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Engel: „Es gibt keine Versager“

Im Jugendfußball

Kaum Kinder, die sich beim klassenhöheren Verein nicht durchsetzen, gehen den Weg zurück. Doch sind die Spieler nicht gescheitert. Für Frank Engel steht das Positive nicht genug im Mittelpunkt.

Haltern

, 29.06.2018
Engel: „Es gibt keine Versager“

Frank Engel (grauer Trainingsanzug) arbeitete viele Jahre im Nachwuchsbereich des Deutschen Fußball-Bundes. Für ihn liegt ein wichtiger Schlüssel in Haltern in der Zusammenarbeit und in der Kommunikation. Foto: privat

Die Mitgliederzahlen im Halterner Jugendfußball sind rückläufig. Auch in den geburtenstarken Jahrgängen. Zudem verfolgen nicht alle Vereine denselben Ansatz: Der TuS Haltern hat den Leistungssport im Blick, andere Vereine konzentrieren sich auf die Breite – eine nicht immer einfache Ausgangslage bei weniger Kindern im Verein. Doch warum es wichtig ist, früh mit dem Fußballspielen zu beginnen, wie man dem Trend entgegensteuern könnte und wie wichtig eine Zusammenarbeit mit den Vereinen ist, erklärt der ehemalige Nachwuchstrainer des Deutschen Fußball-Bundes Frank Engel (68).

Warum ist es wichtig, dass Kinder früh mit dem Fußballsport beginnen?

Das Positive, was sie durch den Sport bekommen, Teamfähigkeit oder Ausdauerfähigkeit, das brauchen die Kinder im Leben. Viele Berater von Wirtschaftsunternehmen haben zu mir gesagt: ‚Wir empfehlen jedem‚ nehmen Sie Leute, die aus dem Leistungssport kommen‘. Die sind diszipliniert, teamfähig und die sind in der Regel gesünder und dynamischer. Der Sport bringt unglaublich etwas mit ins Leben – unabhängig ob erste, fünfte oder siebte Liga. In den höheren Schulklassen steigen auch die Anforderungen. Da muss man die Leute überzeugen, dass der sportliche Ausgleich wichtig ist.

Allerdings ist in den Terminkalendern der Kinder immer weniger Zeit …

Das Freizeitverhalten der Kinder hat sich im hochentwickelten Deutschland total verändert. Teilweise leiden die Kinder an einer absoluten Bewegungsarmut. Dabei spielt der Schulsport eine ganz wichtige Rolle – gefühlt ist der in Deutschland ganz unten angesiedelt. Wir müssen das Interesse am Fußball wiederbeleben.

Wie könnte das Interesse wiederbelebt werden?

Eine Idee wäre die Zusammenarbeit mit den Schulen zu verbessern. Dort könnte man Arbeitsgemeinschaften bilden und Meisterschaftsrunden austragen – in Zusammenarbeit mit allen Vereinen.

Benötigt man den Breitensport für den Leistungssport?

Auf der einen Seite geht es um eine gesunde Haltung. Um zur Bewegung anzuregen, da ist Fußball relativ einfach. Die Kinder brauchen nur zwei Tore und eine Wiese. Um regelmäßig spielen zu können, benötigt man eine gewisse Breite. Erst dann kann man anfangen, für den Leistungssport zu sichten.

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Ab welcher Altersklasse würden Sie lizensierte Trainer empfehlen?

Leider, da will ich den Vätern nicht wehtun, ist die Trainerqualität in den unteren Bereichen nicht ausreichend. Ich würde lizensierte Trainer schon ganz unten empfehlen. Das ist der schwierigste Job. Der Fehler des deutschen Fußballs ist, dass wir die Nachwuchstrainer nicht als Altersklassenspezialisten anerkennen. Die größte Reserve des deutschen Fußballs liegt unterhalb der U15. Dort wo die Grundlagen trainiert werden. Wir vernachlässigen solche Dinge wie ersten Ballkontakt und sauberes Passspiel. Dabei geht es nicht um „Schieben“ oder „Doppeln“. Aber auch die Leistungszentren gehen danach, immer die Titel in den Jugenden zu holen. Die Spielerausbildung muss im Mittelpunkt stehen. Das Entscheidende ist die individuelle Qualität.

Erhält die Arbeit der Trainer genügend Wertschätzung?

Die Arbeit muss moralisch anerkannt werden, aber auch finanziell. Immer mit dem Unterschied, ob hauptamtlich oder nebenamtlich. Wichtig ist: Ein Trainer ist zum Beispiel Spezialist in der C-Jugend. Ich weiß aber nicht, ob er die gute Arbeit auch in der A-Jugend leisten kann. Die Vereine sollten die Trainer gezielter einsetzen.

Und ab welchem Alter empfehlen Sie eine gezielte Leistungsförderung?

In den Leistungszentren sollte man schon so früh wie möglich anfangen. Die individuelle Ausbildung aber kommt mir dort zu kurz. Mit 16 bis 18 topausgebildeten Spielern ist jeder, der ein bisschen etwas von Fußball versteht, in der Lage, in vier bis sechs Wochen jedes System zu spielen. Hast du aber welche, die aus jeder Ballmitnahme einen Zweikampf machen müssen, dann geht das nicht. Die Ansätze dafür, die muss ich dort unten bringen.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt, dass Sie Talente auf das Leben vorbereiten müssen…

Es geht nicht nur um Länderspiele, sondern um das Leben. Nur ganz wenige werden nach oben kommen. In einem Jahrgang gibt es in Deutschland so um die 180.000 Jungs, die Fußballspielen, davon kommen 14.000 in den Bereich der Stützpunkte, davon zehn Prozent in den Bereich der Leistungszentren. 130 kommen dann davon in die U-Nationalmannschaften, von der U15 bis zur U19 schaffen es dann in etwa 65 Spieler, oben in der Nationalmannschaft kommen zwei an. In der Bundesliga dann 12 bis 15. Aber auch unterklassig will ich mich entwickeln. Die Entwicklung muss immer zweigleisig sein, bei einem Spieler muss man die Grenze immer weiter nach oben schieben, egal, wo die endet. Und man muss immer wieder die Persönlichkeit voranbringen

Was passiert mit Spielern, die es bei einem besseren Verein nicht schaffen?

Was heißt denn, dass sie es nicht schaffen? Das ist die Gretchenfrage. Es gibt keine Versager. Wenn ich alles getan habe, meine Leistung zu entwickeln, kann ich kein Versager sein. Leistungssport ist ein knallhartes Auswahlprinzip. Wenn ich das nicht schaffe, dann muss ich das Positive, das ich durch den Sport aufgesogen habe, mit ins Leben nehmen. Die Eltern definieren häufig, ob es ihr Kind geschafft hat. Den Kindern muss man sagen: Du bist kein Versager.

Ist die Zusammenarbeit mit Eltern schwieriger geworden?

Das Elterncoaching ist nicht einfach. Sie sehen erst mal ihren Sohn. Aber man muss sich immer mit den Eltern arrangieren. Der Trainer muss mit ihnen Reden und reinen Wein einschenken. Aber man muss auch sagen: Das ist der Job des Trainers und das ist die Aufgabe der Eltern. Was da manchmal am Spielfeldrand, auch schon bei den ganz kleinen, los ist, zeigt: Im Elterncoaching ist noch eine Menge zu tun. Da muss man – auch als junger Trainer – ganz klare Ansagen machen.

Viele Kinder zieht es in Haltern weg von ihren Heimatmannschaften zum leistungsorientierten TuS Haltern …

Wo ziehen wir die Grenze zwischen Leistungs- und Breitensport? Dass es diese Hierarchie gibt, bedeutet aber nicht, dass ich den anderen Verein negiere. Sondern man muss eine Partnerschaft aufbauen. Dann könnte man die Leistungsspieler ausbilden und die, die es nicht schaffen an andere Vereine empfehlen. Wir müssen die Spieler auffangen. Der Schlüssel liegt in Kooperation und Kommunikation. Jeder hat das Recht auf individuelle Begleitung. Ich habe für jeden Spieler Verantwortung, nicht nur für die Besten aus der Mannschaft.

Können Sie drei Tipps geben, um Kinder langfristig für den Sport zu motivieren?

Der Erste ist, die Vereine und Trainer müssen die Kinder mitnehmen – von klein auf. Der Zweite ist: Es muss trainingsmäßig zur Sache gehen, aber es muss auch Spaß machen. Die Kinder müssen gerne kommen. Der Dritte ist: Ich muss das Training so interessant machen, dass ich sie dann bei der Stange halte. Und dann: Geduld, Geduld, Geduld.

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