Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.

Serie: Die Zeche Erin - Teil 4

Was auf dem Castrop-Rauxeler Pütt über Tage los war

CASTROP-RAUXEL Hart malochende und mit Kohle verschmierte Kumpel – das ist bis heute das prägende Bild eines Zechenarbeiters. Allerdings spielte sich auf dem Pütt auch über Tage eine Menge ab. Wir haben dem ehemaligen Leiter des Über-Tage-Betriebs auf der Zeche Erin anlässlich unserer Serie zum 150-jährigen Zechenjubiläum einen Besuch abgestattet, erklären den Weg dfer Kohle – und wie man sich im Falle eines zertörten Förderkorbs verhalten sollte.

Was auf dem Castrop-Rauxeler Pütt über Tage los war

Rudolf Deckart war Chef des Über-Tage-Betriebs auf Erin. Um sich an das Treiben auf dem Pütt zu erinnern, benötigt er eigentlich gar keine Fotos. Schon der Blick auf eine Lageplan-Skizze genügt – und schon läuft alles wieder vor dem geistigen Auge ab. Fotos hat er aber trotzdem aufbewahrt. Foto: Felix Püschner

Wenn über Tage nichts läuft, dann steht der Grubenbetrieb still“, sagt Rudolf Deckart. Der 80-Jährige hat den Großteil seines Arbeitslebens auf Erin verbracht. Von 1978 bis zur Schließung des Bergwerks im Jahr 1983 war Deckart zudem Chef des Über-Tage-Betriebs. Wenn er heute auf die alte Lageplan-Skizze aus dem Jahr 1966 blickt, dann sieht er dort mehr als nur Linien. Deckart hat das Treiben auf dem Pütt noch genau vor Augen.

Doch wie hat es dort genau ausgesehen und was haben eigentlich die Arbeiter über Tage gemacht? Lief dort immer alles glatt? Und was geschah mit einem Stückchen Kohle überhaupt, nachdem es unter Tage abgebaut wurde?

Von Dreckspatzen und lauernden Gattinnen

Erin um das Jahr 1980: Die Belegschaft der Zeche umfasst zu dieser Zeit mehr als 3000 Mann. Früh am Morgen, kurz vor Schichtbeginn, schreiten hunderte davon durch das große Eingangstor und grüßen freundlich den Pförtner. Direkt vor Kopf ragt das Fördergerüst von Schacht VII in den verstaubten Himmel. Wer hier malochen will, sollte zuvor lieber die Kaue aufsuchen. Klamotten wechseln ist angesagt.

Was auf dem Castrop-Rauxeler Pütt über Tage los war


Man will schließlich nicht aussehen wie ein Dreckspatz, wenn man später die Lohnhalle aufsucht, um sich sein hart erarbeitetes Geld abzuholen. Außerdem wäre der Anblick eines verdreckten Gatten der Liebsten, die dort später pünktlich auf der Matte stehen wird, um ihren Mann abzufangen, damit der seinen Lohn nicht gleich an den netten Wirt aus der Kneipe um die Ecke weiterreicht, wohl auch ein Dorn im Auge.

Also lieber rein in Kaue, den Haken mit der Arbeitskleidung von der Decke herunterlassen und in die Dienstkleidung schlüpfen. Dann geht es für die meisten Arbeiter zum Schacht, zur Seilfahrt, an ihren Arbeitsort, der mehr als 900 Meter unter der Erde liegt – Kohle fördern. Doch das geht nicht ohne die Hilfe der Kollegen von über Tage. Denn die machen – unter anderem – mächtig Dampf, und zwar im Kesselhaus.

Serie: Die Zeche Erin - Teil 2

Wie ein Förderverein die Fördertürme rettete

CASTROP-RAUXEL Vor genau 150 Jahren wurde in Castrop-Rauxel zum ersten Mal Kohle gefördert – auf Erin, der ersten und letzten Zeche der Stadt. Mit dem Fördergerüst am einstigen Schacht VII und dem Hammerkopfturm sind noch sichtbare Spuren der Bergbau-Ära erhalten. Doch wem ist das überhaupt zu verdanken? Das klären wir in der zweiten Folge unserer Erin-Serie. mehr...

Volldampf im Kesselhaus

„Mit dem Dampf wurde in Turbinen Druckluft erzeugt und unter Tage geführt. Die benötigte man für etliche Maschinen, zum Beispiel den Drucklufthammer, aber auch für die Lüfter im Ortsvortrieb. Für die frische Luft unter Tage sorgte natürlich der Tagesbetrieb. Riesige Ventilatoren, Grubenlüfter genannt, saugten die frische Luft durch die offenen Tagesschächte, durch den gesamten Grubenbau, durch ausziehende Schächte und pusteten die Luft ins Freie“, erklärt Rudolf Deckart, als er gut 37 Jahre später in seinem „Hobbyraum“ mit den vielen Erinnerungsstücken an die Bergbauzeit sitzt.

Dann zeigt er auf eine alte Lampe in der Zimmerecke: „Mit so einer Wetterlampe wurde das früher geprüft. Man hielt sie unter Tage unter die First. Und wenn die Flamme ausging, wusste man: Hier unten sind schlechte Wetter.“

Was auf dem Castrop-Rauxeler Pütt über Tage los war

In seinem Hobbyraum hat Deckart viele Erinnerungsstücke an die Zeit auf dem Pütt gesammlt. Foto: Felix Püschner

Im schlimmsten Fall konnte ein solches Gasgemisch aus Methan und Luft sogar zu einer Explosion führen. In Deckarts Zeit auf Erin kam das zum Glück nicht vor. Dennoch spielt Gas damals, um das Jahr 1980, auch auf dem Castrop-Rauxeler Pütt eine wichtige Rolle. Es wird bei der Verarbeitung der Steinkohle in der Kokerei gewonnen und an die Ruhr-Gas verkauft.

Bis aus einem Brocken Kohle der hochwertige Koks entsteht, hat er allerdings einen beachtlichen Weg vor sich. Aus dem Streb in mehreren hundert Metern Tiefe geht es im Fördergefäß nach über Tage – erst in die Rohkohlen-Sieb- und Brechanlage und dann in die Wäsche zur Aufbereitung.

Ein alter Mann unter Tage

Während die Labormitarbeiter noch die Qualität des schwarzen Golds prüfen, treten die „Berge“ – die zu Tage geförderten nicht verwertbaren Abfälle – bereits ihren Weg zurück an ihren Herkunftsort an. In kleine Bröckchen zermahlen werden sie in den „Alten Mann“ geblasen, die beim Abbau entstandenen Hohlräume. „Das war eine Sicherheitsmaßnahme. Sonst wäre da nachher noch alles eingestürzt. Hätte man das nicht gemacht, wäre Castrop-Rauxel heute wahrscheinlich noch ein paar Meter tiefer als es ohnehin schon ist“, sagt Deckart.

Was auf dem Castrop-Rauxeler Pütt über Tage los war

Ein „Arschleder“ ist ebenfalls unter den Erinnerungsstücken. Foto: Felix Püschner

Sicherheit habe man damals ohnehin groß geschrieben. Das wird nicht nur an dem Stück Förderseil deutlich – noch so ein Erinnerungsstück, das Deckarts Hobbyraum ziert. Das Drahtseil ist in etwa so dick wie ein Unterarm. Genau genommen besteht es aus mehreren Seilen, hat ein Eigengewicht von 19 Tonnen und trägt 16 Tonnen Nutzlast plus das 18 Tonnen schwere Fördergefäß. Rein theoretisch könnte es sogar das Siebenfache tragen. Aber Sicherheit geht eben vor. Wenngleich das nicht heißt, dass es auf dem Pütt keine Zwischenfälle gegeben hätte.


Wie man einen demolierten Förderkorb in Rekordzeit repariert


An einen erinnert sich Deckart noch besonders gut. An einem Sonntagmorgen klingelt sein Telefon: Zwei Arbeiter haben aus Unachtsamkeit den Förderkorb zerstört. „Völlig demoliert, sodass sich im Schacht nichts mehr bewegen konnte. Wir mussten dann über Schacht III anfahren, um zur Hauptfördersohle von Schacht VII zu gelangen. Als ich gesehen habe, wie das aussah, wäre ich am liebsten selbst in den Schacht gesprungen“, sagt Deckart. Und wieder klingelt ein Telefon. Am anderen Ende der Leitung: der Bergwerksdirektor – mit der klaren Anweisung: „Ich habe gehört, was da passiert ist. Wann sind Sie damit fertig? Am Mittwoch? Gut... dann wird Dienstagmorgen wieder gefördert“.

Was außer dem Herrn Direktor zu diesem Zeitpunkt niemand für möglich hält, klappt dann tatsächlich. „Eine Stunde vor der Seilfahrt am Dienstagmorgen um 6 Uhr, wurde wieder gefördert“, erzählt Deckart ein wenig stolz. Danach habe er Narrenfreiheit beim Chef gehabt. Immerhin noch für drei Jahre, bis die Zeche schloss. Bis dahin wurde fleißig weiterproduziert. Und das eben nicht nur unter Tage.

Was auf dem Castrop-Rauxeler Pütt über Tage los war

In seinem Hobbyraum hat Deckart viele Erinnerungsstücke an die Zeit auf dem Pütt gesammlt. Foto: Felix Püschner

Serie: Die Zeche Erin - Teil 1

Der Weg vom Ackerbaudorf zur Industriestadt

CASTROP-RAUXEL Am 23. Dezember 1983 stellte die Zeche Erin als letztes Bergwerk in Castrop-Rauxel die Kohleförderung ein. Vor genau 150 Jahren, im Jahre 1867, hatte der irische Zechengründer William Thomas Mulvany damit begonnen, das schwarze Gold aus den Tiefen des Gesteins ans Tageslicht zu schaffen. Auf Erin arbeiteten in Spitzenzeiten fast 4800 Menschen – und förderten fast 1,5 Millionen Tonnen Kohle. In unserer Serie blicken wir auf die Geschichte der ersten und letzten Zeche Castrop-Rauxels zurück und gehen auf Spurensuche.mehr...

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Habinghorst 66 Minuten waren am Mittwochabend in der Allianz-Arena zwischen Bayern München und dem 1. FC Köln gespielt, da schmiss FC-Coach Stefan Ruthenbeck den 19-jährigen Habinghorster Chris Führich ins kalte Bundesliga-Wasser. Er kann es bis heute kaum glauben.mehr...

Castrop Der „Mädchenschubser-Fall“ von Castrop bleibt wohl für immer ungeklärt: Auch eine Woche nach dem Vorfall an der Ringstraße gibt es keinerlei weitere Hinweise. Wie kann das sein?mehr...

Castrop-Rauxel Der Laser strahlt – und er strahlt jetzt auch wieder richtig. Die Breilmann KG, die für den Betrieb des grünen Strahls zwischen dem Hammerkopfturm und dem Erintumr in Castrop-Rauxel zuständig ist, hat in den Anfangstagen Anfang Dezember etwas nachjustiert. Warum?mehr...