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Medienhaus Lensing
11.01.2010 18:05 Uhr
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Westfälisches Landestheater: Wolfs "Kassandra" - Gefangen im Irrsinn von Krieg und Gewalt

CASTROP-RAUXEL In Christa Wolfs 1983 erschienener Erzählung "Kassandra" steckt eine Tragödie von antikem Ausmaß. Ihr spürt die Regisseurin Tatjana Fernau nach, die diesen sprachlich ungeheuer dichten inneren Monolog für das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel inszeniert hat. Von Sascha Westphal

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Beeindruckend: Julia Gutjahr als Kassandra. (Foto: Beushausen)

Eine Theaterbearbeitung des extrem fordernden, von einer geradezu unbändigen Wut erfüllten Prosatextes drängt sich praktisch auf. Schließlich hat Christa Wolf für ihren klassischen Stoff eine Form und eine Sprache gefunden, die ihn direkt in unsere Welt katapultiert. Diese faszinierende Gleichzeitigkeit von Antike und Gegenwart wird bei Tatjana Fernau zum zentralen Element.

Verweis auf Militärgefängnisse

Die von Dietmar Teßmann gestaltete Bühne - eine ganz leicht erhöhte, wie von Sand bedeckte Fläche - erinnert nicht von ungefähr an eine antike Spielstätte. Auf sie hat er einen rundum vergitterten, durch ein weiteres Gitter in zwei Gänge geteilten Metallkäfig gestellt - ein deutlicher Verweis auf heutige Militärgefängnisse. Hier sitzt zu Beginn die von Julia Gutjahr gespielte Kassandra, die trojanische Königstochter und von Apollon verfluchte Seherin, und wartet auf ihren nahenden Tod. Doch bevor die Griechen sie, die zur Kriegsbeute erklärte Frau, erschlagen, spricht sie noch ihre Geschichte in ein kleines Aufnahmegerät.

Ein ungeheures Gewicht scheint in diesen ersten Augenblicken auf Julia Gutjahr zu lasten. Ihre Kassandra trägt ganz im Sinne Christa Wolfs unendlich schwer an ihrem Schicksal, das auch das aller Frauen in einer von Männern dominierten Welt ist. Allein ihr Frausein macht sie schon zu einer tragischen, einer schuldlos schuldig werdenden Figur, die sich ihrem vorherbestimmten Los nicht entziehen kann.

Spiel- und Lebenslust

Aber Kassandra kann von ihm sprechen und sich damit gegen das Schicksal auflehnen. Das Erzählen ihrer Geschichte wird in Julia Gutjahrs Spiel zu einem sichtbaren Akt der Befreiung. Sie schlüpft immer wieder in die Rollen derer, von denen Kassandra erzählt, ist mal Seherin, mal König, mal Schwester, mal Mutter, mal Geliebter und auch mal Achill, "das Vieh".

Diese vor Spiel- und Lebenslust nur so strotzenden Aneignungen offenbaren den ganzen, sich durch alle Zeiten ziehenden Irrsinn von Krieg und Gewalt.
  • Termine: 20.1. Ruhrfestspielhaus Recklinghausen, 4.3. Saalbau Witten, ab 16.5. viele Termine in Castrop-Rauxel. Karten unter Tel. (02305) 978020.
  • www.westfaelisches-landestheater.de


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