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Trutziger Weg in den Untergang

ESSEN Wenige Tage nach dem 11. September 2001 hat Michael Tilson Thomas mit dem San Francisco Symphony Mahlers sechste Sinfonie live auf CD aufgenommen. Das ungeplante Konzert zur Katastrophe schrieb Musikgeschichte: Mahlers "Tragische" war (und ist) bei Thomas kein Lied vom Tod, es ist ein Lied vom Leben. Am Sonntag war dieses Heldenleben mit Thomas und dem San Francisco Symphony zum Abschluss der Mahler-Woche in der Philharmonie Essen zu hören. - An der Stelle, in deren Vorgängerbau Mahler selbst fast auf den Tag genau vor 105 Jahren, am 27. Mai 1906, die Uraufführung dirigierte.

von Von Julia Gaß

, 30.05.2011
Trutziger Weg in den Untergang

Michael Tilson Thomas konnte viel genießen am Pult des San Francisco Symphony Orchestra in Essen.

Am Sonntag war dieses Heldenleben mit Thomas und dem San Francisco Symphony zum Abschluss der Mahler-Woche in der Philharmonie Essen zu hören. - An der Stelle, in deren Vorgängerbau Mahler selbst fast auf den Tag genau vor 105 Jahren, am 27. Mai 1906, die Uraufführung dirigierte. Eines der großen Orchester der USA ist immer ein Ereignis. An Perfektion und sattem Klang sind die amerikanischen Klangkörper kaum zu überbieten. Und San Francisco hat zudem einen brillanten und präsenten Bläserklang wie die großen asiatischen Orchester.

Punktgenaue Explosionen 

So konnte Thomas genießen, die Früchte seiner sorgfältigen Einstudierung ernten, musste sich mit dem Taktstock kaum echauffieren. Die opulenten Höhepunkte in dieser Wanderung in den Abgrund, punktgenaue Explosionen des Orchesterklangs, setzte das Orchester von selbst, der 66-jährige Kalifornier rüttelte dazwischen nur gelegentlich mit geballten Fäusten in der Luft wach. Er war schon in den ersten Takten des anderthalbstündigen Werks der General, der seine Musiker zackig, unerbittlich rhythmisch marschieren ließ und blieb es im Laufe des Abends. - Ein Maestro, dem es nicht um charismatisches Minen- und Gestenspiel geht, sondern darum, präzise Geprobtes abzurufen. Das gelang in Perfektion.

Kryptogramm des Untergangs Mahlers "Tragische" ist die formstrengste, aber auch extremste seiner Sinfonien, ein Kryptogramm des Untergangs, den im Finale die vernichtenden Hammerschläge auf einen Holzblock markieren. Dazwischen gab es Almvisionen mit Herdenglockengebimmel vor der Saaltür, die Filmmusikqualität haben, ein scharf herausgemeißeltes Scherzo und ein sehnsuchtsvolles, Weltfrieden suchendes, traumschön musiziertes Notturno. Mahlers Hang zur Weltflucht und zum Fernweh ließ Thomas daraus klingen.

Das waren die Gegenpole auf dem Weg in den Untergang in der energievollen, 90 Minuten unter Hochspannung stehenden Interpretation der Amerikaner. Und obwohl Thomas hörbar machte, dass Auswege am Schluss hoffnungslos sind, war es eine trutzige Wanderung in den Abgrund. - Eine mit einer amerikanischen "Jetzt erst recht"-Haltung. Das machte dieses Konzert und die CD nach dem 11. September so besonders.