Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Einar Schleef und die Wende

Ruhrfestspiele

RECKLINGHAUSEN. Prolog: West-Polizist verpasst Ossi-Kollegen einen Einlauf. Dem will er das Stottern austreiben. Er bellt ihn nieder mit der Arroganz des Besserwessis. Und peitscht ihn durch zungenbrecherische Silbengebirge. Szenenapplaus für diesen Sprech-Orkan. Bei den Ruhrfestspielen kam „Gute Reise auf Wiedersehen“ zur Uraufführung, ein Stück aus dem Nachlass des 2001 gestorbenen Einar Schleef.

von Von Kai-Uwe Brinkmann

, 27.05.2011
Einar Schleef und die Wende

Jochen Strodthoff und Werner Halbedl in der Uraufführung "Gute Reise auf Wiedersehen".

Einar Schleff: Theater-Titan, „rübergemacht“, selber Stotterer. Der Untertitel „Totentrompeten 4“ knüpft an drei Vorläufer an, die das Dasein in der DDR-Provinz als Fluch und ewiges Hamsterrad beschreiben. Den vierten Teil hat Schleef eine Elegie genannt. Er kreist um die Nachwehen der Wende. Das Leben mag unter neuen Vorzeichen stehen, doch es ist die alte Mausefalle. Ein satirischer „Fotoroman“ bringt ein Wiedersehen mit drei alten Tanten, ursprünglich auch von solchen gespielt. Mit einem Kunstgriff („Sie träumten, wieder jung zu sein“) etabliert Ernst M. Binders Inszenierung (eine Kooperation der Ruhrfestspiele mit dem freien Theater „dramagraz“) drei junge Darstellerinnen.Trude (Katja Brenner), Lotte (Ninja Reichert) und Elly (Sophie Engert): Lästerziegen, in Hassliebe einander zugetan. Sie hocken im 43. Stock eines Hotels, irgendwo im Ausland. 250 Nudel-Pakete haben sie gekauft, um in der Nudel-Tombola diese Fernreise zu gewinnen. Wo sie auch sind, ihr Heimatkaff Sangerhausen (Schleefs Geburtsort) ist immer präsent. Sie frotzeln und beharken sich in einem verkürzten Idiom, das Vertrautheit verrät. Ein Sermon um Männer, Geld, Kontaktanzeigen.

Dazwischen kleine Giftpfeile: „Beten hilft. Das hat einen ganzen Staat vernichtet!“ „Mich hat die Wende befreit. Du bist ihr Opfer!“ Papperlapapp: Nichts hat sich geändert. Spießer bleibt Spießer. Im Kopf herrscht die gleiche Beschränktheit, die gleiche Neidhammelei wie vorher. Eine Elegie des Stillstands, fatalistisch, von grotesk komischer Bitterkeit. Sprachlich ein Genuss.