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Operation Gute Laune: Auf Visite mit den Klinikclowns

dzKlinikclowns

Klinikclowns muntern Kinder in Krankenhäusern auf. Ihre positive Wirkung auf die kleinen Patienten ist inzwischen sogar wissenschaftlich belegt. Ohne Witz!

Dorsten

, 13.03.2019 / Lesedauer: 4 min

Klara kriegt’s einfach nicht gebacken. Immer wieder haut sie sich beim Versuch, das Zimmer zu verlassen, die Tür vor die Nase. „Jetzt aber, nein, autsch! Jetzt aber, nein, autsch!“ Das geht so lange, bis Klara sich zwischen Tür und Zimmerwand eingeklemmt hat. So ein Mist aber auch!

Hinten im Raum sitzt Hanna auf einem Bett und kann sich kaum halten vor Lachen. Vor ein paar Minuten hat Hanna noch geweint. Die Fünfjährige hat Angst, weil sie heute noch unter Vollnarkose operiert wird und nicht so recht weiß, was sie erwartet. Aber das ist gerade komplett vergessen.

Klara heißt eigentlich Eva Paulus. Die 58-jährige Dorstenerin trägt einen bunten Rock, ein rosa Oberteil und hat sich die Haare zu einem Mini-Dutt gebunden, in dem ein Besen steckt. Spätestens die rote Ledernase verrät es: Eva Paulus ist heute als Clown hier.

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Klinikclowns auf der Kinderstation

Unterwegs mit den Klinikclowns Klara und Wolke.
13.03.2019
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Die Klinikclowns Eva Paulus und David Hentschel treffen sich vor jeder Visite etwas früher in der Krankenhaus-Cafeteria und planen ihren Einsatz.© Robert Wojtasik
Die Klinikclowns bekommen vor jeder Visite eine Übergabe von einer Krankenschwester. So wissen sie grob Bescheid, was sie auf den Zimmern erwartet.© Robert Wojtasik
Geschafft! Wolke ist an Deck des Schiffs im Spielzimmer angekommen.© Robert Wojtasik
Wolke steuert das Schiff und verwandelt Galionsfigur Klara in eine Meerjungfrau.© Robert Wojtasik
Meerjungfrau Klara auf der Suche nach einem Stück Pizza.© Robert Wojtasik
Die kleine Hanna hat kurz vor dem Besuch noch geweint, weil eine Operation ansteht. "Brauchst du ein Taschentuch?", fragt Wolke, und zieht ein buntes Tuch nach dem anderen aus der Tasche.© Robert Wojtasik
Hallo Hassan, dürfen wir reinkommen? Zu spät!© Robert Wojtasik
Pass gut auf! Ich zaubere jetzt diese Nase durch dein Bein in dein Gesicht.© Robert Wojtasik
Hat tatsächlich geklappt!© Robert Wojtasik
Die "Gute-Laune-Tankstelle" der Kinderklinik im Bottroper Marienhospital.© Robert Wojtasik

Da darf Wolke alias David Hentschel (44) nicht fehlen. Klara und Wolke sind immer als Duo unterwegs, wenn sie der Kinderklinik im Bottroper Marienhospital ihre wöchentliche Visite abstatten. „So hat man mehr Spielmöglichkeiten als allein“, sagt Eva Paulus. „Und man muss den Fokus nicht unbedingt aufs Kind richten.“ Ist ein Kind besonders schüchtern, beschäftigen Klara und Wolke sich eben miteinander und binden es nicht direkt in die Performance ein.

Die beiden gehören zum Verein Clownsvisite, für den rund 15 Klinikclowns tätig sind. Sie spielen im Ruhrgebiet und Umgebung und besuchen Krankenhäuser, Seniorenheime, Gerontopsychiatrien und Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Orte also, an denen Menschen eher weniger lachen, weil sie Ängste und Schmerzen haben.

Bestenfalls lachen die Kinder über ihre Ängste

„Gute-Laune-Hormone fressen Schlechte-Laune-Hormone!“ So fasst David Hentschel zusammen, was die Klinikclowns erreichen wollen: „Wenn ein Kind sich allein fühlt, behandeln wir das Thema so, dass das Kind bestenfalls drüber lachen kann.“ Das Prinzip funktioniert freilich nicht immer. Leidet ein Kind beispielsweise an Bulimie, sind Witze übers Essen tabu. Vor jeder Visite bekommen die Clowns deshalb eine Übergabe mit den wichtigsten Infos zu den kleinen Patienten.

Vorsichtig klopfen Klara und Wolke ans Spielzimmer. Darin sitzen Mütter mit ihren Kleinkindern. Als Wolke das große Holzschiff entdeckt, will er sofort an Deck klettern. Dabei stößt er sich mehrmals den Kopf. Während die Kids lachen, gewinnt Wolke Zeit, sich einen Plot zu überlegen.

Und der geht so: Wolke ist Kapitän und steuert das Schiff. Klara hängt als Galionsfigur am Bug und wird von Wolke in eine Meerjungfrau verwandelt, die total auf Schokolade steht. „Ich mag aber noch lieber Pizza“, sagt Klara und macht sich auf die Suche nach einem Stückchen. „Gefunden, jetzt bin ich so stark, dass ich mit einem Bein schwimmen kann.“

Operation Gute Laune: Auf Visite mit den Klinikclowns

Meejungfrau Klara schwimmt durchs Spielzimmer. © Robert Wojtasik

Die Zahl der bundesweit tätigen Klinikclown-Vereine lässt sich nicht genau beziffern. Dem Dachverband „Clowns in Medizin und Pflege Deutschland“ gehören derzeit 16 Vereine an. „Insgesamt sind aktuell 238 Clowns im Dachverband organisiert, die zusammen mehr als 350 Einsatzorte regelmäßig besuchen“, sagt Karin Platzer vom Dachverband der Klinikclowns. Bekanntester Unterstützer der Klinikclowns ist der Arzt und Comedian Eckart von Hirschhausen, der 2008 die Stiftung „Humor hilft heilen“ gründete.

In Workshops lernen die professionellen Clowns das Lustigsein

„Die Klinikclowns in den Mitgliedsverbänden des Dachverbands arbeiten professionell“, sagt Karin Platzer. Eine künstlerische Ausbildung und Fortbildungen sind notwendig. Eva Paulus besuchte unter anderem eine Mime-Schule und eine Theaterschule. „Man hört aber nie auf zu lernen“, sagt die Dorstenerin. Regelmäßig nimmt sie deshalb an Workshops teil, in denen das Lustigsein trainiert wird.

Dr. Martin Günther nennt Klara und Wolke gern die „Gute-Laune-Tankstelle“. „Der positiv gestimmte Mensch hält seine Krankheit besser aus“, sagt der Chefarzt der Bottroper Kinderklinik. Seit einem Jahrzehnt habe er nur Gutes über die Besuche der Clowns auf seiner Station gehört: „Die Kinder reden ja mit uns. Sie sind fröhlich und aufgeschlossen, man kann leichter mit ihnen umgehen, weil sie weniger ängstlich sind.“

Operation Gute Laune: Auf Visite mit den Klinikclowns

Dr. Martin Günther, Chefarzt der Kinderklinik, nennt die Klinikclowns gerne die „Gute-Laune-Tankstelle“ der Station. © Robert Wojtasik

Die positive Wirkung der Clowns auf kranke Kinder ist inzwischen auch wissenschaftlich belegt. Eine Pilotstudie aus Greifswald und Berlin aus dem Jahr 2015 ergab unter anderem, dass der Spiegel des auch als „Kuschelhormon“ bezeichneten Hormons Oxytocin bei Kindern, die vor einer OP Kontakt zu Clowns hatten, um 30 Prozent höher liegt als vorher. Das Hormon lässt Kinder besser Vertrauen fassen und kann Stress reduzieren. Bei der Kontrollgruppe ohne Clown-Kontakt blieb der Oxytocin-Wert konstant.

Auch Hassan lebt auf, als Klara und Wolke vorbeischauen. Der 13-Jährige hat sich bei einem Sturz am Sprunggelenk verletzt und trägt eine dicke Schiene. Klara klemmt ihm gleich mal eine rote Schaumstoffnase an die Schiene und kündigt einen Zaubertrick an: „Ich schicke diese Nase jetzt durch dein Bein in dein Gesicht. Wirst schon sehen!“ Wolke macht derweil Handstand, weil das bekanntlich ja den Drang hemmt, auf Toilette zu müssen. Das stille Krankenzimmer hat sich im Nu in ein Tollhaus verwandelt. Hassan gefällt’s.

Operation Gute Laune: Auf Visite mit den Klinikclowns

Mit Klara und Wolke wird das Krankenzimmer zum Tollhaus. Hassan hat seinen Spaß und vergisst dabei seine Sprunggelenksverletzung. © Robert Wojtasik

„Wir werden durchaus auch richtig eingesetzt“, sagt Eva Paulus. Will ein kleiner Patient auch Tage nach einem Eingriff partout nicht aufstehen, heißt es schon mal: Wollt ihr das mal probieren? So weit wie in den Niederlanden oder der Schweiz, wo Clowns als feste Bestandteile auf Kinderstationen zur Belegschaft gehören, ist man hierzulande aber noch nicht. „Nach wie vor werden die Einsätze der Klinikclowns zum Großteil durch Spenden finanziert“, sagt Karin Platzer vom Dachverband.

Klara und Wolke tollpatschen sich an diesem Tag noch durch etliche andere Krankenzimmer. Das Schöne am Clown-Sein sei ja das Spiel mit den eigenen Schwächen, sagt Eva Paulus. Schwächen, die ohne rote Nase gerne kaschiert werden. „Dabei haben alle zum Teil die gleichen Fehler.“ Und wenn’s einer dann öffentlich zeigt, lachen alle.

Klara und Wolke freuen sich über Spenden für ihre Arbeit in der Bottroper Kinderklinik. Infos gibt‘s auf der Website des Vereins Clownsvisite.
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