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Medienhaus Lensing
30.08.2011 17:27 Uhr
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Interview: Thomas Boos: "Man muss auch mal versuchen, die Stadt neu zu erfinden"

DORSTEN Über die Zukunftschancen Dorstens, den Zustand der FDP und "Geschenke" des Landes unterhielt sich Michael Klein mit dem Vorsitzenden der FDP-Dorsten, Thomas Boos.Von Michael Klein

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Der Vorsitzende der FDP-Dorsten, Thomas Boos. (Foto: Michael Klein)

 Herr Boos, sollte das Landesgeschenk „Stabilitätspaket Stadtfinanzen“ wie geplant umgesetzt werden, droht der Stadt eine Zerschlagung der Infrastruktur. Teilen Sie die Befürchtungen?

Die Frage ist, ob so etwas überhaupt ein Geschenk ist. Ich kann nicht sagen, wo das Paket gezielt helfen wird. Psychologisch gesehen ist es ein gutes Signal für andere Städte, nämlich, dass ein kommunaler Finanzausgleich nötig ist. Aber ich denke, das Land muss zusehen, dass es die starren Bedingungen lockert. Wir müssen nun darüber diskutieren, ob wir nicht mehr mit dem Finger auf uns selbst zeigen müssen. Einem großen Teil der Bevölkerung geht es in Dorsten finanziell ganz gut, es wäre ein Zeichen der Solidarität, wenn diese Bürger in den subventionierten Bereichen mehr als bisher zahlen, damit auch die weniger Begüterten von den Angeboten profitieren können. Der Jahresbeitrag der Bücherei zum Beispiel beträgt 15 Euro, so wenig, wie ein Buch kostet.

Und was ist mit dem Schreckgespenst der betriebsbedingten Kündigungen in der Verwaltung?

Ich finde, man sollte durchaus das Outsourcen ganzer Bereiche, wie etwa die Grünflächenabteilung, ins Kalkül ziehen. Man muss Personalressourcen anders verteilen können. Wie von den anderen Arbeitnehmern muss man auch von Angehörigen des öffentlichen Dienstes erwarten können, dass sie mehr Flexibilität mitbringen.

Von den drohenden Einsparungen wäre insbesondere der Kulturbereich betroffen. Macht es da noch Spaß, Kultur-Politiker zu sein?

Ja. Ich glaube nämlich nicht, dass es einen kulturellen Kahlschlag gibt. Wie gesagt: Man muss nur darüber nachdenken, wie man durch neue Arten der Verteilung und durch das Erschließen anderer Nutzerkreise die Strukturen aufrecht erhalten kann. Ich bin da optimistisch, weil sich in Dorsten bereits gezeigt hat, dass es Modelle für Kulturarbeit gibt, siehe Baumhaus und Trägerverein Altes Rathaus. Das zu unterstützen, muss Aufgabe der ganzen Politik sein, das darf nicht nur auf den Schultern des Bürgermeisters lasten.

Als Architekt beschäftigen Sie sich besonders mit der Stadtentwicklung und sind bekanntermaßen ein Kritiker des Media Markt-Standortes nahe des Bahnhofs. Jetzt wäre nach den neuesten Bahn-Plänen eine ganz andere Entwicklung des Areals möglich gewesen. Fühlen Sie sich in Ihren Warnungen bestätigt?

Eindeutig ja. Die Entscheidung war falsch, das Ding da hinzusetzen. Da haben wir eine Chance vertan. Es  ist bedauerlich, dass damals auf Grund des Pflügler-Gutachtens keine visionären Ideen für den Bahnhofs-Bereich entwickelt worden sind. Ich fürchte, in zehn Jahren haben wir da ein zweites Lippetor stehen. Überhaupt würde ich mir mehr Selbstkritik bei einmal getroffenen Entscheidungen wünschen. Es fehlen Gesamtvisionen, man muss auch mal versuchen, die Stadt neu zu erfinden. Seit 1986 hat es hier keinen städtebaulichen Wettbewerb mehr gegeben. Ich hoffe, bei der Entwicklung des Schulstandorts an der Marler- und Bochumer Straße positionieren wir uns besser, das ist ja ein Riesen-Areal, über das man sich Gedanken machen muss.

Was sind für Sie die kommunalen politischen Themen-Schwerpunkte der nächsten Monate?

Zum einen die Schulentwicklung. Es ist wichtig, dass das schulische Angebot auch die Bedürfnisse der Schüler spiegelt. Die Inklusion muss auf die individuellen Voraussetzungen Rücksicht nehmen. Wir brauchen hier weiterhin eine vernünftige und miteinander vernetzte Förderlandschaft. Die könnte ein Alleinstellungsmerkmal für die Stadt Dorsten sein. Neben der Stadtentwicklung wird, wie gesagt, die Frage sein, in welcher Form man das Kultur- und Sportangebot aufrecht erhalten kann. Nicht zerschlagen, sondern neue Ideen suchen, muss die Devise heißen. Warum nicht eine mobile Musikschule einrichten?

Die demographische Entwicklung wird Dorsten verändern. Wie muss die geschrumpfte Stadt Dorsten in 20 Jahren aussehen, um weiterhin attraktiv für ihre Bewohner sein zu können?

Vor allem müssen wir das Wohnen in den vorhanden Quartieren konzentrieren und attraktiver gestalten und nicht weiter in die Breite gehen. Im gewerblichen Bereich funktioniert das ja auch, wie das Beispiel Fürst Leopold zeigt. Zudem müssen wir Angebote schaffen, um den Leuten mehr Teilhabe zu ermöglichen und um die Pendlerbewegungen zu reduzieren. Unsere Region hat sehr viel Potenzial, das ließe sich durch Zusammenarbeit optimieren.

Die Bundes-FDP steckt derzeit im Umfragetief, der neue Partei-Chef Rösler bleibt politisch blass, sein Vorgänger Westerwelle als Außenminister steht vor dem Rücktritt. Wie geht es einem FDP-Mitglied angesichts dieser Schlagzeilen?

Also, mir geht es nicht gut, wenn man seit 32 Jahren in dem Verein ist und merkt, es gibt da oben ein grundlegendes Problem. Besonders bedauerlich ist dies für die Basis, die noch von der Grundidee des Liberalismus überzeugt ist. Für die ist der gegenwärtige Zustand der Bundes-FDP ein Schlag ins Gesicht. Das Führungspersonal wird dem Bild der FDP jedenfalls nicht gerecht.


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