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Transgender: Wie Sam (17) aus Dorsten zu einem Jungen wurde und was seine Mutter sagt

dzNeue Identität

Geboren wurde er als Mädchen, doch froh darüber war er eigentlich nie. Jetzt ist Sam Wagner ein Junge. Dies ist die Geschichte eines 17-Jährigen, der endlich glücklich in seinem Körper ist

Dorsten

, 09.03.2019 / Lesedauer: 6 min

Das pinke Prinzessinnenkleid, das seine Mutter ihm an Karneval angezogen hat – er hat es gehasst. Die langen Haare hat er nie gemocht. Mit zwölf Jahren schneidet er sie ab. Wenn Sam auf das Foto von damals schaut, sieht er ein unglückliches Mädchen.

Heute lacht Sam viel, trägt die braunen Haare kurz und pinke Kleider sucht man in seinem Kleiderschrank vergeblich. „Ich fühle mich jetzt endlich wohl in meinem Körper“, sagt Sam Wagner mit einem selbstbewussten Lächeln im Gesicht. Der 17-Jährige aus Dorsten hat sich befreit von einem inneren Leidensdruck. Doch es war ein langer und anstrengender Weg dorthin.

„Ich fühle mich jetzt endlich wohl in meinem Körper.“
Sam Wagner

„Mama, was würdest du machen, wenn ich jetzt ein Junge wäre?“ Diese Frage, die Sam Wagner im Alter von 14 Jahren seiner Mutter nach dem Basketballtraining stellt, verändert sein Leben für immer. „Zugegeben, mein Outing war damals etwas unglücklich und ich kann verstehen, dass meine Mutter erst einmal überfordert war“, blickt der Gymnasiast heute auf diesen Moment zurück. Doch die Worte müssen raus – für die Erfüllung seines innersten Wunsches aber müssen Taten folgen.

Ein typisches Mädchen ist er nie gewesen

Ein typisches Mädchen ist Sam, der damals noch Lidia hieß, nie gewesen. „Als Kind hat er lieber mit den anderen Jungs auf dem Bolzplatz gespielt anstatt mit Puppen“, erinnert sich seine Mutter Olga. Nach der Trennung seiner Eltern kommt der damals Vierjährige im Jahr 2005 zusammen mit seiner Mutter, seinen Großeltern und seinem Onkel aus Kasachstan nach Deutschland. Schon im Kindergarten merkt er, dass irgendwas nicht stimmt, versteht es aber nicht.

Auch Olga Wagner erinnert sich an das pinke Prinzessinnenkleid. „Mit viel Geschrei habe ich es ihm damals angezogen. Man sieht auf jedem einzelnen Bild, dass er sich nicht wohlfühlte.“ Abgetan hat sie es damals als kindliches Verhalten, aus dem ihre Tochter schon rauswachsen würde. Doch sie irrt sich.

Transgender: Wie Sam (17) aus Dorsten zu einem Jungen wurde und was seine Mutter sagt

Das pinke Prinzessinnenkleid, das seine Mutter ihm an Karneval angezogen hat, hat Sam, der damals noch Lidia hieß, gehasst. © privat

Sam versucht, sich anzupassen und den Bitten seiner Mutter, sich wie ein Mädchen zu verhalten, nachzugeben. Brav lässt er sich die Haare wachsen und trägt Mädchenklamotten – zumindest solange seine Mutter in der Nähe ist. Heimlich schlüpft er aber immer wieder in die Kleidung seiner Cousins. Nach außen versucht Sam sich, soweit es geht, dem weiblichen Rollenbild anzupassen. Doch dann kommt die Pubertät und seine Welt dreht sich um 180 Grad.

Der damals 14-Jährige recherchiert im Internet. Zunächst vermutet er, dass er lesbisch sei und beginnt eine Beziehung mit einem Mädchen. Doch dann stößt er auf das Thema Transgender. Mit dem YouTuber „Thorben“, der in seinen Videos über das Thema aufklärt, findet Sam eine Identifikationsperson. „Da hat es Klick gemacht“, erzählt der angehende Abiturient.

Die Freunde nehmen es ganz locker

Sam beginnt zu verstehen, warum er sich in seinem Körper so unwohl fühlt. Schnell akzeptiert er für sich, dass er irgendwas tun muss. Doch wie soll er es seinen Freunden sagen, wie den Klassenkameraden? Und vor allem: Wie wird seine konservative Mutter damit umgehen? Viele Fragen quälen ihn.

Das Outing bei seinen Freunden fällt Sam verhältnismäßig leicht. „Sie nahmen es ganz locker auf“, erinnert sich der junge Dorstener. „Ein großer Schock war es für mich nicht“, bestätigt seine Grundschulfreundin Annika Paul. „Ich habe es ja schon in der dritten Klasse gesehen, dass Sam kein gewöhnliches Mädchen war.“

Transgender: Wie Sam (17) aus Dorsten zu einem Jungen wurde und was seine Mutter sagt

Ein langer und steiniger Weg liegt hinter Sam. Durch seine Transition hat der junge Dorstener sich besser kennengelernt und dadurch viel Selbstbewusstsein gewonnen. © Julian Schäpertöns

Doch da ist noch der alte Name, der nicht zur neuen Identität passt. „Sam“, schlägt seine Cousine vor, als er sich bei ihr outet. Der Teenager sucht sich eine eigene Bedeutung für den Namen: S steht für meine damalige Lieblingsband Saltatio Mortis, A für Anton, den Namen, den seine Mutter ihm gegeben hätte, wenn er als Junge zur Welt gekommen wäre. „Und M steht für Melina, meine Cousine“, erklärt Sam.

„Heute würde ich es anders machen, ganz in Ruhe mit meiner Mutter reden und sie nicht so überfallen.“
Sam Wagner

Seine Mutter weiß da von alledem noch nichts. „Heute würde ich es anders machen, ganz in Ruhe mit ihr reden und sie nicht so überfallen“, gibt der 17-Jährige zu. Er stellt seine Mutter vor vollendete Tatsachen, sie kann es nur schwer akzeptieren, dass ihre Tochter transsexuell ist. „Zunächst wollte ich es nicht wahrhaben. Ich habe mir große Vorwürfe gemacht, weil ich dachte, etwas falsch gemacht zu haben“, erzählt Olga Wagner.

An diesem Abend sagt sie ihrer Tochter, sie solle warten, bis sie 18 sei. Sie könne sie nicht mit Sam ansprechen. Für den 14-Jährigen bricht eine Welt zusammen. Die erhoffte Unterstützung und Akzeptanz bleiben aus. Für Mutter und Kind beginnt eine schwere Zeit. „Wir haben uns oft gestritten und viel angeschwiegen“, erinnert sich Sam. Doch nach und nach öffnet sich seine Mutter dem Thema und beginnt, die neue Identität zu akzeptieren.

Die Klassenkameraden klatschen Beifall

„Ich hatte ziemlich Angst, mich in der Schule zu outen. Immerhin gehe ich ja auf ein katholisches Gymnasium“, gibt Sam zu. Doch seine Angst ist unbegründet, wie er schnell merkt. Zunächst spricht er mit seiner Klassenlehrerin. „Ich möchte jetzt Sam genannt werden.“ Als er das vor der Klasse sagt, beginnen seine Mitschüler zu klatschen. „Das war sehr befremdlich für mich. Mit so einer Reaktion habe ich nicht gerechnet“, erzählt der Schüler. In seiner Klasse wird Sam schnell akzeptiert.

„Sam war immer ein sehr selbstständiges Kind. Er hat von mir nicht viel Unterstützung gebraucht. Er hat selbst recherchiert, Termine ausgemacht und seinen Weg geplant. Ich war da eher die stumme Beobachterin“, berichtet Olga Wagner. „Ich hatte einen Plan und wusste, wie ich vorgehen muss“, gibt ihr Sohn zu.

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Zunächst sucht er nach Psychotherapeuten. Denn bevor er mit einer Hormontherapie starten kann, sind die Gespräche mit einem Psychologen obligatorisch. Diese schließen durch Gesprächstherapie andere psychische Krankheiten aus und stellen nach sechs bis zwölf Monaten ein Indikationsschreiben für eine gegengeschlechtliche Hormonbehandlung aus.

Einmal im Monat fährt Sam mit dem Zug zu seiner Therapeutin nach Dortmund. An manchen Tagen werden Gespräche gemeinsam mit seiner Mutter geführt – sie helfen auch Olga Wagner, mit der Situation besser zurecht zu kommen.

Zur Sache

Was ist Transgender?

  • Der Begriff „Transgender“ bezeichnet Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das sie von Geburt an haben. Zwischen 20.000 und 80.000 Menschen in Deutschland sind laut der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) transsexuell.
  • Bis 2018 galten Transgender-Menschen laut Klassifikation der Weltgesundheitsbehörde (WHO) als psychisch krank. Ein neues Kapitel im Klassifikationssystem soll einer Stigmatisierung entgegenwirken. Im Jahr 1981 ist das Transsexuellengesetz in Deutschland in Kraft getreten. Seitdem ist die Änderung des Vornamens und des rechtlichen Geschlechts unter bestimmten Vorausetzungen möglich.
  • Eine geschlechtsangleichende Operation ist seit 2011 nicht mehr zwangsläufig nötig, um eine Vornamens- und Personenstandsänderung zu erreichen. Die Hormontherapie sowie Operationen werden von der Krankenkasse übernommen. Die Kosten einer Vornamens- und Personenstandsänderung müssen selbst gezahlt werden.

Am 3. August 2017 kann Sam mit seiner Hormonbehandlung beginnen. Einmal im Monat wird ihm seitdem eine Testosteronspritze verabreicht - für den Rest seines Lebens. Nach ein paar Wochen beginnt sich sein Körper zu verändern. Die Stimme wird dunkler, er bekommt mehr Körperbehaarung, ein Adamsapfel wächst. „Durch das Testosteron wurde ich viel aktiver und es haben sich schneller Muskeln gebildet“, berichtet Sam. Aber auch mit negativen Nebenwirkungen hat er zu kämpfen. Stimmungsschwankungen, Hitzewallungen und Schlafstörungen nimmt er für seinen Traum, endlich so auszusehen, wie er sich fühlt, in Kauf.

Seit November 2018 ist er vom Staat als Mann anerkannt

Schließlich will Sam es auch amtlich machen. „Ich musste oft erklären, warum noch mein alter Name im Personalausweis steht. Davon wollte ich mich befreien“, erzählt Sam. Er stellt einen Antrag auf Vornamens- und Personenstandsänderungen. Dafür benötigt er zwei unabhängige Gutachten von Psychiatern und ein Gutachten seiner Psychologin. Im November 2018, mehr als ein Jahr später, ist Sam Wagner als Bürger männlichen Geschlechts ganz offiziell vom Staat anerkannt.

Sam ist nicht mehr nur ein Wunschname. Sam ist jetzt seine Identität.

Der bisher größte Schritt für Sam steht im Dezember des vergangenen Jahres an. Während der Pubertät sind ihm Brüste gewachsen. Um sich männlich zu fühlen, wird ihm kurz vor Weihnachten das Brust- und Fettgewebe entfernt. Die Narben von der OP sind noch frisch, aber Sam grinst. „So hätte es immer aussehen müssen“, sagt er stolz. „Es war das beste Gefühl, das ich in meiner Transition hatte.“

„Er ist selbstbewusster geworden“

Sam fühlt sich endlich wohl in seinem Körper. Charakterlich habe er sich kaum verändert, berichten seine engsten Freunde, die ihm bei seinem Weg unterstützt haben. „Aber er ist selbstbewusster geworden“, bestätigt seine Schulfreundin Leandra Kuchenbäcker.

Irgendwann möchte sich Sam Gebärmutter und Eierstöcke entfernen lassen. Über geschlechtsangleichende Operationen hat er sich umfassend informiert, doch das hat noch Zeit. „Ich fühl mich auch so schon männlich genug.“

Transgender: Wie Sam (17) aus Dorsten zu einem Jungen wurde und was seine Mutter sagt

Mit gerade mal 14 Jahren outet sich Sam damals bei seiner Familie und Freunden. Selbstständig leitet er alles für seine Transition in die Wege. © Julian Schäpertöns

Nach dem Abitur in diesem Jahr möchte Sam ein Freiwilliges Soziales Jahr als Schulbegleiter machen – und anschließend Pädagogik und Soziale Arbeit studieren. „Eher ein Beruf, der nicht typisch männlich ist, oder?“, fragt Sam. Was nun typisch männlich und typisch weiblich ist, darüber macht er sich nicht mehr so viele Gedanken. „Es ist das, was ein Mensch daraus macht“, hat der junge Dorstener für sich erkannt. „Ich bin froh, dass wir gesellschaftlich so weit gekommen sind, dass es nicht mehr so eine große Rolle spielt, ob jemand dem klassischen Rollenbild entspricht.“

Heute kann Sam endlich über das pinke Prinzessinnenkleid von damals lachen. Es ist ein Teil seiner Vergangenheit – aber nicht seiner Zukunft.

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