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Schloss Strünkede

Fassade aus Jute wird kommen

Herne Bei der documenta wurde der Künstler Ibrahim Mahama zum internationalen Star. Für die Ausstellungsreihe „Kunst und Kohle“ verhüllt er jetzt in Herne ein ganzes Schloss – vorab gab es aber rechtliche Hürden und auch Kritik.

Fassade aus Jute wird kommen

Im Innenhof des Schlosses Strünkede in Herne haben die 50 Näherinnen und Näher letzte Hand angelegt. Foto: Ullrich

Leben wirklich Fledermäuse im Herner Schloss Strünkede? Genau weiß das niemand. Doch es musste diskutiert werden, bevor die Arbeiten zu Ibrahim Mahamas Verhüllungskunstwerk „Coal Market“ starten konnten, das am 4. Mai als Teil der Schau „Kunst und Kohle“ eröffnet.

Genau wie Fragen des Baurechts, des Denkmalschutzes und des Brandschutzes. Viele Hürden für ein Werk von internationalem Rang.

Hubwagen für den Brandschutz

Doch seit Montag sind alle Beteiligten zuversichtlich: Das Schloss bekommt eine neue Fassade aus Jutesäcken.

Oliver Doetzer-Berweger steht auf der Wasserbrücke vor dem Torbogen, der auf den Innenhof des Schlosses führt, und dirigiert den herankommenden Hubsteiger. „Die Kletterer bringen jetzt noch den Rest der Löschanlage an, die im Brandfall den Übergang von der Fassade zum Dachstuhl schützen soll“, erklärt der Direktor des Emschertal-Museums, der die Installation kuratiert. Ein Schweißtropfen bildet sich auf seiner Stirn. Einer von vielen in den vergangenen Tagen und Wochen.

Brennbares Material verlangt umfangreiche Planung

Dass man an einem denkmalgeschützten Schloss nicht einfach so Löcher für eine Tragevorrichtung bohren kann, war ihm klar: „Es musste bis ins Detail geklärt werden, in welche Fugen die Löcher kommen – und dass sie später mit den original Bauststoffen wieder geschlossen werden.“ Auch dass Brandschützer auf den Plan treten, wenn ein Schloss aus dem 12. Jahrhundert mit brennbarem Material verhängt wird, war kein Wunder.

Dass man Ausgleichsmaßnahmen ergreifen muss, um eventuell vorhandene Fledermäuse zu schützen, wäre Oliver Doetzer-Berweger allerdings nicht in den Sinn gekommen. Aber: „Die Naturschutzbehörde hat verlangt, dass wir alternative Brutstätten im Park aufstellen.“

Paare wollen keine Säcke auf Hochzeitsfotos

Neben den Behörden muss sich der Museumsdirektor mit kritischen Bürgern herumschlagen: Vier Paare haben sich beschwert, dass das Schloss an ihrem Hochzeitstag nicht mit der bekannten Fassade aufwarten wird. „Ich habe ihnen erklärt, dass sie Teil eines großen Kunstwerks sein werden und die Fassaden im Innenhof frei bleiben.“

Und dann taucht auf einmal Willi Zehrt auf. Er ist Künstler, Herner Original, kritischer Geist und geht mehrmals täglich mit seinem Hund am Schloss spazieren. „Ich finde das Kunstwerk nicht gut. Es ist eine Kopie der Arbeiten von Christo“, sagt er. Aber auch: „Toll, dass so etwas nach Herne kommt.“

Politische Dimension statt bloße Christo-Kopie

Francis Djiwornu kennt die Kritik, bloß Christo-Kopie zu sein, schon. Er ist der Assistent des Künstlers Ibrahim Mahama und hat ähnliche Arbeiten auf der documenta 2017 in Kassel, in Düsseldorf und Kopenhagen begleitet: „Unsere Arbeit ist ganz anders als die Verhüllungen von Christo“, sagt er, „unser Material wird nicht extra hergestellt, ist nicht so glatt, sondern stammt aus der Welt des globalen Handels und trägt dessen Spuren“.

Damit hat das Werk auch eine politische Dimension: Die rund 2000 Quadratmeter Jutesäcke, die das Schloss bald verhüllen, wurden in Asien hergestellt. In Afrika schleppten Arbeiter in ihnen erst Waren wie Reis oder Kakao, dann Kohle.

Freiwillige aus der Region nähten Stoff zusammen

So erzählen sie vom Weg der Kohle in Entwicklungsländer, der bald bis ins Ruhrgebiet führen wird: „Wenn die Kohleförderung Ende des Jahres endet, werden die Kraftwerke in der Region mit Kohle aus Ländern befeuert, wo noch nicht unsere Arbeitssicherheit herrscht“, sagt Oliver Doetze-Berweger.

Diesen politischen Inhalt des Werks diskutierte Ibrahim Mahama auch mit den rund 50 Näherinnen und Nähern aus der Region, die die Stoffbahnen freiwillig zusammenbrachten. Denn genau das gehört unbedingt zu seiner Kunst: Das Sprechen über gesellschaftliche Verhältnisse.

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