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Medienhaus Lensing
20.04.2011 05:00 Uhr
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Exklusiv-Interview: RWE-Vertriebschef Müller: "Grün wird der Strom sowieso"

Dortmund/Essen Mit Spannung wird die heutige Hautpversammlung des Energieriesen RWE erwartet. Im Vorfeld stritten die Aktionäre über den Atomkurs der milliardenschweren Aktiengesellschaft. Vorstandsvorsitzender Jürgen Großmann geriet als klarer Befürworter von Laufzeitverlängerungen unter Druck. Im Vorfeld sprachen Oliver Brand und Torsten Storks mit dem neuen Chef der RWE Vertrieb AG, Hanns-Ferdinand Müller.Oliver Brand und Torsten Storks

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Im Gespräch mit unseren Redakteuren. (Foto: Brand)

Auch dank Ihrer Hymne „Heiner für alle, alle für Heiner“ sind Deutschlands Handballer 2007 Weltmeister geworden. Ist es nicht an der Zeit, dass sie ins Bundesligageschäft einsteigen und für Ihren Lieblingsklub – den 1. FC Köln – einen Nummer-Eins-Hit komponieren?
Müller: Da wäre es bestimmt an der Zeit. Bislang ist niemand von den Offiziellen an mich herangetreten. Wenn die auf mich zukämen, würde ich das gerne machen.

Als Köln-Fan muss man schon leidensfähig sein. Gilt das auch für den Posten des RWE-Vertriebschefs?
Müller: Nein. Meine Frau sagt immer, ich sterbe im Müngersdorfer Stadion (heute RheinEnergie Stadion, Anm. d. Red.) und nicht hier. Leidensfähig muss man nicht sein.

Was denn?
Müller:  Man muss nicht nur Emotionen für den Job haben, sondern vor allem lösungsorientiert arbeiten. Ein Satz von mir lautet: „Haben Sie eine Lösung, oder sind Sie das Problem?“ Eine Lösung für den FC habe ich nicht.

Und für RWE?
Müller: Hier geht es einerseits darum, alle Kunden die wir haben, an uns zu binden. Anderseits ist es unsere Aufgabe, stets neue Kunden zu gewinnen. Das ist die klassische Herausforderung, die ein Energieunternehmen hat.

Darauf kommen wir noch zu sprechen. Wie wirkt sich die Japan-Katastrophe und die dadurch ausgelöste Atomdebatte auf Ihr Tagesgeschäft aus?
Müller:  Wir beobachten das ganz genau. Wir haben vereinzelt Nachfragen nach Ökostromprodukten. Das ist aber nicht weltbewegend. Hingegen stellen wir eine größere Nachfrage nach Langfrist- beziehungsweise Festpreis-Produkten fest. Der eine oder andere Kunde reagiert damit auf Aussagen der Politik, dass die Strompreise weiter steigen werden. Wir haben interessanterweise keine Mehrkündigungen durch die Atomdebatte.

Vor einem Jahr lag der Anteil erneuerbarer Energien des von RWE erzeugten Stroms gerade mal bei drei Prozent. Wo liegt er heute?
Müller:  Auf jeden Fall höher (lacht). Was unseren eigenen Erzeugungsmix angeht, so dürfte er bei 3,5 Prozent liegen. Der regenerative Anteil bei dem von uns an der Börse eingekauften Stroms, den wir an unsere Privatkunden verkaufen, macht immerhin etwa 22 Prozent aus.

3,5 Prozent in der Erzeugung ist nicht viel?
Müller: Das ist halt ein sehr langfristiger Prozess. Wir investieren jedes Jahr eine Milliarde Euro in dieses Segment. Mehr geht nicht.

Bleibt es trotzdem dabei, den regenerativen Anteil auf der Erzeugerseite bis 2025 auf 30 Prozent zu steigern?
Müller: Ich bin kein Prophet, ich kann Ihnen aber versichern, dass wir hart daran arbeiten.

Die Bundesregierung will jetzt Milliarden für erneuerbare Energien locker machen. Ist der Sechs-Punkte-Plan der Regierung, Ihrem Satz entsprechend, eher „die Lösung oder das Problem?“
Müller: Die Punkte sind alle so klar und richtig wie nur was. Das Problem ist jedoch, dass hinter dem Plan kein wirkliches Konzept zur Finanzierung steht: Was zahlt der Bund, die Länder, die Energiewirtschaft und nicht zu vergessen, was kostet der Energieschwenk den Verbraucher – Stichwort EEG-Umlage. Ich bin mal gespannt, wer was aufgeschultert bekommt, wer die Zeche bezahlt.

Was kostet ein vorzeitiger Atomausstieg den Verbraucher?
Müller: Das ist relativ einfach, weil es dem marktwirtschaftlichen Grundsatz von Angebot und Nachfrage entspricht. Wenn ich Meiler vom Netz nehme und damit das Angebot deutlich verknappe, wird bei gleichbleibender beziehungsweise steigender Nachfrage der Preis steigen. Das geringe Angebot lässt sich schließlich nicht so ohne Weiteres durch Windkraft oder ähnliches ausgleichen. Es wird viel Strom, auch Atomstrom, importiert werden müssen – wie das ja schon zurzeit der Fall ist.

Wie geht es mit den Gaspreisen weiter?
Müller: Gas ist derzeit relativ günstig, was mit der teilweisen Abkoppelung vom Ölpreis zusammenhängt. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass die Gasvorkommen weltweit begrenzt sind. Somit ist es eher unwahrscheinlich, dass die Gaspreise in Zukunft sinken werden.

Firmen wie Exxon wollen in NRW nach unkonventionellem Gas mittels „Fracking“ bohren. Was halten Sie davon?
Müller: Grundsätzlich halte ich es für richtig, heimische Energiequellen zu nutzen, so lange keine Risiken für Umwelt und Gesundheit bestehen. Ob das beim Fracking der Fall ist, kann ich nicht beurteilen. Insgesamt überwiegt im Konzern die Erwartung, dass Shale-Gas in absehbarer Zukunft in Europa kaum in nennenswertem Umfang kommerziell gefördert werden kann.

Wie viele Kunden beziehen Strom und Gas von RWE?
Müller: Wir kommen allein bei der RWE Vertrieb AG auf zweieinhalb Millionen Strom- und 500.000 Gaskunden.

Haben Sie 2010 mehr Kunden verloren oder gewonnen?
Müller:  Aus 2010 sind wir bei der Vertrieb AG mehr oder weniger bei plusminusnull rausgekommen.

Ist das gut?
Müller: In Anbetracht der Wettbewerbssituation würde ich das schon als Erfolg ansehen. Beim Gas hatten wir leichte Zugewinne, beim Strom konnten wir die Kundenzahl halten. Darauf können wir durchaus stolz sein.

Wie lassen sich überhaupt noch neue Kunden gewinnen?
Müller: Hier spielen Vertriebskooperationen, wie wir sie mit dem ADAC oder Lidl pflegen, eine bedeutende Rolle. Da besteht noch reichlich Potenzial. Wir gehen außerdem auf Messen, in Baumärkte, um potenzielle Kunden auf uns aufmerksam zu machen. Im Übrigen ist es keineswegs so, dass die Leute bloß weg wollen von den vier großen Stromanbietern.

Wie ist es denn?
Müller: Viele sagen sich schlichtweg, grün wird der Strom früher oder später sowieso. Jetzt gucke ich erstmal, dass ich ihn in den nächsten drei Jahren für einen ordentlichen Preis bekomme.

Womit wir bei Ihren Festpreisangeboten wären?
Müller: Richtig. Hier besteht eine große Nachfrage, und in diesem Bereich wird es auch ein neues Modell geben. Wir bieten Kunden ein festes Angebot für drei Jahre. Dabei garantieren wir alles, was wir beeinflussen können – lassen also den reinen Strom- und Vertriebspreis fix. Sollte der Kunde nach einem Jahr sagen: „Es geht doch billiger“, dann kann er wieder raus.

Sie sollen an einem Modell Flatrate-Haus basteln. Was verbirgt sich dahinter?
Müller: Das ist ein Traum von mir. Dass wir es schaffen, ähnlich wie in der Telekommunikation, eine Schaltzentrale im Haus zu installieren, von wo aus alle energiewirtschaftlichen Dinge des Haushalts wie Strom, Gas, Wasser oder Entsorgung gesteuert werden. Und wenn in diese Steuerungseinheit dann beispielsweise noch Energiespar- oder Kochtipps integriert werden würden, wäre das ein Traum.


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