Bauexperte: Mehrkosten für Passivhäuser gesunken

Erfurt (dpa) Egal ob Einfamilienhaus, Schule oder Altenheim: In den vergangenen 20 Jahren sind Tausende energiesparende Passivhäuser in Deutschland entstanden. Dank der Serienproduktion von Bauteilen haben sich inzwischen auch die Kosten deutlich verringert.

  • Ein Passivhaus kostet lange nicht mehr so viel wie Anfang der Neunziger. (Foto: Arno Burgi)

    Ein Passivhaus kostet lange nicht mehr so viel wie Anfang der Neunziger. (Foto: Arno Burgi) Foto: dpa

Mit der angestrebten Energiewende in Deutschland gewinnt energiesparendes Bauen noch stärker an Bedeutung - die Mehrkosten für die sogenannten Passivhäuser sind nach Angaben des Bauexperten Ludwig Rongen bereits stark gesunken. Dieser Haustyp hat sich aus Sicht Rongens in den vergangenen 20 Jahren zu einer weltweit anerkannten Marke entwickelt. Egal ob als Ein- oder Mehrfamilienhaus, Klinik oder Altenheim - der Standard sei überall umsetzbar, sagte der Professor an der Fachhochschule Erfurt: «Es gibt keine Grenzen mehr - weder in der Größe noch in der Funktion.»

Rongen zeigte sich überzeugt, dass angesichts steigender Energiepreise das Passivhaus in den kommenden Jahren weiter Auftrieb erhalten wird. Inzwischen seien die Mehrkosten im Vergleich zu einem herkömmlichen Neubau stark geschrumpft. Je nach Komfort lägen sie bei etwa fünf bis zehn Prozent der gesamten Baukosten. Denn viele Bauteile wie die dreifach verglasten Fenster würden mittlerweile in Serie hergestellt. «Kosteten diese Fenster anfangs noch das Zweieinhalbfache eines herkömmlichen Fensters, sind es heute nur noch etwa 10 bis 20 Prozent mehr», sagte Rongen. Die stärkere Dämmung erfordere zwar mehr Material, aber keinen zusätzlichen Arbeitsgang.

Bei einem Passivhaus dürfen pro Jahr höchstens 1,5 Liter Öl je Quadratmeter zum Heizen verbraucht werden. Erreicht wird dies etwa mit besonders starker Dämmung von Wänden und Fenstern sowie durch die Rückgewinnung der von Bewohnern und Elektrogeräten abgegebenen Wärme im Belüftungssystem. Nach Berechnungen des Darmstädter Passivhaus-Instituts können so im Vergleich zu einem herkömmlichen Neubau mehr als 75 Prozent an Energie eingespart werden.

Rongen zufolge gibt es in Deutschland und Österreich inzwischen mehr als 25 000 Passivhäuser. Gemessen an der Gesamtzahl der Neubauten sei der Anteil aber noch ausbaufähig. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes entfielen von den im Jahr 2010 mehr als 94 000 erteilten Baugenehmigungen für Wohngebäude nur knapp 500 auf Passivhäuser. Der Großteil waren Eigenheime. Bei Nichtwohngebäuden waren es von knapp 13 000 Baugenehmigungen 24 nach Passivhaus- Standard. Dieser Gebäudetyp wurde nach Angaben der Statistiker 2010 erstmals separat erhoben, Zahlen für 2011 liegen noch nicht vor.

Der Experte, der selbst an etlichen Passivhaus-Projekten mitgewirkt hat, sprach sich dafür aus, den Standard für einige Gebäudearten gesetzlich vorzuschreiben. «Besonders gut geeignet sind Passivhäuser bei großen Gebäuden mit hoher Belegung wie Altenheime und Schulen», erläuterte er. «80 Personen sind 80 Heizkörper, und ein gesunder Mensch bringt knapp 100 Watt Heizlast.» Zugleich sprach er sich dafür aus, die Extraförderung, die es in einigen Bundesländern neben der KfW-Förderung für solche Gebäude gibt, abzuschaffen und stattdessen in Aufklärung über Passivhäuser zu stecken. Die Bauten rechneten sich inzwischen auch ohne diesen Zuschuss.

Das erste Passivhaus in Deutschland wurde 1991 errichtet. Zwar ist der Begriff rechtlich nicht geschützt, doch nach der Definition des Passivhaus-Instituts in Darmstadt darf der jährliche Verbrauch an Heizenergie höchstens 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter betragen. Das entspricht etwa 1,5 Litern Heizöl. Erreicht wird dies durch eine besonders starke Dämmung der Wände und Fenster. Über eine spezielle Lüftungsanlage wird zudem sichergestellt, dass der Großteil der von Bewohnern und Elektrogeräten abgegebenen Wärme nicht ungenutzt nach draußen entweicht und die Räume mit Frischluft versorgt werden.

Auf diese Weise kommen die Häuser ohne klassische Heizung oder Klimaanlage aus. Im Sommer sorgen etwa Jalousien und Markisen dafür, dass sich ein solches Gebäude nicht zu stark erhitzt. Nach Berechnungen des Darmstädter Instituts können auf diese Weise im Vergleich zu einem durchschnittlichen Neubau mehr als 75 Prozent der Energie eingespart werden.

Kritiker wie der Spezialist für energieautarke Gebäude und Honorarprofessor an der Berufsakademie Sachsen, Timo Leukefeld, monieren, dass das Passivhaus den Bewohnern im Alltag Probleme bereiten kann. So werde das Be- und Entlüftungssystem gestört, wenn sie zwischendurch die Fenster öffnen. Die Gebäude seien zudem in der Regel mit einer dicken Schicht Styropor und Kunststofffolie abgedichtet. Leukefeld: «Die Dämmung wirkt im Fall eines Brandes wie ein Beschleuniger.»

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ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    3. Februar 2012, 09:23 Uhr
    Aktualisiert:
    3. Februar 2012, 09:25 Uhr
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