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Ruhrfestspiele Recklinghausen

Klassiker spielt im Kohlenrevier

Recklinghausen Der scheidende Intendant Frank Hoffmann eröffnet die Ruhrfestspiele mit Friedrich Dürenmatts „Besuch der alten Dame“. Es ist eine letzte Verbeugung vor dem Bergbau.

Klassiker spielt im Kohlenrevier

Das nimmt kein gutes Ende: Burghart Klaußner als Alfred. Foto: Werner

Im Recklinghäuser Ruhrfestspielhaus ist der Tod in Gestalt der Multimilliardärin Claire Zachanassian aus dem Zug gestiegen. Ihr Zielort: heruntergekommen, ruinös, am Ende. Auch die Bewohner scheinen sich aufgegeben zu haben. Da kommt das unmoralische Angebot des Besuchs wie gerufen: eine Milliarde für eine Leiche.

Herzliches „Glück auf!“ für die alte Dame

Denn die alte Dame will Gerechtigkeit kaufen: Alfred Ill ließ sie einst schwanger sitzen, dafür soll er jetzt büßen. Und dafür bekommt die „barmherzige Claire“ ein herzliches „Glück auf!“ – und zwei Stunden lang den ganz großen Bahnhof.

Regisseur Frank Hoffmann verlegt Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ aus dem schweizerischen Güllen mitten ins Ruhrgebiet und serviert mit seiner Abschiedspremiere für die Ruhrfestspiele, eine Koproduktion mit dem Burgtheater Wien, eine letzte Verbeugung vor dem Bergbau und vor der Region.

Der Intendant erzählt Dürrenmatts Klassiker der Moderne recht linear als Parabel auf die Krisenanfälligkeit des Rechts, er führt den Zuschauer mit gallig-bösen Gags durch die ökonomischen und moralischen Blasen der Gegenwart bis hinunter in die materialistischen Abgründe heutiger Wohlstandsgesellschaften.

Text radikal gekürzt

Hoffmann bleibt nah am radikal gekürzten Text. Er konzentriert sich auf zehn Figuren, allesamt Witz- und Trauergestalten, die ihre Ticks, die Jagd auf den schwarzen Panther Ill und den schleichenden Werteverfall bis zum kollektiven Sündenbockmord lustvoll zelebrieren.

Im wunderbar abstrakten Eingangsbild gelingt ihm eine akkurate Typen-Revue. Aus dem bunten Bilderbogen an schrägen Gestalten blitzen immer wieder schauspielerische Soli hervor. Claire ist eine grotesk aufgetakelte Schachtel mit unerschöpflichem Sarkasmusvorrat. Maria Happel spielt sie auf der Grenze zwischen süßer Erinnerung und eiskalter Rachsucht.

Klassiker spielt im Kohlenrevier

Maria Happel spielt die reiche Claire. Foto: Werner

Denn Frank Hoffmann erzählt mit seiner Dürrenmatt-Deutung auch die große Liebesgeschichte zwischen Claire und Ill. Burghart Klaußners Figur hat sich mit lässigem Zynismus hinter abgelegten Illusionen eingerichtet. Aber die alte Schuld hat Ill im Würgegriff, er ringt um Orientierung und Haltung und meistert seine Opferrolle am Ende mit der Würde der Selbsterkenntnis. Er kann nicht verhindern, dass die Stadt schon bald korrumpiert ist.

Claire, nicht Ill, hat längst „alle im Sack“. Mit gelben Schuhen oder Goldzähnen, sogar die neue Kirchglocke übertönt den stillen Tod des Rechts. Die Menschlichkeit ist in der Hölle angekommen.

Charmante Geste der Regie

Mit seinen hervorragenden Schauspielern und ohrenbetäubenden Geräuschen aus der Industriewelt steigert der Regisseur die Dramatik und vertreibt einige Längen.

Während eingangs nur ein kleiner Sack mit Eierkohlen reicht, um das Geschehen im Revier zu verorten, beschwört Hoffmann später immer wieder das Heimatmotiv und die alte Zechen-Romantik, gibt sogar dem Bergarbeiter-Schlachtruf „Erst stirbt die Zeche – dann stirbt die Stadt“ eine Bühne. Eine charmante Geste, zu neuen Aussagen kommt das Stück dadurch jedoch nicht.

Starkes Bild zum Schluss

Ein starkes Bild gelingt dem Festspielchef wieder zum Ende: Als sich die mächtige rostige Stahlkulisse von Bühnenbildner Ben Willikens laut scheppernd in Bewegung setzt, und der letzte Raum für etwaige Zweifel verschwindet, schimmert das Bittere und Zeitlose dieser Parabel der Moderne durch.

Während sich die scheinheiligen Kreaturen ganz vorne an der Rampe in ihrem Lügenkonstrukt wie Marionetten im Mikrofonkabel verheddern, mutiert der Bürgermeister (zurecht Szenenapplaus für Roland Koch) zum perfiden Demagogen – und macht die Gäste im Saal schweigend zu Mittätern. Minutenlanger Beifall und stehend dargebrachte Ovationen.

Bis Montag, 7. Mai, im Festspielhaus.

Karten unter Tel. (02361) 92180.

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