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„Nathan, der Weise“ spielt in einem Bunker

Westfälisches Landestheater

Das Westfälische Landestheater in Castrop-Rauxel zeigt den Klassiker von Lessing als Plädoyer für Toleranz. Und es fallen auch Bomben.

Castrop-Rauxel

, 09.04.2018
„Nathan, der Weise“ spielt in einem Bunker

Guido Thurk (l.) ist in Castrop-Rauxel als Nathan zu sehen, Emil Schwarz als der Derwisch. Foto: Beushausen

Die Gegenwart grüßt. In Gestalt des Cola-Automaten an der Wand eines betongrauen Raumes, der mit Schalensitzen und Spinden wie ein Mittelding zwischen U-Bahn-Station und Bunker aussieht. Auch in den Kostümen verweist Manfred Kaderk (Ausstattung) ins Heute, wenn Recha (Franziska Ferrari) Turnschuhe und kurzen Rock trägt und zu Rammstein Vollgas tanzt.

Lessings Figuren kommen ohne Schläfenlocken aus

Sultan Saladin (Mike Kühne) hat ein helles Sakko an, der Templer (Maximilian von Ulardt) eine Angler-Weste. Nathan (Guido Thurk) steckt in der typischen Kluft eines Juden, schwarz mit schwarzem Hut, aber ohne Schläfenlocken. „Nathan der Weise“ (Sonntag war Premiere am Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel) ist ja kein biestiger Orthodoxer.

Lessing hat den Mann zur Inkarnation von Sanftmut und Toleranz gemacht und ihm mit der „Ringparabel“ die berühmteste Erzählung zum Verhältnis von Juden, Christen und Moslems in den Mund gelegt.

Unsichtbarer Krieg tobt über den Köpfen der Figuren

An Nathans Humanismus will Regisseur Markus Kopf erinnern, Dringlichkeit ergibt sich aus der Lage in Syrien und im Nahen Osten.

In Kopfs Inszenierung tobt ein unsichtbarer Krieg über den Köpfen der Figuren. Schüsse und Bomben sind zu hören, ohne dass jemand verwundert wäre. Alle haben sich gewöhnt an Tod und Verwüstung.

Zeitloses Drama in langatmiger Inszenierung

Jawohl, das Ideendrama von 1779 hat eine zeitlose Botschaft, die ihm vor den Kriegen von heute die Existenzberechtigung sichert. Die Castroper Fassung streicht das Personal zusammen, hätte vor der Pause aber ruhig noch straffer ausfallen können. Da gibt es Längen, und auch wir bemerken, was der schreibenden Zunft schon früher aufstieß - dass zuweilen sehr in die Breite palavert wird, und vor lauter Reflexion das Handlungsmoment zu kurz kommt.

Das Findelkind-Thema ist heute ein Evergreen, man braucht das Stück nicht zu kennen, um die melodramatische Schlusswendung zu erschnuppern. Das wetterwendische Naturell des Templers (Handkuss für den „Saujuden“ von eben) wirkt etwas überzogen, sonst aber kann man mit Schauspielern und Inszenierung absolut zufrieden sein. Viel Beifall. 

Termine: 25.4. Hamm, 10.5. Münster, Karten vor Ort.
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