wickelten die Leichen in textile Lutten (Leitungen für Frischluft) und trugen sie bis an den Schacht. „Wir saßen bei den Toten und wurden dort abgelöst von den Grubenwehren Achenbach, Tremonia und Minister Stein – wir sollten nicht weiter nach den anderen suchen, weil wir die Kumpels alle kannten.“ Da war es sechs Uhr am Morgen des nächsten Tages und Dubielczyk hatte zwei Schichten hinter sich, eine als Schatzgräber für das schwarze Gold - und eine als Totengräber. „Klar hatten wir Angst“, erinnert er sich, aber das waren seine Kumpels, er wollte mit runter, „was anderes gab’s nicht.“

Schwerster Einsatz der Dienstzeit

In einer Dokumentation des Unglücks steht zu lesen: „Die Bergung der Verunglückten wurde nicht angeordnet, sondern erfolgte nach Befragen jedes einzelnen durch den Oberführer Heinz Schürmann … Für viele (Männer der Grubenwehr) war es der wohl schwerste Einsatz ihrer Dienstzeit. Die Arbeiten fanden oft in sauerstoffarmen Wettern mit hoher Giftgaskonzentration statt.“ Dubielczyk ist dann nach Hause, hat geduscht, ein Brötchen gegessen und eine Flasche Bier getrunken. Schlafen konnte er nicht, er trat um Mitternacht seine nächste Schicht an. Es gab viel aufzuräumen.

405 Tote auf Zeche Grimberg: „Da wo tote Kumpel liegen, geht man nicht mehr rein“

Hubert Dubielczyk war bei der Grubenwehr und beim Unglück auf der Zeche Hansa einer der ersten vor Ort. © Stephan Schuetze

Hubert Dubielczyk ist jetzt 76 Jahre alt. Nachdem Hansa im November 1980 geschlossen wurde, trat er wie so viele Kumpel nach ihm sein Leben als Arbeiternomade an. Erst ging’s zur Zeche Victoria nach Lünen, dann zu Haus Aden nach Bergkamen. Nach 35 Jahren untertage war für ihn 1992 Schicht am Schacht.

Wie Jürgen Lenz und Klaus-Jürgen Bartsch merkt man auch ihm die Unabdingbarkeit an, mit der sie ihre Jahrzehnte auf der Zeche hinter sich gebracht haben. Die Kohle ernährte sie alle, sie nährte auch ihren Stolz als Bergleute. „Ich kenn‘ viele, die in Sack gehauen haben“, erinnert sich Max Rehfeld, ein ehemaliger Steiger von der Zeche Minister Stein und Betreiber eines kleinen Bergbaumuseums auf der stillgelegten Zeche Hansemann in Dortmund, „aber irgendwann standen sie wieder vor dem Tor. Wen der Bergbau gefangen hatte, der kam oft woanders nicht zurecht. Gab ja auch gutes Geld.“

Untertage loderte ein wahres „Höllenfeuer“

Kohle wurde auf Grimberg übrigens noch bis 1995 gefördert. Damit sich das Feuer untertägig nicht bis zu Grimberg 1/2 durchfressen konnte, hatte man nach dem Unglück einen Bach in den Schacht 4 hineingeleitet. Dennoch: Als man zwischen 1948 und 1951 die Anlage 3 / 4 wieder förderbereit machte, loderten immer noch unterirdisch die Brände. Muss wohl ein wahres Höllenfeuer gewesen sein.

405 Tote auf Zeche Grimberg: „Da wo tote Kumpel liegen, geht man nicht mehr rein“

Bergleute vor dem zerstörten Schacht auf Zeche Grimberg. © Stadtarchiv Bergkamen

„Es gibt ein Berggesetz“, sagt der ehemalige Reviersteiger Bartsch, „und das lautet: Da, wo tote Kumpel liegen, geht man nicht mehr rein.“ Mehr als 380 Opfer blieben damals untertage, man hat sie nicht bergen können. „Wenn man mal von der Nachbarzeche Haus Aden drankam, hat man die vollen Loren noch gesehen und die Grubenlampen gefunden.“ Banger Blick auf einen riesigen Friedhof für verlorene Seelen, zerstört und schwarz, 900 Meter tief in der Erde.

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