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Buchkritik

David Mitchell: „Slade House“

Vorab eine Warnung: Wenn Sie einmal in der Slade Alley sein sollten und dort ein kleines Törchen finden: Öffnen Sie es um Himmels willen nicht!

David Mitchell: „Slade House“

Wer auf den guten alten englischen Schauerroman steht, in dem man am besten nachts mit Taschenlampe unter der Bettdecke schmökert, der sollte unbedingt „Slade House“ von David Mitchell lesen. Die sprichwörtliche Gänsehaut kriecht einem den Rücken hinunter, und man möchte den Protagonisten ständig zuschreien: „Nein, um Himmels willen, geh nicht durch dieses schmale Törchen!“

Natürlich kümmern sich Romanfiguren in aller Regel nicht um solche Leserwarnungen, und so durchschreiten sie denn doch jedes Mal am „Tag der offenen Tür“ jenes Törchen. Es zeigt sich nur alle neun Jahre am letzten Samstagabend im Oktober und befindet sich in einer ausgesprochen düsteren, nebeligen und kalten Gasse irgendwo in England.

Verlorene Seelen

Wer hindurchgeht, dessen Seele ist verloren, denn die Zwillinge Norah und Jonah, am Ende des Romans 116 Jahre alt, brauchen in regelmäßigen Abständen eine frische Seele, um ihren Unsterblichkeitsakku wieder aufzuladen.

Doch bevor es ans Sterben geht, erleben unsere gepeinigten Romanfiguren noch die perfekte Illusion. Nathan, ein Junge, glaubt im Jahre 1979, seine Mutter auf ein Konzert mit Yehudi Menuhin zu begleiten.

Der sexbesessene Polizist Edmonds sieht 1988 hinter dem Törchen nicht nur das riesige Slade House – wie alle Opfer –, sondern trifft auch die attraktive Mrs. Chetwynd. Der schüchterne Teenager Sally mit Gewichtsproblemen erlebt 1997 erst noch eine rauschende Party, bevor ihm die Seele geraubt wird. Weitere Tage der offenen Tür gibt‘s 2006 und 2015.

Kluge Story

Das Ganze ergibt nicht nur eine klug ausgedachte Story, sondern ist dabei stilistisch auf höchstem Niveau geschrieben (was nicht normal ist bei einem Roman dieses Genres). Mitchell schreibt seine Kapitel aus der Sicht der Opfer und gibt ihnen jeweils ganz eigene sprachliche Stimmungen, die für Vielseitigkeit sorgen. Sehr gelungen!

David Mitchell: Slade House, 240 S., Rowohlt, 20 Euro, ISBN 978-3-4980-4276-9.

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