Medienhaus Lensing
02.02.2010 12:02 Uhr
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Kommentar: Auf das Herz hören

Das Glück läuft uns tagtäglich über den Weg. Manchmal hält es sich auch versteckt. Wie man das Glück wirklich findet, verrät Chefredakteur Hermann Beckfeld.

Chefredakteur Hermann Beckfeld hat sich auf die Suche nach dem Glück begeben.
Wir alle suchen das Glück. Ein Leben lang. Viele haben es gefunden, bewusst ist es ihnen aber nicht. Einige werden das Glück nie finden, weil sie sich selbst im Wege stehen.

Dabei meine ich nicht die ganz großen, so seltenen Hoch-Zeiten der Emotionen. Der erste Kuss, das Ja-Wort, die Geburt der Kinder und der Enkel, die erlösende Diagnose: Sie haben ihre Krankheit besiegt. Hier geht es mehr um die kleinen Schwingungen der Gefühle, die Augenblicke, die Momente des Glücks, die unseren Alltag vibrieren lassen. Die Mut geben, die uns stärken, die wir uns verdienen, erarbeiten. Die das Leben wunderbar leicht machen. Die uns lächeln lassen. Tag für Tag neu.

Findet Google.de das Glück?

Ich habe mich auf die Suche nach dem Glück gemacht. Ein erster zaghafter Versuch. Ich google Glück. Will es ersurfen und saufe im globalen Meer ab. 18,3 Millionen Eintragungen, bei Glueck noch zwei Millionen mehr. Ich lerne: Die neue Welt schreibt ihre Woerter neu, aber meine ganz persönliche Rezeptur fürs Glück kann sie mir nicht anrichten.
Ich überlege. Wen kenne ich, der glücklich ist. Und weil er glücklich ist, auch uns glücklich machen kann. Mein Glücks-Navi weist mir den Weg, fahren Sie doch einfach mit. Es ist nicht weit. Richtung Dorsten, hinter Bottrop-Kirchhellen links ab.

Nun sind es nur noch wenige Kilometer und wir treffen Willi auf seinem Reiterhof. Willi ist mein Freund. Er ist über 70 und beileibe nicht gesund. So wie er humpelt, so wie er sitzt, schmerzt jeder Knochen. Willi spricht nicht drüber. „Wie geht‘s?“ – „Muss“.
Willi geht an Krücken. Aber die können vor Lebensfreude tanzen und auf unsere Gesichter ein Lächeln der Leichtigkeit zaubern.
Willi hat in seinem Leben Kohle, Autos, Pferde und wohl noch viel mehr verscherbelt. Udo Lindenberg, auch ein Künstler des Lebens, würde singen, Willi ist an die Grenze gegangen und noch darüber. Doch er hat sich eins bewahrt.

"Träum dich nicht fest!"

Er hat nie aufgehört, neugierig zu sein, zu staunen. Über das fantastische, aufregende Leben, über eigene Erlebnisse, über die Leistungen anderer. Auch über neue Technik. Willis SMS sind Kult. Sie machen Mut, sind umwerfend ehrlich. Träum dich nicht fest, schrieb er einem Mädchen, das sich in ein viel zu teures Pferd verliebte.
Ich habe Willi nie gefragt, welchen Schulabschluss er hat. Unwichtig. Willi hat das Straßenabitur, Durchschnittsnote 1,0, mehr geht nicht. Willi hatte den besten Lehrmeister, den es gibt: das Leben. Es brachte ihm bei, seinen Charakter zu erkennen.

Willi kennt keinen Neid, kein Mobbing, keine Heimtücke. Und nur ein bisschen Eitelkeit. Sie ist gering genug, um ihn vor der Lächerlichkeit zu bewahren. Willi sagt, was er denkt – das lässt dem Ärger keine Zeit, keine Chance, sich in die Seele zu brennen und der Lebensfreude Platz zu rauben.
Damit Sie mich nicht falsch verstehen. Willi war nie ein Kind von Traurigkeit. Er hat schnell erlebt, was ihn, was Männer glücklich macht. Na klar, Frauen, wer sonst. Aber auch Pferde. Und ganz wichtig: ein nicht allzu strenges Gewissen. Er hat mir mein erstes Auto verkauft. Nie habe ich ihn gefragt, warum der rote Käfer mit dem schwarzen Dach keinen Zündschlüssel hatte. Ich war einfach nur glücklich.

Die kleinen Glücksmomente des Alltags

Die Formeln des Glücks, Lebensweisheiten. Karl May hat sein Glück, seine abenteuerliche Welt mit seinen Lesern geteilt, ließ uns Kinder als Winnetou und Old Shatterhand Blutsbrüder werden. Seitdem lieben wir Bücher.

Eltern lebten Werte vor, sie lehrten uns, was wertvolle Geschenke sind, die glücklich machen. Die Eisenbahnplatte unter dem Weihnachtsbaum, mit Tunneln, in langen Nächten selbst gebastelt aus Klopapierrollen.

Und ganz wichtig: Auf der Suche nach dem großen Glück die kleinen schönen Dinge des Alltags nicht übersehen. Das tägliche Joggen und der fröhliche, freundliche Gruß des alten Mannes, der mit seinem alten Hund dir jeden Morgen entgegenkommt.
Wir alle sind Glückssucher, alle Lernende, jeden Tag neu. Vielleicht hilft es, wenn ich verrate, wo Willi wohnt. Schalten wir das Navi des Herzens ein, es kennt den Weg.


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