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Theater Dortmund

Bürger sind in Brandgefahr

DORTMUND Das Schauspiel Dortmund hat nach dem Umbau wieder eröffnet. „Biedermann und die Brandstifter/Fahrenheit 451“ entfaltet die ganze Magie des Theaters – und liest uns Bürgern die Leviten.

Bürger sind in Brandgefahr

Die Feuerwehr mit Uwe Schmieder (r.) greift nach Büchersammlerin Alice (Alexandra Sinelnikova). Foto: Hupfeld Foto: 44793 Bochum

Intendant Kay Voges war erleichtert. Mit den Worten „Der Stern über dem Schauspiel leuchtet wieder“ begrüßte er das Publikum am Samstag im ausverkauften Dortmunder Schauspielhaus. Der Umbau der Werkstätten hatte das Ensemble in die Spielstätte Megastore verdrängt. In der öden Blechhalle herrschte zwei Jahre lang Enthaltsamkeit bei den technischen Effekten.

Kein Wunder, dass Regisseur Gordon Kämmerer zur Eröffnung zaubert, was das Zeug hält. Drehbühne, Unterbühne, zwei Windmaschinen, magische Momente im Regen – das ist Vorsprung durch (Bühnen-) Technik. Der Funke springt über an einem sehenswerten Doppelabend, in dem es um Feuer geht.

In „Biedermann und die Brandstifter“ aus dem Jahr 1958 von Max Frisch nisten sich zwei Verbrecher auf dem Dachboden einer Familie ein. In „Fahrenheit 451“, 1953 als Science-Fiction-Roman von Ray Bradbury erschienen und 1966 von Truffaut verfilmt, verbrennt die Feuerwehr der Zukunft alle Bücher. Keine sehr theatralischen Stoffe. Frischs Text ist ein Lehrstück. Und die Brände bei Bradbury können nicht gezeigt, es muss also häufig berichtet werden. Warum das also spielen?

Pakt mit dem Teufel

Weil wohl jeder Bürger sich wiedererkennt in der Familie Biedermann, die nur ihre Ruhe will und darum mit dem Brandstifter Schmitz – Björn Gabriel spielt ihn herrlich ironisch – paktiert. Für die Familie haben Bühnenbildner Matthias Koch und Kostümbildner Josa David Marx erstaunliche Räume gebaut hat. Alles ist hier lindgrün, von den Möbeln bis zu den Pantoffeln. Ekkehard Freye als Vater, Alexandra Sinelnikova (ein Gewinn fürs Ensemble) als Mutter und die extrem talentierte Frauke Becker als Tochter spielen den Alltag als Choreografie – inklusive Kaffeetassen-Musik. Nur manchmal verliert Regisseur Kämmerer die Balance zwischen Sinn und Spaß – Sex mit einem Teddy ist doch eher unlustig.

Verblüffend gut funktioniert dagegen die Verknüpfung mit „Fahrenheit 451“. Ohne Pause verschwindet die Unterbühne mit der Familie und wir schauen auf den brandgefährlichen Dachboden, wo Feuerwehrmann Guy Montag Bücher und Menschen in Flammen setzt. Es ist eine sinnentleerte Gesellschaft, in der es vor Videowänden heiß hergeht. Bis Guy die süße Clarisse (bezaubernd: Bettina Lieder) kennenlernt. Uwe Schmieder spielt die Rolle hingebungsvoll als nackter Leidensmann bis zum imposanten Schlussbild mit dem Chor.

Fazit: 140 spannende Minuten, die uns Bürger mahnen, uns rechtzeitig zu engagieren, und die trotzdem Spaß machen. Der moralische Zeigefinger taucht dabei nicht auf. Auch das ist ein Kunststück.

Termine: 23.12.2017, 7./10./ 21./26.1.2018. Karten: Tel. (0231) 5027222.

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