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B235-Anwohner fordern nach dem Unfall mit dem verletzten Kind, dass endlich etwas passiert

dzHenrichenburger Straße

„Es REICHT! Heute ist passiert, wovor ich solche Angst hatte und Sie mit unten stehender Mail gewarnt habe.“ Axel Winzler, Anwohner der B235, ist nach dem Unfall von Donnerstag außer sich.

Habinghorst

, 15.03.2019 / Lesedauer: 5 min

In einer E-Mail an den Landrat lässt Axel Winzler noch am selben Abend seinem Ärger freien Lauf. Sie beginnt wie oben zitiert. Er ist Vater eines achtjährigen Sohnes, wohnt an der Henrichenburger Straße 35 im Schatten der Josefskirche und gleich hinter der Erich-Kästner-Grundschule - und wenn man sagen würde, dass jemand diesen Unfall geahnt hätte, dann trifft das auf Familie Winzler zu.

Der Unfall bewegte am Donnerstag die halbe Stadt: Die B235 kennt jeder, und wenn ein Hubschrauber landet, wenn es so einen großen Rettungskräfte-Auflauf gibt wie in dieser Stunde, wenn ein Kind schwerst verletzt wird, dann ist die Sorge, die Anteilnahme, aber auch die Empörung groß. Was ist überhaupt passiert? Drei Kinder waren zusammen wohl auf dem Heimweg von der Schule, als sie gegen 13 Uhr die Henrichenburger Straße an der Kreuzung mit der Querstraße überquerten. Das ist der Schulweg, der hier über eine vierspurige Straße verläuft. Es gibt auf beiden Seiten der Querstraße eine Querungshilfe, also eine Mittelinsel. Aber wenn hier die Autos und Lastwagen auf zwei Spuren mit Tempo 50, manche auch schneller, vorbeifahren, ist es gefährlich.

Die drei Kinder mussten das schmerzlich erfahren. Warum einer von ihnen hier vom Auto erfasst wurde, ist noch nicht geklärt. Polizeisprecher Michael Franz wollte am Freitagmorgen gegenüber unserer Redaktion auch nicht spekulieren. Die Polizei, sagt er, habe die Unfallstelle am Donnerstag genau in Augenschein genommen und lade derzeit Zeugen vor, um sie nächste Woche zum Hergang zu befragen. Die zwei Schulkameraden des verunglückten Jungen werden vermutlich darunter sein. Ebenso wie der Fahrer des Wagens, der auf dem linken Fahrstreifen schon gestanden haben soll, als auf dem rechten Fahrstreifen der Unfall geschah. Und vielleicht der eines anderen Wagens, der hinter dem Auto auf dem linken Fahrstreifen zum Stehen kam. Die Polizei sucht nach dem Fahrer. Erst dann könne man mehr sagen. Und dem neunjährigen Jungen selbst? Es besteht Lebensgefahr, er liegt auf einer Intensivstation.

Polizeiaufruf

Zeuge gesucht

Hinter dem Auto, das auf dem linken Fahrstreifen schon stand, als der Wagen auf dem rechten Fahrstreifen in gemäßigtem Tempo den Jungen erfasst haben soll, stand ein weiterer Autofahrer. Er ist ein wichtiger Zeuge, den die Polizei aber nicht ermitteln konnte. Er wird gebeten, sich beim Verkehrskommissariat in Herten unter Tel. (0800) 2361111 zu melden.

Diese Stelle ist laut Polizeisprecher Michael Franz kein Unfallschwerpunkt. An der Querungshilfe gab es 2017 einen Abbiegeunfall mit einer Fußgängerin. Im Jahr 2006 habe es zudem eine intensivere Betrachtung gegeben, nach der es zwar zu Unfällen gekommen sei, aber nicht explizit an dieser Stelle. Nichtsdestotrotz würden bei schwerwiegenden Unfällen die Auswerter hier noch mal tätig: Wo kann man bauliche Veränderungen vornehmen, um die Stellen sicherer zu machen? Da sind schon mit der Stadt und Straßen.NRW Gespräche geführt worden, so Michael Franz am Freitag. Die Polizei, die auch in einer Unfallkommission turnusmäßig mit am Tisch sitzt, hat dazu Empfehlungen abgegeben.

Der Autofahrer hat nicht rechtzeitig erkennen können, dass die Kinder auf der Mittelinsel standen. Er hatte womöglich sein Auto schon abgebremst, als er auf dem rechten der zwei Fahrstreifen unterwegs war. Links sollen nach ersten Erkenntnissen der Polizei ein oder zwei weitere Autos gewesen sein.

B235-Anwohner fordern nach dem Unfall mit dem verletzten Kind, dass endlich etwas passiert

Querungshilfen, sprich zwei solcher Mittelinseln, laden an der Querstraße zum Überqueren der B235 ein. Die nächsten Ampeln sind etwa 200 Meter entfernt. © Tobias Weckenbrock

Um die grundsätzliche Gefahr einschätzen zu können, muss man aber nicht einmal wie Caroline Winzler seit 1991 an dieser Straße wohnen. Sie kann das aber ganz besonders gut. Und darum treffen wir sie an diesem verregneten Freitagmorgen, gut 20 Stunden nach dem verhängnisvollen Unfall, 100 Meter von der Unfallstelle entfernt. Sie sagt, sie habe das befürchtet. Sie habe den Unfall selbst nicht mitbekommen, aber den Aufruhr hinterher: so viele Polizeiautos, ein Hubschrauber, mehrere Rettungswagen, Notärzte, die Sperrung. Die Mutter des verunglückten Kindes, meint sie, sei hergerannt. Szenen, die sie befürchtet hatte. Szenen, die an diesem Donnerstagmittag wahr wurden.

Video
Anwohnerin Winzler im Interview über die Gefahren an der B235

„Hier wird gerast“, sagt Caroline Winzler. Vor allem abends, vor allem an Wochenenden. Die Straße, die ab der Römerstraße bis zur Siemensstraße vierspurig ausgebaut ist, lade förmlich zu diesen Beschleunigungsrennen der jungen Fahrer mit den dicken Karren ein. Sie weiß, wovon sie spricht, denn deren Autos sind meist nicht nur schnell, sondern auch laut, wenn sie aufheulen und losheizen, um sich zu messen. Das hört sie zu Hause. Wer hat den Schnellsten? Wer hat den dicksten Wagen? Wer ist der König des Asphalts? Das kann man am besten vergleichen, wenn man an einer Ampel direkt nebeneinander auf Grün wartet.

Die lange Vorgeschichte des Bürger-Engagements

Diese Beobachtungen haben die Winzlers schon lange geteilt: Als uns am Freitagmorgen die wutschnaubend eröffnete E-Mail von Axel Winzler erreicht, müssen wir erst einmal scrollen: Sie hat einen langen „Bart“, sprich eine längere Vorgeschichte, dokumentiert anhand von mehreren Antworten verschiedener Stellen: Stadt, Kreis, Politiker-Büro. „Wann reagieren Sie endlich? Wann bewegen Sie sich und handeln? Sie als verantwortlicher Landrat sollten sich schämen. Sie sind dafür verantwortlich, dass die B235 in Castrop-Rauxel weiterhin eine unkontrollierte Raserstrecke ist. Und das mitten in einem Wohngebiet, direkt an einer Grundschule und einem Altersheim“, schreibt Axel Winzler darin an Landrat Cay Süberkrüb (SPD).

B235-Anwohner fordern nach dem Unfall mit dem verletzten Kind, dass endlich etwas passiert

Caroline Winzler wohnt seit 1991 an der Henrichenburger Straße 35. Sie kennt die Probleme hier an der bewohnten vierspurigen Straße genau. © Tobias Weckenbrock

Er ist nicht der erste Ansprechpartner gewesen: Mitte 2017 und Anfang 2018 standen die Winzlers im Austausch mit dem Büro von Bundestagsmitglied Frank Schwabe, der nicht weit von hier an der Langen Straße seinen Heimatsitz hat. Demnach habe es im Januar 2018 Geschwindigkeitsmessungen gegeben: 43 Fahrzeuge waren zu schnell unterwegs - bei 1264, die vorbeifuhren. Das sind 3,4 Prozent. Bei 28 Fahrzeugen lag die Überschreitung bei unter 10 km/h, bei 10 Fahrzeugen bei 11 bis 15 km/h und bei fünf Fahrzeugen drüber, so die Auswertung. „Weitere Auswertungen aus Dezember 2017, Januar und Februar 2018 ergaben ebenfalls, dass rund drei Prozent der gemessenen Fahrzeuge zu schnell fuhren.“ Das ist offenbar nicht „genug“, um ein Problem darzustellen.

Zur Verbesserung der Sicherheit, insbesondere für Schulkinder, sei vor einiger Zeit die Grünphase für querende Fußgänger der Ampel an der Römerstraße verlängert worden. Und sowohl das städtische Ordnungsamt als auch die Polizei würden regelmäßig Messkontrollen wie die angegebenen durchführen, schreibt die Stadtverwaltung. „Den Blitzwagen der Stadt erkennt doch jeder von Weitem“, sagt dazu Caroline Winzler. Und die Messzeiten, morgens um halb 11 zum Beispiel, seien auch nicht die, in denen es die meisten Probleme gebe.

Drei konstruktive Vorschläge der Anwohner

Am 28. September waren die Winzlers zur Bürgermeistersprechstunde im Rathaus. Mit dem Ergebnis, dass der Bürgermeister drei konstruktive Vorschläge klären wolle:

  • Kann durch den Kreis Recklinghausen ein Blitzer fest installiert werden?
  • Wäre es denkbar, an der B235 einen Fahrradweg zu errichten?
  • Kann das Ordnungsamt / die Polizei auch abends gegen 19 Uhr blitzen? Stichwort: Raser-Treffen zu der Uhrzeit.

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Mitte Oktober kam es an einem Samstagmittag zum schweren Unfall auf der Kreuzung mit der Römerstraße, bei dem auch die Ampel beschädigt wurde und der weitere Unfälle nach sich zog. „Es ist eine Farce, davon zu sprechen, dass sich 2018 keine Unfälle ereignet haben“, so Axel Winzler Ende Januar in einer E-Mail an den Landrat, aus dessen Kreisbehörde es zwischenzeitlich Antworten gegeben haben soll, die besagten, dass hier kein Unfallschwerpunkt vorliege. „Weder ist es nicht korrekt, dass Geschwindigkeiten nicht überschritten werden, noch dass wir hier über einen ‚nicht gefährdeten‘ Bereich reden.“

Am 14. März, also noch am Abend nach dem Unfall, schrieb Winzler eine neue Mail an den Kreis, die Stadt und die Medien, adressiert an den Landrat. „Ich fordere Sie auf: Handeln Sie und nehmen Sie die Sorgen der Menschen endlich ernst!“ Caroline Winzler sagt: „An der Schule an der Wartburgstraße, wo erwachsene Schüler sind, ist Tempo 30.“ Zumindest zur Schulzeit. „Und hier, wo die Grundschule ist, nicht? Das kann doch nicht sein.“

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