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Der Weg zu einem glänzenden Schulabschluss ist schwierig. Besonders für Kinder mit Migrationshintergrund. Musa Kaynak zeigt, wie Kinder seines Kulturkreises Widerstände überwinden können.

Dorsten

, 09.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Musa Kaynak (19) hat es geschafft: ein Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,2. Im Gegensatz zu vielen Kindern aus Akademikerhaushalten, in denen die Eltern maßgeblich die schulische Laufbahn ihrer Kinder unterstützen und sie wie selbstverständlich zum Abitur begleiten, hat Musa Kaynak aus Hervest seinen Weg bis zum hochschulreifen Abschluss ohne Hilfe zurücklegen müssen.

Geholfen hat ihm aber eines von unzähligen Stipendien: das Schülerstipendium Ruhrtalente der RAG-Stiftung. Es fördert Kinder aus Nichtakademiker-Haushalten, insbesondere Kinder mit Migrationshintergrund, ideell und materiell.

Robin Gibas, Projektkoordinator für Ruhrtalente der RAG-Stiftung, sagte auf unsere Anfrage: „Das Programm ist 2016 mit zunächst 50 Ruhrtalenten gestartet, mittlerweile sind es 150. Wir fördern ab der achten Klasse bis zum Schulabschluss der Kinder und Jugendlichen.“ Ob ein Laptop angeschafft werden muss, ein Schokoticket fehlt, weil der Schulweg zu kurz ist, aber der Wirkungskreis ausgedehnt werden soll oder ein Koreanisch-Kurs belegt wird: „Wenn unsere Schüler den Bedarf plausibel darlegen, bezahlen wir das auch.“ Geldsummen bekommen die Stipendiaten nicht, aber Unterstützung in jeder Form. Auch in Form von Seminarangeboten oder Workshops.

Mama kam erst mit 20 Jahren nach Deutschland

Musa Kaynak ist Sohn türkischer Eltern. Seine Mutter kam mit 20 Jahren nach Deutschland, um den Vater zu heiraten. „Beide konnten mir bei der schulischen Ausbildung nicht helfen, haben aber immer Wert darauf gelegt, dass mein Bruder und ich gut ausgebildet werden.“ Die Mutter sei besonders ehrgeizig, auch wenn sie nur wenig Deutsch spricht. „Ich hatte manchmal Angst, mit einer Vier nach Hause zu kommen, weil meine Mutter dann sehr besorgt war, dass ich ein schlechtes Zeugnis bekomme.“

Mit der hartnäckigen Mama auf den Fersen setzte Musa alles dran, die Prüfungen in der Schule besser zu bestehen. „Nachhilfe habe ich nicht genommen. Ich habe mir alles über Bücher und über einen eigenen Lernplan beigebracht.“ Nach der Pestalozzi-Grundschule reichte es zunächst „nur“ für den Besuch einer Realschule. „Meine Mutter hat mir zweimal aufgetragen zu fragen, warum ich nicht aufs Gymnasium darf. Meine Note in Deutsch war aber wohl zu schlecht.“

Schule mit hohem Migratenanteil

Nach dem Realschulbesuch in Dorsten führte Musas schulische Laufbahn nach Marl, an die Willy-Brandt-Gesamtschule. Eine Schule mit hohem Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund. Eine Schule, die sich als Glücksgriff für Musa erweisen sollte. „Ich habe dort Talentscouts getroffen und eine wirklich tolle Lehrerin. Sie hat mich auf das Schülerstipendium aufmerksam gemacht.“ Musa zögerte nicht. Er bewarb sich mit einem Motivationsscheiben, bekam ein Vorstellungsgespräch: „Das war ein sehr lockeres Gespräch und hat Spaß gemacht.“ Das Stipendium hatte er danach in der Tasche. „Ich konnte mir Lehrbücher kaufen und bekam einen Drucker und Druckerpatronen finanziert.“

Wichtige Grundlagen, um das Abitur nach 13 Jahren Schulzeit zu schaffen. Deutsch und Biologie als Leistungskurse erfordern schließlich einen hohen Lese- und Lernaufwand. „Mit dem Lernplan und den Fachbüchern ging das.“ In der Schule zogen ihn die Mitschüler als Streber auf. „Die haben sich totgelacht, als ich einmal eine 5+ in Mathe bekommen habe.“ Ein einmaliger Ausrutscher, denn das Abitur schaffte der Hervester als einer der Besten seines Jahrgangs: mit 1,2.

Den Studienplatz hat Musa in der Tasche. „Wirtschaftspsychologie an der Ruhr-Universität Bochum.“ Er ist der erste in seiner Familie, der studiert. Die Eltern seien sehr stolz, wenngleich die ehrgeizige Mama - ganz wie andere Mamas von Kindern mit einem Einser-Durchschnitt - ihn lieber als Arzt gesehen hätte. Aber Musa reizt Wirtschaftspsychologie mehr.

Unzählige Stipendien führen zum Abschluss

Wegen seiner guten Erfahrungen mit dem Ruhrtalente-Stipendium wird er die ellenlange Liste von Stipendien durchforsten, um eine Unterstützung bis zum Bachelor-Abschluss zu bekommen. In Dorsten gibt er seine Erfahrungen nun weiter. Mit der Mappe unter dem Arm tingelt er zu den Gymnasien: „An vielen Schulen ist nicht bekannt, dass es diese Fördermöglichkeit gibt.“

Das hört Robin Gibas gerne. „Wir haben jetzt einen Alumni aus Dorsten, also einen Stipendiaten, der seinen Abschluss geschafft hat. Einen weiteren Schüler aus Dorsten haben wir neu ins Förderprogramm aufgenommen.“ Im September startet die nächste Auswahlrunde für Ruhrtalente .

  • Die Zahl der Stipendien in Deutschland ist riesig. Einen guten Überblick über die Auswahlmöglichkeiten bietet
Stipendienlotse.
  • Bei allen Angeboten wird stets ein Motivationsschreiben, vielfach auch ehrenamtliches Engagement für andere vorausgesetzt. Musa hat türkischstämmigen Kindern Hausaufgabenhilfe angeboten.
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