Immobilienfonds: Krise ist zurück: Traditionsreicher Fonds wird aufgelöst
NRW Sie bekam keine Post von der Bank, keinen Anruf, keinen Hinweis beim Online-Banking: Als Carola Mersch aus Recklinghausen für eine Reise eine größere Summe Bargeld aus ihrem Offenen Immobilienfonds abziehen wollte, passierte gar nichts. Das Geld blieb, wo es war: Im Depot. Ihr eigentlich offener Immobilienfonds war plötzlich geschlossen.
Künftig soll es eine zweijährige Mindesthaltedauer für Großanleger von Immobilienfonds geben.
Von ihrem Berater bekam sie dort die Auskunft, dass der Offene Immobilienfonds (OIF) „SEB ImmoInvest“ geschlossen sei. „Mindestens bis März 2011“, hieß es. „Das ist sehr, sehr ärgerlich. Informationen zur Schließung musste ich auf der Website suchen. Eine Information durch meine Bank hätte ich mir gewünscht.“
Kein Einzelfall, sagt Marco Cabras von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) in Düsseldorf. Laut dem Bundesverband Investment und Asset Management sind aktuell acht OIF dicht. Zudem gebe es ein „Informationsleck“. „Banken kommen nicht aktiv auf die Kunden zu und informieren über das Problem.“
Diese Erfahrung hat auch der Hamburger Fachanwalt für Wirtschaftsrecht Peter Hahn gemacht. „Viele Anleger haben noch gar nicht mitbekommen, dass ihre Fonds geschlossen oder Anteile abgewertet wurden. Und sie wissen auch nicht, was ihnen noch blühen kann.“ Im schlimmsten Fall droht den Fonds eine Auflösung. Erst gestern wurde bekannt, dass der Traditionsfonds Degi Europa mit einem Volumen von 1,3 Milliarden Euro liquidiert wird. 90 000 Anleger müssen mit Verlusten rechnen, weil Immobilien teilweise unter Wert verkauft werden. Auch der KanAm US-Grundinvest wird derzeit abgewickelt.
Falsche Beratung
Insgesamt liegen laut Hahn knapp 25 Milliarden Euro deutscher Anleger auf Eis. Zwar haben die Verbraucher noch die Möglichkeit, ihre Anteile frei über die Börse zu verkaufen, wenn die Bank einen Rückkauf verweigert. „Aber da müssen sie mit einem Abschlag von 20 bis 40 Prozent rechnen“, so Cabras. Rechtsanwalt Hahn kritisiert auch die Banken, die ihren Kunden zu OIF raten. „Ich stelle fest, dass Kleinanleger fast durchgängig falsch beraten werden.“
In Berlin wurde auf das Problem der immer wieder geschlossenen OIF reagiert. Das Bundeskabinett hat einen Gesetzentwurf beschlossen, nachdem Kleinanleger besser geschützt werden sollen. Im Zentrum des Entwurfes steht eine zweijährige Mindesthaltedauer für Großanleger. „Das ist positiv für Verbraucher“, sagt DSW-Sprecher Cabras. Denn schließlich seien es diese „institutionellen Anleger“, die OIF „als Tagesgeldersatz“ missbrauchten, indem sie hohe Summen unangekündigt abziehen. „Dieses Vorgehen tötet die Fonds.“ Das neue Gesetz gelangt laut einer Sprecherin des Bundesfinanzministeriums im Februar in den Bundesrat. Wann es in Kraft tritt, konnte die Sprecherin also noch nicht sagen.
Wichtige Frist endet am 1. November
Am 1. November endet eine weitere wichtige Frist: Für den Fonds P2 Value (Morgan Stanley) entscheidet sich an diesem Datum, ob er wieder öffnen wird – oder ob ihm ebenfalls die Liquidation droht. Hintergrund: Der P2 Value ist dann seit 24 Monaten geschlossen, die maximale Schließungsdauer ist ausgeschöpft.
Dorothea Mohn von der Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin rät Anlegern, sich ganz genau zu informieren, bevor sie in einen OIF einsteigen. „Man muss sich absichern, dass die Fonds tatsächlich geöffnet sind.“ Außerdem sollten Anleger OIF als langfristige Anlage betrachten. Tägliche Verfügbarkeit sei bei Immobilienfonds „eine Illusion“, sagt Anlegerschützer Marco Cabras. „Wir reden hier schließlich über Beton.“






