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Mongolische Familie muss Dorsten schon bald verlassen

dzAsylantrag abgelehnt

Jarga (12) ist ein guter Schüler. Jetzt muss der Junge mit seiner Familie zurück in die Mongolei. Der Asylantrag wurde nach vier Jahren abgelehnt. Jargas Klassenkameraden in Dorsten weinen.

Dorsten

, 03.12.2018 / Lesedauer: 4 min

Seit zwei Wochen weiß Familie Ankhbayar, dass sie in Deutschland keine Zukunft hat. Ihr Asylantrag ist abgelehnt worden. Die Mongolei, heißt es in dem Bescheid sinngemäß, ist ein sicheres Land. Am 11. Dezember soll Vater Sorozonbold (31) im Ausländeramt der Stadt Dorsten die „freiwillige Rückführung“ unterschreiben. „Ich bin traurig“, sagt er in gebrochenem Deutsch. Denn vieles von dem, was er sich von Deutschland erhofft hatte, schien in Erfüllung zu gehen.

„Das Leben war schwer in der Mongolei“

Vor vier Jahren beschloss die damals vierköpfige Familie, ihre Wohnung in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar (1,3 Millionen Einwohner) zu verlassen. „Das Leben war schwer“, sagt der Vater, der als Schweißer und Bauarbeiter für den Unterhalt seiner Familie sorgte. Der Bruder seiner Frau, ein Politiker, hatte Probleme mit der Polizei, aber das war wohl nicht der Grund, warum Sorozonbold Ankhbayar und seine Frau Baasantseren eines Tages fast das gesamte Hab und Gut zusammenpackten und mit ihren Kindern Jarga und Od-Jargal die weite Reise in den Westen antraten.

„Wir wollten unseren Kindern bessere Bildungs-Möglichkeiten bieten.“
Sorozonbold Ankhbayar

Bereits im zentralen Ankunftszentrum in Bielefeld stellte die Familie einen Asylantrag und wurde der Stadt Dorsten zugewiesen. Im Stadtteil Hervest hat sie 2014 ein Zuhause gefunden. Der Vater hat zwischenzeitlich als Hilfs-Hausmeister im Dorstener Rathaus gearbeitet, durfte bislang jedoch wegen des laufenden Asylverfahrens keine feste Beschäftigung annehmen. „Das steht in meinem Pass.“

Die 21 Monate alte Ochir-Od wurde in Dorsten geboren. Sie kennt das Geburtsland ihrer Eltern und Geschwister nicht, selbst der große Bruder Jarga hat nicht mehr viele Erinnerungen daran. „Ich kann Mongolisch sprechen, aber nicht schreiben“, sagt der Zwölfjährige in perfektem Deutsch.

Mongolische Familie muss Dorsten schon bald verlassen

Michael Grave, Klassenlehrer der 6c am Gymnasium Petrinum in Dorsten, sagt, dass Jarga ein guter Schüler ist. © Stefan Diebäcker

„Jarga ist ein guter Schüler“, bestätigt Michael Grave, Klassenlehrer der 6c am Gymnasium Petrinum. „Grammatik kann er besser als manche deutschen Kinder, in Mathematik ist er richtig gut.“ Vor allem aber: Jarga ist bestens integriert. „Ich habe hier viele Freunde“, sagt er. In der Agatha-Grundschule, die jetzt seine jüngere Schwester besucht, war er Klassensprecher. Jarga spielt erfolgreich Basketball bei der BG Dorsten und Schach beim Schachclub Hervest.

Seinen Vereinskameraden hat er noch nicht gesagt, dass sie vielleicht bald auf ihn verzichten müssen. In der Schulklasse ist seine baldige Rückkehr in die Mongolei aber ein großes Thema. „Viele sind traurig“, sagt Jarga vorsichtig. Klassenlehrer Michael Grave wird deutlicher: „Wir haben natürlich im Unterricht mehrfach darüber gesprochen. Einige Kinder haben geweint.“

Kaum Chancen für Menschen aus der Mongolei

Familie Ankhbayar ist kein Einzelfall. Nach einer Statistik des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge wurden in diesem Jahr bis zum 31. Oktober 2018 bundesweit insgesamt 245 Anträge von Bürgern aus der Mongolei entschieden. Davon bekamen 23 Personen ein „Abschiebehindernis oder subsidiären Schutz“ oder die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt. Die Anerkennungsquote ist also sehr gering.

Zur Sache

Wer entscheidet?

Die Entscheidung, ob für einen in Deutschland lebenden Flüchtling Asylgründe vorliegen, trifft das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Wenn Antragsteller mit einer ablehnenden Entscheidung nicht einverstanden sind, besteht die Möglichkeit, Rechtsmittel einzulegen und vor dem Verwaltungsgericht Klage zu erheben. Entscheidet auch das Verwaltungsgericht, dass weder Asylgründe noch Abschiebehindernisse (z.B. eine schwere Erkrankung, die im Heimatland nicht behandelt werden kann) vorliegen, sind Flüchtlinge vollziehbar ausreisepflichtig. Dies gilt auch für Kinder von Flüchtlingen, die in Deutschland geboren wurden. Ausreisepflichtigen wird zunächst angeboten, eine freiwillige Ausreise zu vereinbaren. Damit verbunden ist eine Geldleistung als Unterstützung für den Neustart im Heimatland.

„Die örtlichen Ausländerbehörden haben hier keinen Ermessensspielraum“, sagt Dorstens Stadtsprecher Ludger Böhne. Gemäß Paragraf 42 des Asylgesetzes ist die Ausländerbehörde an eine Entscheidung des Bundesamtes oder des Verwaltungsgerichts gebunden. „Das gilt für positive Entscheidungen ebenso wie für negative“, so Böhne.

Der „Fall Bivsi“ schlug hohe Wellen

Das Schicksal der Familie Ankhbayar erinnert ein wenig an den „Fall Bivsi“. Das damals 14-jährige Mädchen war vor eineinhalb Jahren in Duisburg aus dem Schulunterricht geholt und mit ihrer Familie nach Nepal abgeschoben worden.

Mehrere Wochen lebte die Familie ohne Arbeit und festen Wohnsitz dort. Was folgte, war eine Welle der Solidarität von Mitschülern, Duisburgern und den Medien.

Mongolische Familie muss Dorsten schon bald verlassen

Die Schülerin Bivsi Rana wurde im August 2017 nach ihrer Rückkehr aus Nepal von Mitschülern am Flughafen in Düsseldorf begrüßt. Zwei Monate zuvor war sie mit ihrer Familie nach Nepal abgeschoben worden. © dpa

Nach einer Petition im Landtag durfte die Familie Anfang August 2017 wieder einreisen. Bivsi Rana darf übernächstes Jahr in Duisburg das Abitur machen und bekommt anschließend ein weiteres Visum, um eine Ausbildung zu machen oder zu studieren. Ihre Eltern haben ab Mitte 2020 allerdings kein Recht auf eine Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis.

Schulleiter schreiben der Regierungspräsidentin

Auf eine ähnliche Unterstützung kann die mongolische Familie aus Dorsten wohl nicht hoffen. Markus Westhoff, Rektor des Gymnasium Petrinum, und Herbert Rentmeister, Leiter der Agathaschule, haben aber in der vergangenen Woche einen Brief an Regierungspräsidentin Dorothee Feller geschickt und gebeten, „alle möglichen Wege auszuschöpfen“. Sie schrieben: „Wir befürchten durch die Rückführung der Familien einen Einbruch der positiven Lernentwicklung dieser Kinder, die sich aufgrund ihrer hohen Intelligenz und großen Sozialkompetenz zu wertvollen Mitgliedern unserer Gesellschaft weiterentwickeln könnten.“

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