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Ein dreijähriges Kind aus Dorsten kommt gewaltsam zu Tode. Der Täter, Lebensgefährte der Mutter, wird verurteilt. Doch die Oma ist noch immer untröstlich.

Dorsten

, 01.03.2019 / Lesedauer: 6 min

Monika Schulz* ist für kurze Zeit eine glückliche Oma gewesen. Sie hat ihren Enkel Lukas* über alles geliebt (*Namen von der Redaktion geändert). „Oma, Oma, wo warst du so lange? Du hast mir so gefehlt“ hat Lukas zu ihr gesagt, wenn sie sich längere Zeit nicht sehen konnten, erzählt die Oma. Monika Schulz: „Wir waren ganz eng miteinander.“

Im Januar 2016 wird ihr Lukas auf grausame Weise genommen. An diesem Tag stirbt er. Auf einer Intensivstation in einem Krankenhaus in Gelsenkirchen. Ein Freund seiner Mutter hat ihn, den kleinen zarten Kerl, „der immer ängstlich und schüchtern war“, geschlagen und zu Tode geschüttelt. Lukas starb an den Folgen einer starken Hirnblutung und Hirnschwellung. Der Mann wurde zu Beginn des Jahres wegen „Körperverletzung mit Todesfolge“ zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Das tröstet Lukas‘ Oma nicht.

Das System hat nach Meinung der Oma versagt

Die 53-Jährige sagt bei einem langen Gespräch in unserer Redaktion: „Lukas‘ Tod hätte verhindert werden können, wenn das Jugendamt rechtzeitig eingegriffen und ihn aus seinem Umfeld gelöst hätte.“ Mit dem Umfeld meint Monika Schulz die Mutter des Kindes. „Sie war mit Lukas wegen eigener gesundheitlicher Probleme und ihrer Drogensucht völlig überfordert.“

Über den gewaltsamen Tod ihres Enkels kommt die Dorstenerin nicht hinweg. Zu seinem Todestag im Januar hat sie 2019 eine Zeitungsanzeige aufgegeben. „Egal, was andere über Trauer sagen und darüber, dass die Zeit alle Wunden heilt. Die Wahrheit ist, dass der Schmerz über deinen Tod mich so lange begleiten wird, bis mein Herz aufhört zu schlagen und ich meinen letzten Atemzug mache.“

Was die Oma nach dem Tod des kleinen Lukas (3) empfindet

Monika Schulz gibt es Jahr am Todestag ihres Enkels eine Traueranzeige auf.

Die Familie wurde durch den Tod des Kindes zerstört

Der Tod hat nicht nur Lukas‘ Lebenslicht ausgelöscht. Er hat eine Familie zugrunde gerichtet. „Zu meiner Tochter habe ich keinen Kontakt mehr. Die Ehe mit meinem Mann ist zerbrochen“, sagt Monika Schulz. Die Frage, warum Lukas sterben musste, quält sie Tag und Nacht. „Ich bin deswegen in Psychotherapie.“

Monika Schulz hat trotz ihrer psychischen Belastung einen Anwalt eingeschaltet. Der soll gerichtlich erwirken, dass sie Einblick in die Jugendamtsakte von Lukas bekommt. „Ich möchte verhindern, dass es anderen Kindern wie Lukas ergeht. Wenn alle Beteiligten, Gerichte, Polizei, Jugendamt, Nachbarn so aufmerksam wie die Ärzte gewesen wären, die mit Lukas und seiner Mutter zu tun hatten, hätte diese Tragödie vermieden werden können“, sagt Monika Schulz. Sie habe mit allen Mitteln versucht, den Jungen aus seinem Umfeld herauszuholen. Vergeblich.

Einsicht in die Jugendamtsakte wurde verwehrt

Das Dorstener Jugendamt hat der Großmutter nach Lukas‘ Tod Einsicht in die komplette Dokumentation über Lukas‘ Leben verweigert. Das Jugendamt beruft sich auf §65 SGB XIII. Dieses Gesetz beschreibt den besonderen Vertrauensschutz in der persönlichen und erzieherischen Hilfe. Danach dürfen Jugendamtsmitarbeiter anvertraute Sozialdaten nur weitergeben, wenn der Empfänger dazu befugt ist.

Monika Schulz ist das nicht. Ihr sei die Akteneinsicht durch das Jugendamt aber zu Unrecht verweigert worden, wie ihr Anwalt Andreas Heinen in seinem aktuellen Antrag an das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen schreibt: „Die Beklagte (das Jugendamt) hätte einen Anspruch der Klägerin nach §4 Abs. 1 JFG-NRW und das Recht der Klägerin in Teile der Verwaltungsakten anerkennen müssen.“

Was die Oma nach dem Tod des kleinen Lukas (3) empfindet

Vier Aktenordner mit Dokumenten über Lukas Lebens- und Leidensweg hat seine Oma gesammelt. © Claudia Engel

Ihre Tochter habe dem Jugendamt die Herausgabe der Akten nicht genehmigt, weiß Monika Schulz. Und doch kämpft sie darum. Sie will wissen, was das Jugendamt über Lukas vermerkt hat. Sie sagt: „In der Akte hat es am 5. Oktober 2015, drei Monate vor dem Tod von Lukas, einen Eintrag gegeben, dass eine Kindeswohlgefährdung von Lukas vorliegt und eine zügige Veränderung der Situation erforderlich ist.“ Warum nicht gehandelt worden sei, das will Monika Schulz wissen.

Trotz dieses Aktenvermerks sei Lukas nicht von seiner Mutter getrennt und der Oma übergeben worden, wo er in Sicherheit gewesen wäre. Stattdessen bricht die Tochter zu ihrer Mutter, die sich regelmäßig beim Jugendamt wegen Auffälligkeiten in der Mutter-Kind-Beziehung meldet, den Kontakt ab und verlässt mit Lukas Dorsten, um zu ihrem neuen Freund in eine andere Lippestadt überzusiedeln.

Das gerichtlich erwirkte Umgangsrecht, das Monika Schulz hat, hilft ihr nicht weiter. Die Tochter lässt sich verleugnen. Der Kontakt zu Lukas reißt durch den Umzug ab. Mit dem bekannten tragischen Ausgang.

Jugendämter führen ihre Dokumentationen akribisch

Wir fragen Hildegard Overfeld, Geschäftsführerin der Perspektive GmbH, wie sie die Arbeit der Jugendämter im Zusammenhang mit Kindeswohlgefährdungen im Allgemeinen einschätzt. Die Dorstenerin Hildegard Overfeld hat zusammen mit Helga Biermann vor mehr als 20 Jahren ihr Unternehmen, die Perspektive GmbH gegründet. Overfeld hat vier leibliche Töchter und drei angenommene Pflegesöhne groß gezogen.

Die ausgebildete Sonderpädagogin und Geschäftsführerin von „Perspektive“ hat eine Babyschutzstelle initiiert und sorgt in Zusammenarbeit mit den Jugendämtern dafür, dass gefährdete Kinder in besonders geschulten Pflegefamilien kurzfristig untergebracht werden können.

Hildegard Overfeld hat aufgrund ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit Jugendämtern erkannt, dass es systemische Probleme gibt: „Ich habe oft feststellen müssen, dass in den Jugendämtern akribisch dokumentiert, aber nicht gehandelt wird.“ Diese These untermauert Overfeld mit zwei aktuellen Fallbeispielen aus Gelsenkirchen, wo zwei Kinder aus hinlänglich aktenkundigen Familien zu Tode kamen, ohne dass das Jugendamt das verhindert hätte.

Overfeld fordert besondere Schulungen für die Jugendamtsmitarbeiter im Allgemeinen Sozialen Dienst, damit diese lernen, Verhaltensauffälligkeiten von misshandelten, missbrauchten und vernachlässigten Kindern richtig zu deuten. „Das Verhalten der Kinder kann man lesen lernen, vorausgesetzt, der Blick wird dafür geschult“, sagt sie. Dafür sei in diesem reichen Deutschland oftmals aber wohl kein Geld da.

Deutschland misshandelt seine Kinder

Mit dieser Forderung ist Hildegard Overfeld nicht allein. Zwei Rechtsmediziner aus der Berliner Charité, Michael Tsokos und seine Kollegin Saskia Etzold, klagen in ihrer akribischen Dokumentation „Deutschland misshandelt seine Kinder“ an (ISBN: 978-3-426-78637-6), dass Deutschland im Kollektiv unerträglich Missstände verleugnet.

Die beiden Rechtsmediziner werfen den Deutschen „kollektives Verleugnen“ von Kindesmisshandlungen im Land vor. Die beiden Autoren sprechen von einer „Denkblockade“. Jede Woche stürben in Deutschland drei Kinder an den Folgen ihrer Misshandlungen. Rund 70 Kinder werden laut Information der Buchautoren so heftig malträtiert, dass sie ärztlich behandelt werden müssen. Die Dunkelziffer sei aber wohl weitaus höher.

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Die Rechtsmediziner fordern in ihrem Buch die Jugendämter zum Hinschauen und Handeln auf. Das sieht die Dorstenerin Hildegard Overfeld genauso. Sie weiß aber auch: „Es ist ein mühseliger Prozess, die misshandelten Kinder gegen die Widerstände ihrer Sorgeberechtigten aus ihrem Umfeld herauszulösen.“ Das erfordere eine Menge Rückgrat und Zivilcourage der handelnden Jugendamtsmitarbeiter.

Null Toleranz gegenüber Kindesmisshandlungen

Die Streitschrift der Rechtsmediziner fordert „null Toleranz gegenüber Kindesmisshandlungen“. Laut Auskunft der Polizeipressestelle in Recklinghausen wurden in Dorsten in den vergangenen fünf Jahren 30 Fälle von Kindesmisshandlungen angezeigt. „Auch wir gehen davon aus, dass das Dunkelfeld groß ist“, sagte Sprecherin Ramona Hörst auf Anfrage. Und: „Wir können nicht einschätzen, wie groß es ist.“

Konflikte in Familien gelten vielen Menschen immer noch als Tabubereich. Nachbarn, Freunde und Bekannte hören und sehen darüber hinweg, auch wenn sie Auffälligkeiten zwischen Eltern oder Betreuungspersonen und Kindern feststellen. Sachbearbeitern in Jugendämtern fehlen „elementare rechtsmedizinische Kenntnisse“, sagen die Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos und seine Kollegin Saskia Etzold.

Mitarbeiter im ASD Dorsten sind gut ausgebildet

Das Dorstener Jugendamt hat den Aufwand nicht gescheut, seine Mitarbeiter im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) besonders zu schulen und weiterzubilden. Auf Anfrage hieß es: „Da wöchentlich mehrfach Meldungen beim Allgemeinen Sozialen Dienst zu Kindeswohlgefährdungen eingehen, war es uns wichtig, uns in diesem Bereich gut aufzustellen. Aus diesem Anlass wurden 2018 nahezu die gesamten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes des Jugendamtes der Stadt Dorsten in einer Qualifizierungsmaßnahme zu zertifizierten Kinderschutzfachkräften ausgebildet.“

An Lukas gab es keine sichtbaren Verletzungen

Lukas hat in seiner Dorstener Zeit keine sichtbaren Verletzungen gehabt. Die psychotischen Ausnahmezustände seiner Mutter aufgrund ihres Drogenkonsums (ein Zeuge bestätigt die Drogenabhängigkeit von Lukas Mutter in seinem Vernehmungsprotokoll bei der Polizei) hätten ihn aber sehr verängstigt und verunsichert, sagt seine Oma Monika Schulz.

Die mutmaßliche Drogensucht der Mutter sei Ärzten bei wiederholten Besuchen in Praxen und im Krankenhaus aufgefallen und dem Jugendamt auch mitgeteilt worden, so Monika Schulz. Letztlich habe das dann auch zu dem Aktenvermerk des Jugendamtes Dorsten im Oktober 2015 geführt, dass Lukas‘ Wohl gefährdet ist und dass eine zügige Veränderung seiner Situation erforderlich ist.

Monika Schulz hat deshalb vor dem Familiengericht in Dorsten im Dezember 2015 um eine Einhaltung ihres Umgangsrechtes für Lukas gefochten und auch bekräftigt bekommen. Der Bescheid darüber ging ihr aber aus unerklärlichen Gründen im Dezember 2015 nicht zu. Er traf erst ein, als Lukas schon tot war. Einen Tag, nachdem er im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlegen war.

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