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Behörden hatte nur „sporadischen Kontakt“ zu Jens R.

War die Amokfahrt von Münster zu verhindern?

Hätte die Amokfahrt von Münster verhindert werden können? Hätten die Gesundheitsbehörden etwas ahnen können? Nein, sagt Münsters Oberbürgermeister entschieden. Und auch Poller seien kein Schutz. Zudem werden immer mehr Details zum Täter bekannt.

von Ulrike von Leszcynski, Carsten Linnhoff

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MÜNSTER

, 10.04.2018
Behörden hatte nur „sporadischen Kontakt“ zu Jens R.

Eine Frau legt in der Nähe des Tatorts Blumen auf den Boden. Bei der Amokfahrt hatte ein 48-Jähriger zwei Menschen mit in den Tod gerissen. © dpa

Die Amokfahrt von Münster hätte nach Einschätzung des Oberbürgermeisters der Stadt, Markus Lewe, nicht verhindert werden können. Zwar hätten die Behörden den späteren Amokfahrer Jens R. gekannt, es habe allerdings zwischen 2015 uns 2016 nur „sporadische Kontakte“ gegeben, sagte Lewe (CDU) am Dienstag in Münster. Erst Ende März sei der 48-Jährige dann unangemeldet wieder auf dem Amt erschienen und habe ein umfangreiches selbst verfasstes Schreiben vorgelegt. „Im Gespräch und aus dem Inhalt des Schreibens ergaben sich keinerlei Hinweise auf eine unmittelbar drohende Suizidgefahr oder Fremdgefährdung“, sagte Lewe weiter.

E-Mail lag den Behörden nicht vor

Eine E-Mail, die der 48-jährige Mann aus Münster Ende März an einen größeren Bekanntenkreis geschrieben und in der er seinen Zustand beschrieben haben soll, habe den Behörden nicht vorgelegen. Es habe zudem keine Hinweise von Dritten wegen einer möglichen Gefährdung gegeben, sagte Lewe.

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Der Amokfahrer war am Samstagnachmittag mit seinem Kleinbus in der Münsteraner Altstadt in eine Gruppe gerast. Er tötete so zwei Menschen. Danach erschoss er sich. Von den rund 20 Verletzten waren 5 am Montag noch immer in Lebensgefahr. Münsters Oberstaatsanwaltschaft ist nach eigener Aussage sicher, dass der 48-Jährige in Suizidabsicht handelte.

Lewe: Poller allein bringen nicht mehr Sicherheit

Skeptisch äußerte sich Lewe zu der Idee, mehr Poller in deutschen Innenstädten aufzustellen. „Die Städte sind Orte des Zusammenlebens und des Miteinanders, und wir können sie nicht überall mit Barrieren und Pollern verbarrikadieren“, sagte er auch als Präsident des Deutschen Städtetages.

Kommunen und Sicherheitsbehörden müssten vor Ort eng zusammenarbeiten und dann gemeinsam entscheiden, wo Absperrungen sinnvoll sein könnten für einen besseren Schutz. „Aber nicht jede Straße und jeder Platz mit vielen Menschen lässt sich durch Barrieren sichern“, sagte Lewe. Auch müsse es weiterhin geeignete Zufahrtswege für Rettungsdienste und Lieferverkehr geben.

Behörden hatte nur „sporadischen Kontakt“ zu Jens R.

Der Tatort vor dem Kiepenkerl. © dpa

Vater: Jens R. ist nicht oder falsch behandelt worden

Der Vater des Täters geht davon aus, dass eine psychische Krankheit seinen Sohn zu der Amokfahrt trieb. „Es war eine Krankheit, die ihn in zwei Welten hat leben lassen“, sagte der 79-jährige Möbeldesigner und fügte hinzu: „Er bildete sich etwas ein, was das Gegenteil der Wirklichkeit war.“ Sein Sohn habe schon 2015 von Selbstmord gesprochen.

Der Vater, der in dem kleinen Ort Madfeld im Hochsauerlandkreis lebt, sagte, sein Sohn habe an „Verfolgungswahn“ gelitten. Er sei aber nicht gewalttätig gewesen. Sein Sohn sei auch in psychiatrischer Behandlung gewesen. Aber: „Er ist nicht oder falsch behandelt worden. Vielleicht hat er Medikamente bekommen, die die falschen Nebenwirkungen hatten“, sagte der 79-Jährige.

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Amokfahrt in Münster

08.04.2018
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Mitarbeiter der Spurensicherung der Polizei arbeiten am Tatfahrzeug. © dpa
Ein Ermittler steht neben dem Tatfahrzeug und telefoniert. Ein Mann war am Nachmittag in Münster mit einem Kleintransporter in eine Gruppe von Menschen gerast und hat zwei von ihnen getötet. Anschließend erschoss er sich nach Polizeiangaben in dem Wagen selbst. Bei dem Amokfahrer handelt es sich nach ersten Ermittlungen um einen 48 Jahre alten Deutschen. Einen terroristischen Hintergrund schloss die Polizei vorerst aus. © dpa
Zahlreiche Kamerateams warten auf einer Straße in der Innenstadt. © dpa
Mitarbeiter der Gaststätte Kiepenkerl stehen vor dem Lokal, nachdem sie Blumen und eine Kerze auf dem Platz abgestellt haben. © dpa
Der Tatwagen wird vor dem Gasthaus "Grosser Kiepenkerl" abgeschleppt. © dpa
Viele Einsatzkräfte in der Innenstadt. © dpa
Der Tatwagen wird vor dem Gasthaus abgeschleppt. © dpa
Trauerkerzen werden am Aasee entzündet. © dpa
Trauerkerzen sind am Aasee aufgestellt.© dpa
Einsatzfahrzeuge der Polizei stehen in der Innenstadt© dpa
Feuerwehrleute stehen in der Innenstadt. © dpa
Ein Kleintransporter ist am Samstagnachmittag in Münsters Zentrum in eine sitzende Menschenmenge gefahren. Es gab vier Tote und viele Verletzte. Die Polizei riegelte danach das Gebiet um den Tatort an den beliebten Kiepenkerl-Restaurants weiträumig ab.© Oliver Werner / Westfälische Na
Die Polizei riegelte danach das Gebiet um den Tatort an den beliebten Kiepenkerl-Restaurants weiträumig ab.© Oliver Werner / Westfälische Nachrichten
.Die Polizei riegelte danach das Gebiet um den Tatort an den beliebten Kiepenkerl-Restaurants weiträumig ab.© Oliver Werner / Westfälische Nachrichten
Ein Kleintransporter ist am Samstagnachmittag in Münsters Zentrum in eine sitzende Menschenmenge gefahren. Es gab vier Tote und viele Verletzte. Die Polizei riegelte danach das Gebiet um den Tatort an den beliebten Kiepenkerl-Restaurants weiträumig ab.© Oliver Werner / Westfälische Na
Die Polizei riegelte danach das Gebiet um den Tatort an den beliebten Kiepenkerl-Restaurants weiträumig ab.© Oliver Werner / Westfälische Nachrichten
Ein Kleintransporter ist am Samstagnachmittag in Münsters Zentrum in eine sitzende Menschenmenge gefahren. Es gab vier Tote und viele Verletzte. Die Polizei riegelte danach das Gebiet um den Tatort an den beliebten Kiepenkerl-Restaurants weiträumig ab.© Oliver Werner / Westfälische Na
Eine Frau legt am Tatort Blumen nieder. © dpa
Ein Schild mit der Aufschrift "Warum?" liegt neben Blumen am Tatort. © dpa

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Hintergrund: Wie steht es um Hilfe für schwer psychisch kranke Menschen?

Sind Menschen mit großen psychischen Problemen per se gefährlich?

Nein, auf keinen Fall. Ein Beispiel ist paranoide Schizophrenie, bei der Menschen einen Wahn in einer Psychose ausbilden und wie in einer Parallelwelt leben. Sie werden nicht automatisch gewalttätig. Die Betroffenen, die sich nicht behandeln lassen möchten, aber gefährlich sind, deren Zahl liege nur im Promillebereich, sagt Andreas Bechdolf, Psychiater am Berliner Vivantes-Klinikum. Dennoch gibt es auch bei diesem Krankheitsbild in Ausnahmefällen sehr aggressive Gewalttaten. Oft sind Betroffene dann über einen längeren Zeitraum nicht oder auch noch nie behandelt worden. In der Regel sind psychische Erkrankungen heute aber therapierbar - je früher sie erkannt und behandelt werden, desto besser.

Was passiert bei einer schweren psychischen Krise, die andere Menschen bemerken?

Beim Verdacht auf eine psychische Krise kann die Polizei Menschen direkt in eine psychiatrische Klinik bringen. Dort muss innerhalb von 24 Stunden entschieden werden, was weiter geschieht. Die Psychisch-Kranken-Gesetze der Bundesländer ermöglichen es, Menschen unter bestimmten Bedingungen auch gegen ihren Willen in eine Klinik einzuweisen.

Dazu zählen in der Regel Suizidgefahr, ein Selbsttötungsversuch und die begründete Annahme, dass ein Mensch eine Gefahr für andere ist. Die Entscheidung über eine Zwangseinweisung muss immer ein Richter treffen. Das gilt auch für Zwangsbehandlungen in einer Klinik. Im ambulanten Bereich gibt es keinen Zwang und keine Kontrollen, ob psychisch kranke Menschen sich an verordnete Therapien halten.

Reichen solche Gesetze aus?

Viele Juristen sehen bei psychischen Krankheiten heute weniger einen Mangel an Gesetzen, dafür aber bei ihrer Anwendung. Das gilt zum Beispiel für Zwangseinweisungen in Kliniken und Zwangsbehandlungen. Die Richter seien zu vorsichtig, argumentiert zum Beispiel der Lübecker Strafverteidiger Olaf Reinecke. Meist müsse erst etwas Schlimmes passieren, damit die Behörden handelten.

Welche Hilfen bietet das Gesundheitssystem?

Die Behandlung einer psychischen Erkrankung zählt zu den Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung. Zum öffentlichen Gesundheitsdienst, der Sache der Bundesländer ist, gehören ferner die sozialpsychiatrischen Dienste. Die Spanne der Angebote dort reicht oft von Hilfe bei Depressionen, Psychosen, Ängsten und Zwangserkrankungen bis hin zu Suchtproblemen und Demenz. Die Dienste vermitteln Betroffene in das ambulante oder stationäre System.

Eine Krux: Die Wartezeit für einen Termin bei einem niedergelassenen Facharzt kann für Kassenpatienten mehr als zwei Monate dauern. Und es mangelt nach Ansicht von Kritikern an passenden Angeboten für Jugendliche und junge Erwachsene mit psychischen Problemen. In diesem Alter prägen sich aber viele Leiden aus.

von dpa

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