Im Gespräch mit unserer Redaktion redet der Selbstmotivationsexperte Stefan Frädrich über schlechte Gewohnheiten, neue Wege und Schüchternheit beim FlirtenVon Dirk Riße
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Dr. med. Stefan Frädrich (Foto Unternehmen Zukunft)
Herr Dr. Frädrich, wozu brauchen wir Motivation? Ist es nicht einfach menschlich, morgens ausschlafen zu wollen?
Frädrich: Menschliches Verhalten kann mehrere Ziele haben. Wenn wir morgens aufstehen, können wir uns einen schönen Tag machen oder im Beruf etwas leisten. Danach müssen wir unser Handeln ausrichten. Problematisch wird es erst, wenn wir etwas leisten wollen, aber beim Aufstehen merken: Ich habe keinen Bock. Dann müssen wir uns fragen, warum. Und wir müssen dahin kommen, dass wir in so einer Situation aufstehen – und zwar mit guter Laune.
Der Schweinehund ist ein Gewohnheitstier. Wie viel Gewohnheit ist gut für Menschen?
Frädrich: Gewohnheiten sind gut und schlecht. Menschen brauchen Automatismen, um überhaupt zu funktionieren. Ohne Gewohnheiten wäre unser Arbeitsspeicher dauerhaft völlig überfordert. Problematisch wird es erst, wenn die Routine im Alltag nicht mehr funktioniert. Wenn Probleme auftreten, die mit den gewohnten Handlungsstrategien nicht bewältigt werden können. Dann müssen wir neue Wege beschreiten. Das ist leichter gesagt als getan: Wenn man 10.000 Mal Dinge auf eine bestimmte Weise gemacht hat, sagt der innere Schweinehund: Genau so geht es.
Und dann?
Frädrich: Ziel muss es sein, neue Routinen aufzubauen. Schlechte Automatismen können in gute Automatismen übergeleitet werden.
Das klingt nach einem mechanischen Weltbild.
Frädrich: Es hat eher etwas mit selektiver Wahrnehmung zu tun. Wenn ich die Dinge unterstreiche, die ich sehen will, komme ich eher zum Erfolg.
Das A und O der Motivation ist der Sinn: Sie nennen das „eine Wurst vor die Schnauze binden“.
Frädrich: Es gibt zwei Arten von Motivation. Die eine ist ein Tritt in den Hintern. Wenn ich mein Kind für eine gute Hausarbeit belohne, ist ein Anreiz da, beim nächsten Mal wieder zu lernen. Wenn der Chef seinen Mitarbeitern für schlechte Leistungen die Hölle heiß macht, reißen die sich beim nächsten Mal mehr am Riemen. Diese äußere Stimulation funktioniert, aber nur kurzfristig. Besser ist es, sich selbst zu motivieren, dem Handeln also einen inneren Sinn zu geben. Dann lernt man, das Abitur zu machen, etwa weil es ein schönes Leben garantiert. Dann wird das Abi ziemlich cool. Vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 hat kaum einer an die deutsche Mannschaft geglaubt. Erst nachdem Teamchef Jürgen Klinsmann die Losung „Yippi, wir sind ein Meisterteam“ ausgegeben hatte, wurde das in den Medien, an den Stammtischen und in der Mannschaft ernst genommen. Plötzlich standen die Jungs im Halbfinale.
Ziele zu definieren, das erfordert aber auch den Mut, zu erkennen, wo man eigentlich steht.
Frädrich: Man muss ehrlich zu sich selbst sein und vor allem wissen, was man will. In vielen Situationen wurschtelt man sich durch, weil man glaubt, dass die Umstände es so erfordern. Obwohl man abnehmen will, isst man im Restaurant den Brotkorb leer, da man nicht als unhöfl ich gelten will. Soziale Automatismen müssen wir erst erkennen und dann knacken.
Was raten Sie schüchternen Menschen?
Frädrich: Schüchternheit ist ein völlig übliches soziales Verhalten, das auftritt, wenn man sich unwohl fühlt. Dagegen hilft nur üben, üben, üben. Dahinter steckt die Frage: Mag mich der andere? Viele Menschen trauen sich beispielsweise nicht, das andere Geschlecht anzusprechen. Was für manche eine riesige Hürde darstellt, überwinden andere mit Leichtigkeit. Die haben gelernt: Das Schlimmste, was passieren kann, ist eine negative Antwort zu riskieren. Davon geht die Welt aber nicht unter. Je öfter man soziale
Kontakte einübt, desto größer ist die Chance, dass es einmal klappt, wenn es richtig wichtig ist.
Und beim Flirten?
Frädrich: Es gibt fünf Stufen der sozialen Nähe. Ich unterteile sie in gesellschaftliche, persönliche, vertraute, zärtliche und intime Nähe. Wenn man Leute kennenlernt, sollte man sich an die Reihenfolge halten. Jemanden auf der Straße zum Kaffee einzuladen, klappt nicht, weil man die persönliche Ebene vor die gesellschaftliche zieht. Anders ausgedrückt: Wenn zwei Menschen einander beschnuppern, geben sie Signale von sich, ob sie die nächste Ebene auch zulassen.
Unzufrieden im Job – was dann?
Frädrich: Ich würde mich fragen: Wenn ich eine Million Euro hätte, was würde ich machen? Manche würden für eine Zeit auf die Malediven fliegen. Aber was macht man dort? Ich glaube, die meisten Menschen entdecken dann, was sie wirklich wollen. Manche bauen eine Zeitung auf, andere gründen eine Klinik.
Menschen müssen erst einmal Geld verdienen.
Frädrich: Das ist aber eine negative Motivation. Menschen mit Erfolg denken anders. Sie stecken sich Ziele und suchen immer neue Herausforderungen. Man fährt gut mit der Devise: „Love it, change it or leave it“ (liebe es, ändere es oder verlasse es). Situationen, die
unangenehm sind, kann man darauf abklopfen, ob sie wirklich so schlimm sind. Der Chef und die Kollegen: Sind sie wirklich so fürchterlich? Wenn ja, sollte man mutig das Gespräch suchen. Hilft das langfristig auch nicht, muss man aus der Situation heraus.