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Kleinkinder lernen, indem sie Dinge nachmachen. Um herauszufinden wie das funktioniert, läuft an der TU Dortmund zurzeit eine Studie. Doch die richtigen Kinder dafür sind schwer zu finden.

Dortmund

, 07.12.2018 / Lesedauer: 6 min

Carlo ist anderthalb Jahre alt und, wie es aussieht, ziemlich zielstrebig für sein Alter. Er sitzt an einem Tisch in einem kleinen Raum in der Uni und steckt gelbe Stäbchen in ein Brett mit Löchern. Die Stäbchen sind etwa so schmal und lang wie Kugelschreiber und die Löcher im Brett sind entsprechend klein.

Wenn man die naturgemäß noch ungeübten Hände eines Kleinkindes hat, dann ist das alles andere als einfach. Dann muss man das wollen. Carlo schaut konzentriert auf seine Hände, und seine Hände stecken die Stäbchen in die Löcher, eins nach dem anderen. Alle zehn. Zufrieden schiebt er das Brett über den Tisch zu Jan Czarnomski.

Etwa eine Stunde dauert jede Untersuchung

Czarnomski nimmt das Stäbchenbrett entgegen und sagt „Toll, super gemacht!“ Dann legt er es weg und holt die nächsten Gegenstände hervor, zwei Stofflappen und ein Armband. Er legt das Armband unter einen der Lappen, verschiebt beide Lappen und fragt Carlo, unter welchem wohl das Armband liege. Das macht er mehrmals und Carlo schaut meistens unter den richtigen Lappen.

Etwa eine Stunde verbringt Czarnomski mit Carlo in diesem extra dafür hergerichteten Raum. Alles hier ist weiß oder hellgrau, die Wände sind leer, damit Carlo sich auf die Dinge konzentriert, die Czarnomski ihm zeigt.

Warum Psychologen der TU wissen wollen, wie temperamentvoll Ihr Kleinkind ist

Studienleiter Jan Czarnomski: „Wenn man das breite Verhaltensspektrum der kleinen Kinder sieht, das noch nicht von der Schule in die Schranken verwiesen wurde, sondern sich noch frei ausdrückt, und man weiß: daraus werden die Erwachsene von morgen - dann versteht man seine Mitmenschen noch mal ganz anders.“ © Tilman Abegg

Czarnomski, 28, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie der TU. Er leitet diese Studie. 156 Anderthalbjährige nehmen daran teil. Mit jedem von ihnen verbringt Czarnomski eine Stunde in dem reizarmen Raum, zeigt ihnen Stäbchenbrett und Lappen und vieles andere, lässt die Kinder manches nachmachen, und zwischendurch geht er nach nebenan und macht Notizen. Mit jedem Kind macht er genau das Gleiche.

Warum Psychologen der TU wissen wollen, wie temperamentvoll Ihr Kleinkind ist

Der Tisch zum Kennenlernen: Hier nehmen der Studienleiter und das Kleinkind den ersten Kontakt auf, bevor die Untersuchung beginnt. © Tilman Abegg

Es geht um einen Baustein zum Verständnis des Menschen

Der Zweck der Studie ist ein sehr spezieller: Czarnomski will herausfinden, ob es bei Kindern diesen Alters einen Zusammenhang zwischen Imitation und Temperament gibt. Vereinfacht gesagt soll geklärt werden: Sind ruhige Kinder besser im Imitieren als lebhafte, oder ist es vielleicht umgekehrt?

Sollte das gelingen, wäre dieses Ergebnis ein Baustein für ein besseres Verständnis von Kindern und letztendlich von allen Menschen.

Es ist eine Längsschnittstudie. Das bedeutet, die Kinder werden mehrmals getestet, in diesem Fall dreimal im Abstand von jeweils sechs Monaten. Vor einem halben Jahr, als die Kinder ein Jahr alt waren, hat Czarnomski mit jedem von ihnen eine Stunde hier verbracht, mit etwas leichteren Aufgaben, und in einem halben Jahr, wenn sie zwei Jahre alt sind, macht er es ein drittes Mal.

„Dahinter steht die Idee, dass die menschliche Kultur oder Kulturen überhaupt sich nur durch Nachahmung erhalten“, sagt Professor Norbert Zmyj. Der Entwicklungspsychologe hat gemeinsam mit zwei Kollegen die Studie entworfen, die von der Deutschen Forschungsgesellschaft gefördert wird.

Warum Psychologen der TU wissen wollen, wie temperamentvoll Ihr Kleinkind ist

Professor Norbert Zmyj: „Dahinter steht die Idee, dass die menschliche Kultur, oder Kulturen überhaupt, sich nur durch Nachahmung erhalten.“ © Roland Baege

Zmyj: „Wir erfinden ja nicht jede Generation das Rad neu, sondern bauen auf den Erfahrungen unserer Vorfahren auf. Und eine Möglichkeit, Wissen weiterzugeben, ist über Nachahmung.“ Ein Kollege von ihm habe mal gesagt, man könne statt vom homo sapiens, dem „weisen Menschen“, auch vom homo imitans, dem „imitierenden Menschen“, sprechen. „Denn das unterscheidet uns von anderen Tieren: dass wir sehr viel über Nachahmung lernen.“

Tiere, sagt Zmyj, gehen zwar zum Beispiel zuerst mit ihren Eltern auf die Jagd, wenn sie jung sind. Aber das sei kein Lernen, sondern eher ein Abrufen von instinktiven Verhaltensweisen. Menschen jedoch könnten durch Nachahmung völlig neue Dinge lernen.

Die Imitation ist also einer der wichtigsten Schlüssel zum Verständnis davon, wie Menschen lernen.

Die Frage ist: Hat das Temperament etwas mit der Imitation zu tun?

In der aktuellen Studie stellt Zmyj folgende Frage: „Ist diese typisch menschliche Eigenschaft, Dinge zu imitieren, von anderen zu lernen, nicht auch noch zusätzlich abhängig vom Charakter, von der Persönlichkeit eines jungen Menschen?“ Und da komme dann der Temperamentsgedanke ins Spiel.

Warum Psychologen der TU wissen wollen, wie temperamentvoll Ihr Kleinkind ist

An diesem Tisch sitzen Jan Czarnomski und die Kinder während der Untersuchungen. Die Kamera nimmt alles auf. © Tilman Abegg

Die Psychologen müssen also erst mal wissen, wie temperamentvoll die Kinder sind, die sie untersuchen. Dafür fragen sie die Eltern. Und weil Psychologen Wissenschaftler sind, fragen sie nicht einfach: „Wie temperamentvoll ist Ihr Kind denn so?“

Wie temperamentvoll ein Kind ist, hängt von 16 Faktoren ab

Stattdessen gliedern sie das Temperament in 16 Einzelaspekte auf, zum Beispiel Verschmustheit, Ängstlichkeit, Aufmerksamkeitsdauer und Beruhigbarkeit. Um diese Skalen, wie die Forscher sie nennen, vorher für jedes Kind auswerten zu können, schicken sie den Eltern vorab einen Fragebogen. Darin stehen 191 Fragen wie diese: „Wenn Ihr Baby spielerisch herumgewirbelt wurde, wie oft hat es gelacht?“ Oder: „Wenn Ihr Baby ein neues Spielzeug bekommen hat, wie oft hat es sofort danach gegriffen?“

Für jedes der 156 Kinder hat Jan Czarnomski also erst eine Art Temperamentsprofil angelegt und anschließend untersucht, wie sehr jedes Kind bestimmte Dinge nachmacht. Die zwei Wiederholungen der Untersuchungen mit 18 und 24 Monaten sollen zusätzlich Aufschluss darüber geben, ob die Fähigkeit zur Imitation im Laufe der Zeit mit unterschiedlichen Aspekten des Temperaments zusammenhängt.

Das Problem: Es ist nicht klar, wie repräsentativ die Studie ist

Doch trotz der gewissenhaften Vorbereitung und des großen Aufwands hat diese Studie ein Problem – wie übrigens auch alle anderen Studien mit Kleinkindern der TU-Psychologen. Denn dank einer datenschutzrechtlich abgesicherten Kooperation mit dem Einwohnermeldeamt schreiben sie zwar alle Eltern in Dortmund an, die gerade ein Kind bekommen haben, doch die Verteilung der Eltern, die zur Teilnahme bereit sind, weicht von der Wirklichkeit stark ab. Und zwar in Bezug auf den Bildungsgrad der Eltern: Je höher der Bildungsgrad, desto eher sind Eltern dazu bereit.

Anders gesagt: Der Anteil an Teilnehmern mit niedrigem Bildungsgrad ist viel geringer als der Anteil in der Stadtbevölkerung. Bei der aktuellen Studie haben mehr als 40 Prozent der Eltern ein abgeschlossenes Hochschulstudium, und nur 2 Prozent der Mütter und 5 Prozent der Väter haben einen Hauptschulabschluss.

Manche Eltern sagen: „Nee, das brauchen wir nicht“

Zmyj und Czarnomski vermuten, dass viele Menschen mit niedrigerem Bildungsgrad der Uni grundsätzlich eher misstrauisch gegenüberstehen. „Nee, das brauchen wir nicht“, dieser Satz sei ein paar Mal gefallen. Manche würden wohl argwöhnen, dass die Studie die Intelligenz der Kinder messe – was nicht der Fall ist – und deswegen vielleicht davor zurückschrecken.

Auf der anderen Seite, erzählen die Forscher, würden viele Akademiker sich über die Gelegenheit freuen, mal wieder an die Uni zurückzukommen.

So wie bei Carlos Eltern. Katrin und Manuel Sommer, beide in den 30ern, sind beide Lehrer und haben an der TU studiert. Manuel Sommer ist Hauptschullehrer, und dass nur wenige Eltern mit niedrigem Bildungsstand an der Studie teilnehmen, passe zu seinen Erfahrungen: „Ich merke an der Schule dauernd, wie schwer es ist, diese Eltern dazu zu bewegen, mal aus ihrem Schneckenhaus zu kommen.“ Wenn er sie etwa zum Elternabend einlade, sagten manche: „Können wir das nicht telefonisch klären?“ Grundsätzlich sei da einfach wenig Interesse, mal das Haus zu verlassen.

Früher waren es die Schüler, die so viel Zeit mit Computerspielen verbracht haben, dass sie kaum noch andere Interessen hatten. Und die Schüler von damals seien die Eltern von heute. „Das Leben wird dann sehr eng“, sagt Manuel Sommer.

Warum Psychologen der TU wissen wollen, wie temperamentvoll Ihr Kleinkind ist

An diesem Tisch im Nebenraum des Untersuchungszimmers wird die Übertragung der Kamera aus dem Untersuchungszimmer aufgezeichnet. © Tilman Abegg

Katrin Sommer fand es interessant, ihren Sohn Carlo während der Untersuchung zu beobachten. Sie saß die ganze Zeit neben ihm. „Es war ja eine neue Umgebung für ihn. Und auch an Jan Czarnomski konnte er sich sicher nicht mehr erinnern, beim ersten Mal war er ja gerade erst ein Jahr alt.“

Eins ist sicher: Der Bildungsgrad hat nichts mit Verbundenheit zu tun

Wie groß das Problem mit der fehlenden Repräsentativität wirklich ist, ist nicht klar. Denn ob der Bildungsgrad der Eltern mit der Imitation oder dem Temperament des Kindes zu tun hat, „wissen wir nicht“, sagt Czarnomski.

Eins sei immerhin klar, sagt Norbert Zmyj: „Wie sehr Eltern und ihre Kinder einander verbunden sind, hat mit dem Bildungsgrad nichts zu tun.“

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