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Notfallseelsorger kümmern sich ehrenamtlich um die Erste Hilfe für die Seele

dzNotfallseelsorge

Notfallseelsorger sind da, wenn Menschen in Extremsituationen geraten. Rund 75 Ehrenamtliche kümmern sich im Kreis Recklinghausen und in Bottrop um die Erste Hilfe für die Seele.

Dorsten

, 08.02.2019 / Lesedauer: 5 min

In Berichten über größere Unfälle oder andere tragische Ereignisse ist es selten mehr als eine Randnotiz: „Notfallseelsorger sind vor Ort“, heißt es meistens knapp. Es ist ein stiller, aber wichtiger Dienst, den rund 75 ehrenamtliche Notfallseelsorger im Kreis Recklinghausen und in Bottrop leisten.

Sie rücken aus zu Unfällen und Suiziden, begleiten Betroffene bei Evakuierungen, betreuen Ersthelfer oder sind dabei, wenn Todesnachrichten überbracht werden. Notfallseelsorger bleiben da, wenn Rettungskräfte wieder weg sind. Sie leisten Erste Hilfe für die Seele.

Menschen, die mit Notfallseelsorgern in Kontakt kommen, befinden sich in akuten Belastungssituationen. Häufig sei es ein plötzlicher häuslicher Todesfall, zu dem Notfallseelsorger gerufen werden, sagt Pfarrer Ingo Janzen aus dem Leitungsteam der Notfallseelsorge im Kirchenkreis Recklinghausen. „Wenn jemand mit 85 Jahren nach mehreren Herzinfarkten stirbt, mag das für Außenstehende mehr oder weniger normal sein. Aber für die 83-jährige Ehefrau, die 60 Jahre mit dem Verstorbenen verheiratet war, ist es das Schlimmste auf der Welt.“

Konflikte lösen und Ruhe reinbringen

Enge Angehörige sind nach einem plötzlichen Todesfall häufig überfordert. Während sie versuchen, das gerade Geschehene zu verarbeiten, sind um sie herum Rettungssanitäter, Notarzt und Polizeibeamte im Einsatz. Da kann es schon mal zu Konflikten kommen, wenn sich jemand von einem verstorbenen Angehörigen verabschieden will, Rettungskräfte oder Polizei ihn aber nicht einfach so zum Leichnam lassen. Notfallseelsorger erklären den Betroffenen in solchen Situationen die Abläufe und versuchen, Ruhe reinzubringen.

Seit sieben Jahren können sich Ehrenamtliche als Notfallseelsorger engagieren. Vorher haben ausschließlich Geistliche den Job gemacht. Etwas Lebenserfahrung sollten Bewerber mitbringen, mindestens um die 30 Jahre sein und in einem Motivationsschreiben darlegen, warum sie Notfallseelsorger werden wollen.

Bevor Bewerber die halbjährige Ausbildung beginnen, gibt es noch ein Gespräch mit dem Leitungsteam. Inzwischen ist auch mindestens ein Praktikum im Umfang von zwölf Stunden bei einem Notarzt vorausgesetzt.

Konfessionen spielen bei der Notfallseelsorge keine Rolle

In den wöchentlichen Kursen erhalten die angehenden Notfallseelsorger beispielsweise Einführungen in die Stresstheorie und die Psychotraumatologie. Sie lernen, wie sie sich bei größeren Einsatzlagen zu verhalten haben, wie eine Todesnachricht überbracht wird oder was im Umgang mit anderen Kulturen und Religionen zu beachten ist.

Konfessionen spielen bei der Notfallseelsorge nämlich keine Rolle. „Wir bieten ein Gebet an, missionieren aber nicht und zwingen zu nichts“, sagt Ingo Janzen.

„Bei meinem ersten Einsatz konnte ich direkt alles einsetzen, was ich gelernt habe,“ sagt Mirjam Holtbecker. Die 56-jährige Dorstenerin arbeitet schon mehrere Jahre als Notfallseelsorgerin. Trotz Aufregung blieb sie so ruhig, es ging, vor ihrem ersten Einsatz, bei dem sie jemanden betreuen musste, der vergeblich eine Angehörige reanimiert hatte.

Notfallseelsorger kümmern sich ehrenamtlich um die Erste Hilfe für die Seele

Vor dem Einsatz kurz tief durchatmen: „Die Zeit muss man sich nehmen“, sagt die Dorstener Notfallseelsorgerin Mirjam Holtbecker. © Robert Wojtasik

Als der Anruf der Kreisleitstelle kam, notierte sie sich Namen und Adresse und atmete erst einmal tief durch. „Die Zeit muss man sich nehmen“, sagt Mirjam Holtbecker. Dann packte sie ihre Sachen und fuhr los.

Bei der Ankunft beobachten Notfallseelsorger die Umgebung genau. Stehen irgendwo Kinderschuhe? Gibt es Hinweise auf eine bestimmte Religion? Von den Rettungskräften erhalten die Notfallseelsorger stets eine Übergabe.

„Fast immer ist auch noch jemand da“, sagt Mirjam Holtbecker. „Manchmal sind aber auch schon alle weg.“ Ein Notfallseelsorger stellt sich dann in seiner Funktion vor, Namen spielen keine Rolle, und erklärt, dass er jetzt da ist und da bleibt, so lange es nötig ist.

Ein Gründungsdatum der Notfallseelsorge in Deutschland lässt sich nicht benennen. Vielerorts begann es damit, dass ein Pfarrer gleichzeitig im Rettungsdienst oder der Feuerwehr verwurzelt war.

Erster Schritt zur heutigen Notfallseelsorge nach Hamburger Flutkatastrophe 1962

Nach der Hamburger Flutkatastrophe im Jahr 1962 veröffentlichten die beiden Volkskirchen die Broschüre „Kirchliches Handeln bei Unglücksfällen und Katastrophen“, was als einer der ersten Schritte hin zur heutigen Notfallseelsorge gilt. In den 1980er- und 1990er-Jahren führten mehrere kirchliche Initiativen zur Gründung von Notfallseelsorgesystemen.

Neuer Kurs im Sommer

  • Um weiter ein Betreuungangebot bieten zu können, braucht die Notfallseelsorge Verstärkung.
  • Gesucht werden Menschen ab ca. 30 Jahren, die über Lebenserfahrung verfügen und sich auf das seelische Leid anderer einlassen können.
  • Nach den Sommerferien beginnt ein neuer Ausbildungskurs.
  • Kontakt: Ingo Janzen (0160-824 9024 oder per Mail), Peter Bromkamp (02363-975 391 oder per Mail)

Im Kreis Recklinghausen und der Stadt Bottrop ist die Ökumenische Notfallseelsorge in die vier Bereiche Haltern/Marl, Ostvest (mit Datteln, Oer-Erkenschwick und Waltrop), Recklinghausen/Herten sowie Gladbeck/Bottrop/Dorsten unterteilt. Die Ehrenamtlichen arbeiten in Zwölf-Stunden-Schichten von 7 bis 19 Uhr und von 19 bis 7 Uhr. In dieser Zeit haben sie Rufbereitschaft.

Zwei solcher Dienste pro Monat seien die Regel, sagt Ingo Janzen. „Aber viele Ehrenamtliche machen mehr. Es würde nicht funktionieren, wenn keine Menschen da wären, die mehr machen.“ Die Notfallseelsorger im Kirchenkreis sind zwischen 35 und 75 Jahre alt. Berufstätige machen eher die Nachtschichten und die Dienste am Wochenende, an Werktagen kann sich die Notfallseelsorge vor allem auf Rentner und Hausfrauen verlassen.

Eine dieser Rentnerinnen ist Ursula Bruckmann aus Dorsten. Ihr Berufsleben verbrachte die 68-Jährige in der Dorstener Stadtverwaltung, arbeitete im Sozialamt und fürs Jobcenter. Sie liebte es, „Menschen in Minuspositionen zu helfen“, wie sie sagt. „Jetzt ist das aber natürlich eine ganz andere Kategorie.“

Notfallseelsorger kümmern sich ehrenamtlich um die Erste Hilfe für die Seele

Für Ursula Bruckmann aus Dorsten war zum Start in den Ruhestand klar, dass sie sich ehrenamtlich für Menschen in Notlagen engagieren möchte. So landete sie vor einigen Jahren bei der Notfallseelsorge. © Robert Wojtasik

Es kommt vor, dass Betroffene den Notfallseelsorgern schon in der Tür um den Hals fallen und ihre ganze Lebensgeschichte erzählen. „Manche schreien auch, die muss man schreien lassen“, sagt Ursula Bruckmann. „Wieder andere schweigen erst mal zwei Stunden.“ Da sei es wichtig, sich bewusst zu machen, dass man auch in der Rolle als Schweiger helfen kann. „Mit der Zeit entwickelt man ein Bauchgefühl dafür.“

Hart wird es schon mal, wenn Kinder im Spiel sind oder die Gegebenheiten sehr den eigenen familiären Verhältnissen der Notfallseelsorger ähneln. „Für die eigene Gesundheit ist es ganz wichtig, nichts zu machen, wo man selbst Bedenken hat“, sagt Ingo Janzen.

In solchen Fällen können die Ehrenamtlichen sich rund um die Uhr ans Leitungsteam um Ingo Janzen, Peter Bromkamp, Peter Rutz und Achim Solty wenden. Bislang fand sich noch immer kurzfristig Ersatz, wenn ein Notfallseelsorger ein Problem mit einem bestimmten Einsatz hatte.

Und was macht die Arbeit als Notfallseelsorger mit dem eigenen Gemüt? „Ich bin vor allem demütig geworden“, sagt Ursula Bruckmann. „Ich empfinde Dankbarkeit, dass es mir gut geht und ich möchte davon etwas zurück- beziehungsweise abgeben.“

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