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Er schleudert seine Gegner auf die Matte, dass der Putz von den Wänden platzt. Am nächsten Tag setzt sich Ole Bischof in eine VWL-Vorlesung. Wie der Judo-Olympiasieger und Student trotz Goldmedaille und Finanzkrise sein inneres Gleichgewicht behält, hat der 30-Jährige im Interview Redakteur Tim Bauszus erzählt.
Mit mentaler Stärke zum Erfolg: Judoka Ole Bischof mit seiner Goldmedaille. (Foto: dpa)
Man braucht deshalb trotz der Anstrengung klare und strukturierte Gedanken. Unsere Sportart ist sehr komplex, und im Kampf kann viel passieren. Wer erst mit dem Denken anfängt, wenn der Kampf bereits läuft, dem wird die Zeit zu knapp. Also fängt meine Vorbereitung schon viel früher an, wenn ich mir meine Strategie überlege und ich den Kampf visualisiere.
Wie kommen Sie denn mental in Kampfstimmung? Bischof: Es kommt am meisten auf die letzten Minuten direkt vor dem Kampf an. Auf der einen Seite darf ich nicht zu nervös oder gar aggressiv sein, auf der anderen nicht zu locker. In der Mitte kann ich meine optimale Leistung bringen. Ich versuche, in alle Abläufe Routine reinzubringen. Wenn etwas Unerwartetes kommt, springe ich schnell wieder auf diese Routine auf. Was bringt einen Kampfsportler aus der Routine? Bischof: Es ist zum Beispiel richtig ungünstig, wenn mich in dieser Phase ein kleines Kind nach einem Autogramm fragt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich unterschreibe gerne, und meistens ist der Kämpferbereich gut abgeschirmt. Aber wenn es eben doch passiert, ist es ein Problem. Egal wie ich reagiere, bin ich abgelenkt, und die Konzentration ist futsch. Also unterschreibe ich und es geht schnell weiter. Nach den Lehren seines Erfinders Jigoro Kano (1860-1938) hört Judo nie auf - auch nicht abseits der Wettkampfmatte... Bischof: Judo ist mehr als nur ein Sport, das stimmt. Im Training und beim Kämpfen lernt man Dinge, die fürs Leben sehr nützlich sind: Natürlich wird beim Sport der volle Einsatzverlangt, es geht aber auch um Fairness, Respekt, Rücksicht oder Etikette. Wir kommen gepflegt zum Training und verbeugen uns vor unseren Gegnern, alles ist ein Miteinander, ohne Partner kann ich kein Judo machen. Wenn ich meinen Trainingskamerad schlecht behandele, trainiert er nicht mehr mit mir, sondern mit anderen. Das nehme ich für mein Leben abseits der Judomatte mit.
Ein Olympiasieger leistet sich also keine Höhenflüge? Bischof: Ich versuche mit jedem respektvoll umzugehen. Höhenflüge machen Spaß, sie sind aber fürs Umfeld ungesund. Das kommt dann später auf den einen oder anderen Weg zurück. Menschen merken sich sehr genau, wie man mit ihnen umgeht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass dieser Olympiasieg bei anderen die Empfindungen in beide Richtungen verstärkt. Wir sollten nicht zu philosophisch werden, aber Judo hilft beim ehrlichen, geraden Umgang. Es ist ja nicht nur die Tradition.Als Halbmittelgewichtler gibt es auf der Matte immer auch schwerere Athleten, die einem zeigen, was sie drauf haben.
So auch in Peking, wo sie 2008 triumphierten. Wie meistert ein Olympiasieger eigentlich die Wirtschaftskrise? Bischof: Im August 2008 habe ich Gold geholt, im September ging Lehman Brothers pleite. Es gab sicherlich keinen schlechteren Zeitpunkt in den letzten zehn Jahren um Olympiasieger zu werden. Bevor ein Unternehmen Mitarbeiter entlässt streicht es sein Marketing-Budget zusammen. Früher oder später werde ich in die normale Arbeitswelt einsteigen, aber Judo wird immer ein Teil von mir bleiben. Mein Ziel ist es glücklich zu bleiben und mir meine Freunde abseits des Trubels auch weiterhin zu behalten. Mentale Stärke hat also einen hohen Stellenwert in Ihrem Leben und Ihrem Sport? Bischof: Mentale Stärke kann alles und nichts bedeuten - nicht nur auf der Judomatte. Wenn man auf eine Klausur an der Uni extrem gut vorbereitet ist, gibt es trotzdem Tage, an denen es nicht läuft. Es gibt aber die Möglichkeit daran zu arbeiten, dass die Wahrscheinlichkeit, so einen Tag zu erwischen, kleiner wird. Im Sport kenne ich Athleten, die früher den Ruf hatten "nur Trainingsweltmeister" zu sein. Ein paar haben den Sprung aber doch geschafft und wurden auch im Wettkampf erfolgreich. Im Sport lernt man, auchzu verlieren und mit Niederlagen umzugehen. Niemals sollte man liegen bleiben, sondern besser den Kopf einschalten. Woran lag es? Es fällt sehr leicht, die Schuld für Misserfolg bei anderen zu suchen, doch das wird auf Dauer langweilig.|
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