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Der Wulfener Stefan Holewa kämpft gegen den Verpackungswahnsinn

dzPlastikverzicht

Der Wulfener Stefan Holewa hat in Bochum den ersten Unverpacktladen eröffnet. Aber auch in Dorsten kann jeder Bürger selbst etwas gegen die Plastikflut tun.

Dorsten

, 05.02.2019 / Lesedauer: 6 min

Das Abi in der Tasche – auf nach Thailand. Tauchen auf einer kleinen Insel. Keine Hotelburgen, nur feinster Strand, glasklares Meer und farbenprächtige Korallenriffe. „Es war paradiesisch“, erinnert sich Stefan Holewa. Fünf Jahre später fuhr der Wulfener noch einmal auf die Insel und fand den Strand wieder – übersät mit Plastikmüll. Er schwamm hinaus ins Meer, sah eine riesige Qualle. „Es war aber nur eine große Plastiktüte.“ Das Korallenriff war tot. Als Stefan Holewa aus dem Meer stieg, hingen Plastikfetzen in seinen Haaren. „Das war so krass.“ Und ein einschneidendes Erlebnis für den heute 25-Jährigen. „Da muss man doch was tun.“

Online-Plattform für Vintage-Mode

Sich mit den eigenen Idealen selbstständig zu machen – das konnte er sich am Ende seines Maschinenbaustudiums gut vorstellen. Gemeinsam mit seinem Freund Theo Kudios gründete er zunächst eine Online-Plattform für Vintage-Mode. „Viel, was bei der Diakonie rumliegt und dort keiner will, können wir dort noch verkaufen. Sachen aus Ballonseide zum Beispiel. Die sind richtig cool.“

Daraus entstand die Idee des Flowmarktes, der im Oktober 2018 auch erstmals in Dorsten in der ehemaligen Kaue der Zeche Fürst Leopold stattfand. 50 Händler verkauften dort Vintage- und Second-Hand-Mode, junge Designer und Modemacher präsentierten ihre Ideen, Upcycling-Künstler zeigten, wie alte Sachen wieder hip werden. Ein echter Erfolg – am 28. April, 11. August und 6. Oktober 2019 sind die nächsten Flowmärkte in Dorsten geplant.

Warum gibt es keinen Unverpacktladen in der Uni-Stadt?

Aber Stefan und seine Freunde wollten größer denken. Bei einem Trip nach Berlin entdeckten sie den Trend zum verpackungslosen Einkaufen. In sogenannten Unverpacktläden können Kunden von Haferflocken über Süßigkeiten bis zu Seife und Waschmittel alles aus großen Behältern in ihre eigenen mitgebrachten Gläser und Dosen abfüllen. Plastikverpackungen werden so überflüssig. „Warum gibt es das nicht in Bochum?“, fragten sich Stefan Holewa und seine Freunde, die alle in der Uni-Stadt wohnen.

Per Crowdfunding sammelten sie 11.000 Euro und fanden das perfekte Ladenlokal im Campus Center der Ruhr Universität. „Leider hat uns das eine Krankenkasse vor der Nase weggeschnappt.“ Ein Rückschlag, aber nicht das Ende der Idee. „Die wollten wir nach wie vor umsetzen.“ Eine Freundin machte Stefan Holewa und Theo Kudios auf einen leer stehenden Fahrradladen an der Herner Straße in der Nähe des Bergbaumuseums aufmerksam. „Das waren aber 300 Quadratmeter statt 70, die wir im Campus Center gehabt hätten.“ Noch mehr Ideen mussten her, um diese Fläche zu bespielen. Neben dem Unverpackt-Laden sollte es dort auch Workshops und Kulturangebote geben, „BioKu“ - der Bio- und Kulturmarkt – sollte dort entstehen.

Der Wulfener Stefan Holewa kämpft gegen den Verpackungswahnsinn

Stefan Holewa ist stolz auf den Unverpacktladen. © Jennifer Uhlenbruch

Viereinhalb Monate dauerte der Umbau, alles Geld der Flowmärkte und die Abfindung von Theo Kudios, der vorher Bänker war, flossen in den Laden. Schlecht geschlafen habe er dennoch nicht, sagt Stefan Holewa. „Aber wenig. Wir haben hier jeden Tag 14 bis 15 Stunden gebaut. Aber dabei haben uns auch unglaublich viele Menschen unterstützt. Es haben Freiwillige an die Tür geklopft und gefragt, ob sie uns irgendwie helfen können. Alle waren überzeugt von der Idee. Das konnte nicht schief gehen.“

Im Juli 2018 war Eröffnung. Im großen Raum hinten finden nun regelmäßig Workshops statt – Naturkosmetik selbst herstellen, Stricken für Anfänger, Nachhaltiges Reisen. Vorne befindet sich der Unverpacktladen. Mittlerweile bieten die beiden Gründer 1100 Produkte an. Haferflocken, Linsen oder Müsli hängen in langen Röhren im Regal, Gummibärchen und Schokolade lagern in Einmachgläsern, Seife und Spülmittel in großen Kanistern. „Der Renner sind aber feste Seife und festes Shampoo. Das kaufen viele Frauen, weil sie sehen, wie viele Tuben und Flaschen sie im Badezimmer stehen haben. Und mit den Sachen kommt man sehr lange aus.“

Nicht nur hippe Studenten kämen in den Laden, sagt Stefan Holewa. „Auch alte Leute sind unsere Kunden. Dass Waren in großen Säcken angeboten werden, kennen sie noch aus der Nachkriegszeit.“ Oft seien die Kunden auch überrascht, wie günstig ihr Einkauf am Ende sei. „Wir können in großen Mengen kaufen, sparen das Geld für die Verpackung und es ist Bioqualität aus der Region. Dafür ist der Einkauf oft vergleichsweise günstig.“

Der Wulfener Stefan Holewa kämpft gegen den Verpackungswahnsinn

Nicht alles ist unverpackt. © Jennifer Uhlenbruch

Nicht alles im BioKu ist aber unverpackt. „Tofu kann man nicht unverpackt anbieten oder glutenfreie Produkte. Da ist die Kontaminationsgefahr zu hoch.“ Es gebe Kunden, die die Plastikverpackungen im Laden kritisieren. Stefan Holewa lässt das kalt. „Wenn wir den schärfsten Maßstäben gerecht werden wollen, dann würden all unsere Produkte auf 30 Quadratmeter passen. Aber wir sind keine Hardliner. Wir wollen dort verzichten, wo es geht.“

Das eigene Verhalten, die eigene Routine des Konsums zu reflektieren, das wünscht sich Stefan Holewa von jedem. „Niemand schafft es, von einem Tag auf den anderen auf Plastik zu verzichten, aber jeder kann reflektieren: Wo fällt bei mir am meisten Plastik an? Wie kann ich es vermeiden?“ Fassungslos machen ihn fertig gekaufte Salate, bei denen alles noch einmal in Plastik eingepackt ist. „Das Dressing, der Käse, sogar die mitgelieferte Gabel.“ Richtig wütend wird er beim Gedanken an Mini-Muffins, die in einer großen Plastikverpackung sind und jeder Muffin einzeln noch einmal eingepackt ist. „Wenn man die auspackt, dann ist der Haufen Müll höher als die Muffins. Das ist doch Wahnsinn. Es heißt immer: Der Verbraucher kann nichts tun. Aber der Verbraucher hat die ganze Macht. Er muss diese Produkte ja nicht kaufen.“

Der Verbraucher soll entscheiden

Auch Ralf und Julia Honsel, die in Dorsten vier Edeka-Läden betreiben, sprechen den Kunden eine große Macht zu. „Wir wollen den Verbraucher nicht bevormunden, sondern wir bieten alles an und er kann entscheiden“, sagt Ralf Honsel. Was das konkret bedeutet, wird schon im Obst- und Gemüsebereich am Eingang des Edekas in Hervest deutlich. Dort gibt es die normalen Plastiktüten auf einer Rolle und Papiertüten, aber auch Tüten aus Zuckerrohr. „Die sind aus nachwachsenden Rohstoffen und wiederverwendbar“, erklärt Julia Honsel. „Es gibt immer mehr Kunden, denen das wichtig ist, und diese Kunden bringen die Tüten dann auch wieder zum nächsten Einkauf mit“, hat sie beobachtet. Zusätzlich gibt es seit Kurzem Netze, die einmalig 3,99 kosten und in die der Kunde Obst und Gemüse verpacken kann.

Der Wulfener Stefan Holewa kämpft gegen den Verpackungswahnsinn

Die Tüten sind aus Zuckerrohr. Julia Honsel hat beobachtet, dass manche Kunden sie zum nächsten Einkauf wieder mitbringen. © Jennifer Uhlenbruch

Es seien auch immer mehr Menschen mit dem Stoffbeutel beim Einkaufen unterwegs. „Vor einigen Jahren waren das vor allem ältere Menschen. Heute hat fast jeder so einen Beutel dabei.“ Wenn nicht, kann man sie auch an der Kasse kaufen. Auch dort kann der Kunde wieder entscheiden: Pappkarton, Jutebeutel, Plastik- oder Papiertüte. Dabei kann der Kunde überlegen, wie oft er die Tüte wiederverwendet. Denn wenn er sie nur einmal nutzt, ist Plastik oftmals besser als Papier, weil die Herstellung von Papiertüten mehr Energie verbraucht.

„Der Kunde soll die Entscheidung treffen“, sagt Julia Honsel. Auch ob er lose oder abgepackte Pilze, eingeschweißte oder nicht eingeschweißte Gurken kauft. Dass gerade viele der Bio- und Demeter-Produkte in Plastik verpackt sind, scheint widersprüchlich. „Aber diese Produkte verderben so schnell. Wenn sie nicht eingeschweißt werden, muss man sie sehr schnell wegwerfen. Und das ist ja das allerschlimmste: Lebensmittel wegwerfen“, erklärt Julia Honsel.

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Julia Honsel zeigt die neuen Netze, mit denen die Kunden immer wieder ihr Gemüse und Obst transportieren können. © Jennifer Uhlenbruch

Auch beim Kauf von Wurst und Käse hat der Kunde in vielen Supermärkten die Wahl zwischen zahlreichen Produkten. Die meisten Käse- und Wurstverpackungen sind bisher nicht recycelbar. „Aber es ist gerade wirklich jede Firma dran, das zu ändern. Aber die Firmen haben natürlich die Materialien auf Lager, die sie jetzt erstmal aufbrauchen“, berichtet Julia Honsel. Es gibt aber auch schon heute recycelbare Verpackungen, die der Kunde am „Grünen Punkt“ erkennen kann.

Wenn er es sich leisten kann und will, kann er natürlich auch an der Frischetheke einkaufen. Bei Honsel kann der Kunde an der Wurst- und Käsetheke seine mitgebrachte Plastikdose auf ein Tablett stellen, den Deckel abmachen. Die Verkäuferin legt die Ware dann dort hinein. Bei Kaufland ist dies ebenfalls möglich. Rewe arbeitet noch an „praktikablen und für unsere Kunden zumutbare und bequeme Lösungen“, teilen die Pressestellen mit.

Der Wulfener Stefan Holewa kämpft gegen den Verpackungswahnsinn

Auf das Tablett stellt der Kunde seine Dose. © Jennifer Uhlenbruch

Bei Honsel weisen auffällige Tafeln auf das Angebot, die eigene Box mitzubringen, hin. Dennoch nehmen die Kunden es kaum an. „Maximal 1 Prozent der Kunden machen das bisher. Aber wer weiß, was dieses Jahr bringt. Der Januar ist bis jetzt schon sehr stark.“ Der geringe Erfolg an Wurst- und Käsetheke hat die Honsels nicht davon abgehalten, das Angebot auf die Fischtheke auszudehnen. „Aber natürlich müssen die Mitarbeiterinnen darauf achten, dass die Dose im Sommer nicht zu warm hier ankommt. Dann wird der Fisch nämlich schlecht“, sagt Julia Honsel.

Der Wulfener Stefan Holewa kämpft gegen den Verpackungswahnsinn

Auch Fisch kann in mitgebrachten Dosen verstaut werden. Dafür gibt es ein Extra-Tablett, damit die Mitarbeiterin die Dose nicht anfassen muss. Das darf sie laut Vorschrift nämlich nicht. © Jennifer Uhlenbruch

Der größte Plastikberg fällt bei Honsel aber nicht an Wurst- und Käsetheke an, sondern bei der Rückgabe der Einwegflaschen. Riesige Beutel werden am Tag mit dem zurückgebrachten Einweg gefüllt. „Hier hat der Kunde die direkte Entscheidung: Nehme ich Cola in Mehrweg- oder Einwegflaschen“, sagt Julia Honsel. Während Einweg ein Logo hat, gibt es das für Mehrweg nicht standardisiert.

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Auf dieser Cola-Flasche ist das Einweg-Zeichen zu sehen. © Jennifer Uhlenbruch

Merken könne sich der Kunde, dass Flaschen aus hartem Kunststoff, die meisten Glasflaschen und solche, die in Getränkekisten verkauft werden, Mehrwegflaschen sind. Julia Honsel weiß, dass mittlerweile viele Kunden ihren Beitrag leisten möchten, auch wenn sie die Welt damit nicht retten können. „Aber jeder kann das tun, was er möchte. Und wenn das viele machen, wächst der Druck der Verbraucher auf die Hersteller, etwas zu ändern.“

Tipps von Stefan Holewa
  • Vor dem Einkaufen überlegen: Was brauche ich wirklich? Und: Gibt es das auch unverpackt?
  • Wenn man auswärts essen will, dann im Restaurant/Imbiss essen und nicht einpacken lassen und mitnehmen
  • An den Theken fragen, ob Käse und Wurst in die mitgebrachten Boxen abgefüllt werden können
  • Ausreichend Stoffbeutel dabei haben
  • Joghurt in Mehrweggläsern kaufen und zurückbringen.
  • Die Menge bei Spülmittel und Waschmittel reduzieren. Auch das spart Verpackungsmüll.
  • Einen Becher für den Coffee to go dabei haben
  • Vortrag mit konkreten Vorschlägen für den Alltag: „Zero Waste - Leben ohne Müll“, 12. März, 20 bis 21.30 Uhr, Matthäusheim, Dülmener Straße 31, Wulfen, 6 Euro
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