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Eine Souffleuse am Rand der Verzweiflung

Serie "Zehn vor Acht"

DORTMUND Die wichtigste der sieben Sprachen, die Adriana Naldoni spricht, ist auf der ganzen Welt die selbe: Die Sprache der Verzweiflung. Sänger oder Schauspieler sprechen sie, wenn sie mitten im Stück einen Blackout haben. In solchen Momenten wird die Souffleuse Adriana Naldoni plötzlich sehr wichtig.

von Von Tilman Abegg

, 03.05.2011
Eine Souffleuse am Rand der Verzweiflung

<p>Achtung: Andriana Naldoni kennt Schwächen der Sänger.</p>

Zehn Minuten vor Beginn der Vorstellung im Dortmunder Opernhaus steht Adriana Naldoni oft beim Inspizienten und plaudert ein wenig. Meist ist sie dann seit zwanzig Minuten im Haus. Sie hat ihren Mantel abgelegt. Sie hat den Klavierauszug, die reduzierte und übersichtlichere Partitur des Stücks, auf ihr Pult direkt neben dem Bühnenrand gelegt. Und sie hat nachgesehen, ob die kleine Pultlampe funktioniert. Seit sie einmal im Musical "Peter Pan" erst zu Beginn der Vorstellung entdeckt hatte, dass die Lampe kaputt war, hat sie außerdem immer eine Taschenlampe dabei.Eigenheiten der Sänger Ein großer Teil ihrer Arbeit liegt jetzt, kurz vor der Aufführung, hinter ihr. Die ersten sechs Probenwochen sind entscheidend. In dieser Zeit muss sie die charakteristischen Eigenheiten der Sänger und Schauspieler kennen lernen. Damit sie später bei der Aufführung die kleinen Abweichungen erkennen kann, die Unsicherheit verraten. Wichtig ist auch, dass Adriana Naldoni bei den ersten Proben nicht zu viel hilft. Sonst gewöhnen sich die Sänger daran und geben sich selbst weniger Mühe. "Ich lasse sie leiden", nennt Adriana Naldoni das, aber mit einem freundlichen Lächeln."Und wo bleibe ich?" Vier oder fünf Minuten vor Beginn setzt Adriana Naldoni sich an ihr Pult. Sie trägt Schwarz, damit sie die Beleuchtung nicht beeinflusst und die Künstler nicht irritiert. Bei den meisten Aufführungen steht ihr Pult an einer der Bühnenseiten.

Manchmal muss die gebürtige Italienerin sich ihren Platz erst erkämpfen. Beim "Freischütz" hatte der Bühnenbildner sie schlicht vergessen und die Bühne komplett zugebaut. Als sie zur ersten Probe kam, fragte sie ihn: "Und wo bleibe ich?" Seitdem sitzt sie bei üppigen Bühnenbildern in der Technik-Ebene über der Bühne. - Solange sie in Hörweite der Sänger bleibt. Einmal sei sie in der Zeitungskritik erwähnt worden. Weil die Sänger weit von ihr weg standen und viel vergaßen, musste sie viel schreien. "Das hat der dann geschrieben", erzählt sie lachend.Suchender Blick Der Vorhang hebt sich. Jetzt beginnt die Phase höchster Konzentration, die bis zum Schlussapplaus anhält. Während der Proben hat Adriana Naldoni die Vokabeln gelernt, die einen Blackout ankündigen. Bei dem einen ist es ein nervöses Zucken der Augenbrauen. Bei dem anderen eine leicht veränderte Haltung. Manch einer blickt sie auch einfach direkt Hilfe suchend an. Hin und wieder braucht sie auch gar kein Zeichen: "Manchmal weiß ich, dass sie gleich den Text vergessen", sagt die 44-Jährige. "Bevor sie es selbst wissen." Jeden Künstler hat sie als erstes gefragt: "Was brauchst du?" - je nach Herkunft auf Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Französisch oder Deutsch. Die meisten bitten für den Fall der Fälle um die ersten ein oder zwei Wörter. Die müssen dann sitzen, weil die Sänger schlecht nachfragen können. Die erste Silbe ist die wichtigste. Damit ihr Mund nicht austrocknet, steht eine Flasche Wasser neben ihrem Pult.

Finale mit Schwanensee 

In der aktuellen Spielzeit souffliert sie bei "Lucia di Lammermoor", "Rusalka", "Peter Pan" und "Die Sekretärinnen." Wenn die Künstler zum Schlussapplaus auf die Bühne laufen, bleibt sie an ihrem Pult sitzen.

Seit sie 17 war, pirouettierte sie als Tänzerin bei mehr als 30 Choreografen über die Bühnen in der ganzen Welt. Ihren letzten Applaus verdiente sie sich mit "Schwanensee" auf der Dortmunder Opernbühne. "Das war damals mein Danke", sagt sie. Heute kommt manchmal einer der Künstler nach der Vorstellung zu ihr: "Du hast mich gerettet." Manchmal sei der Beruf einsam, sagt Adriana Naldoni. "Aber ich liebe das Theater."