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Der Dichter als radikaler Außenseiter

Tagung zum Kleist-Jahr

BOCHUM Heinrich von Kleist zählt neben Goethe und Schiller zwar zu den bedeutendsten deutschen Dichtern. Das Kleist-Jahr 2011, das anlässlich des 200. Todestages ausgerufen wurde, findet jedoch eher im Verborgenen der literaturwissenschaftlichen Diskurse statt.

von von Max Floran Kühlem

, 01.05.2011
Der Dichter als radikaler Außenseiter

Der Dichter Heinrich von Kleist.

Zum Beispiel an der Ruhr-Universität, wo von der Öffentlichkeit fast unbemerkt eine Tagung das Thema "Kleist - und die Deutschen" diskutierte. Initiiert hatte sie Germanistik-Studenten Kevin Liggieri, der während des Studiums auf Kleists Außenseiterstatus gestoßen ist: "Warum ist Kleist so radikal? Warum spuckt er so viel Asche, schreibt so wütend und teilweise unreflektiert nationalistisch?"

Immer noch tut sich die Literaturwissenschaft schwer, Kleist einer Epoche zuzuordnen: Den Romantikern stand er kritisch gegenüber. In seinen Werken wählte er zwar antike Stoffe ("Penthesilea"), bewegte sich formal aber weit außerhalb der Ausgewogenen des Klassizismus. Darauf wies Germanistik-Student Christoph Manfred Müller in seinem Vortrag hin. Dass der Dichter trotzdem wunderbar in seine Zeit passt, erklärte er systemtheoretisch: Zum Ende des 18. Jahrhunderts habe sich die Literatur soweit als eigener gesellschaftlicher Bereich "ausdifferenziert", dass Kleists radikaler Blick, seine Infragestellung des Guten, Wahren und Schöne als interessante Neuerung anstand.

Neugermanist Prof. Nicolas Pethes wusste auch den oft als "dumpf nationalistisch" wahrgenommenen Zug Kleists einzuordnen: Er sieht im Werk eine Hinwendung zum Begriff der Biopolitik, einer Beseeltheit von der Idee des Lebens. So erscheine sowohl in der "Penthesilea" als auch der von den Nationalsozialisten als Durchhalteliteratur vereinnahmten "Hermannsschlacht" das Kriegsziel nicht als Zerstörung von Leben, sondern als Aufrechterhaltung einer Gemeinschaft.

Tagungs-Initiator Kevin Liggieri hatte schon vor der Tagung eine Antwort auf die Frage nach Kleists radikalen Nationalismus gefunden: "Ich glaube, er befürchtete durch das Bündnis mit den Franzosen einen Verlust der eigenen Identität. Die Angst vor dem Verlust der deutschen Wurzeln trieb ihn letztendlich sogar in den Selbstmord."