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Ulrich Tukur entdeckte schon als Kind seine Liebe zur Musik

Frankfurt/Berlin. Als Schauspieler feiert Ulrich Tukur viele große Erfolge. Der 60-Jährige tritt aber auch als Musiker auf. Jazz prägte seinen Stil - schon von Kindesbeinen an. Mit seiner Band, den Rhythmus Boys, geht er im neuen Jahr wieder auf Tournee.

Ulrich Tukur entdeckte schon als Kind seine Liebe zur Musik

Der Jazz hat Ulrich Tukur gerettet. Foto: Jens Kalaene

Ulrich Tukur polarisiert als „Tatort“-Kommissar und brilliert als Charakterdarsteller. Als Musiker ist er nostalgisch. Mit seiner 1995 gegründeten Tanzkapelle, den Rhythmus Boys, spielt er vor allem Musik aus den 1920er bis 1940er Jahren.

„Grüss' mir den Mond“ heißt das neue Bühnenprogramm der „ältesten Boygroup der Welt“. Es lebt neben der Musik auch von Tukurs schauspielerischem Talent. Die Tournee beginnt am 17. Februar in Berlin. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur erzählt der 60-Jährige, wie er vom Akkordeonisten zum Schauspieler wurde.

Frage: Sie spielen Klavier und Akkordeon, schreiben Arrangements und singen. Wann haben Sie angefangen?

Antwort: Ich bin von meiner Mutter ans Klavier geschoben worden, mit sanfter Gewalt. Meine beiden Geschwister hielten nicht durch. Am Tage meiner Konfirmation habe ich den Jazz für mich entdeckt, das hat mich gerettet. Irgendjemand schenkte mir alte Schallplatten mit Aufnahmen von Fats Waller und Earl Hines, diesen beiden großen Jazzpianisten. Ich war vollkommen fasziniert und wollte unbedingt so spielen können wie sie.

In einer Musikhandlung der nächsten Kreisstadt entdeckte ich kurz darauf ein Heft mit Boogie-Woogie und Ragtime Noten und habe es einfach eingesackt, ohne zu zahlen - ich hatte kein Geld. Die Rhythmen habe ich dann stunden- und wochenlang zu Hause geübt - sehr zum Missfallen meiner Eltern. Meine Klavierlehrerin, ein ältliches Fräulein aus dem Dorf, ohrfeigte mich, als sie merkte, dass ich von der klassischen Linie abwich. Mit etwa sieben Jahren habe ich mit dem Unterricht angefangen und fünf Jahre später wieder aufgehört, aber dann weitergespielt, was ich wollte.

Frage: Wie wurde daraus mehr?

Antwort: Ich studierte in Tübingen Germanistik, Anglistik und Geschichte und machte Straßenmusik, um finanziell über die Runden zu kommen. Da man ein Klavier schlecht auf die Straße stellen kann, kaufte ich mir ein Akkordeon, brachte mir das Spielen bei und habe mich schnell in dieses Instrument verliebt. Es hatte für mich etwas von fahrendem Volk, von Zirkus- und Schießbudenromantik, und ich liebte sowieso die französische Musette-Musik und den Tango.

Eines Tages kam ich mit einem Akkordeonisten ins Gespräch, der vor einem kleinen Theater in der Tübinger Altstadt stand und die Moritat von Mackie Messer spielte. Er machte Werbung für die „Dreigroschenoper“, die dort am Abend gegeben wurde. Da bin ich - mit 21 Jahren - zum ersten Mal freiwillig in ein Theater gegangen und war hin und weg. Und der Gedanke tauchte in mir auf, das könnte ich ja auch mal versuchen. So bin ich zum Theater gekommen.

Frage: Wie oft üben Sie?

Antwort: Ich übe nur dann, wenn Konzerte anstehen oder ein neues Musikprogramm entwickelt werden muss. Es gibt zuviel anderes zu tun. Ich schreibe im Moment an einem Roman, der im nächsten Sommer fertig werden soll. Da muss ich jetzt dranbleiben und jeden Tag mindestens eine Seite füllen. Wenn ich müde bin und mir nichts mehr einfällt, mache ich mir einen Tee, setze mich ans Klavier und versuche, ein, zwei Stunden zu spielen. Für unsere kommende Tour gibt es einen Sack voll wunderbarer neuer Lieder, die ich mir noch drauf schaffen muss.

Frage: Das neue Tournee-Programm der Rhythmus Boys heißt: „Grüss' mir den Mond“. Was erwartet den Zuschauer? 

Antwort: Lunatische Tanzmusik. Eine Mischung aus Konzert, aus Theater Poesie, Tanz und höherem Blödsinn. Nächtliche Lieder. Der Mond spielt ja eine gewaltige Rolle in der Musik und der Literatur als Projektionsfläche für Sehnsüchte und abseitige Fantasien. Diesen dunklen Schatz wollen wir heben und mit unserem Publikum teilen. Die Tour danach, unsere letzte, wird dann „Schicht im Schacht“ heißen.

Frage: Ist das Programm schon fertig?

Antwort: Das Programm ist noch in Arbeit. Wir haben wunderbare Lieder gefunden, und einige haben es in sich. Da müssen wir noch ein bisschen arbeiten. Drei Wochen Klausur auf einem Bauernhof in der vergessenen Toskana haben wir schon hinter uns. Jetzt treffen wir uns Anfang Dezember für zehn Tage in Dänemark in einem reetgedeckten Häuschen am Ufer der Ostsee. Nach den Proben gehen wir dann schwimmen.

Frage: Was sind das für Lieder?

Antwort: Italienische, französische Lieder, deutsche Schlager, Songs von Cole Porter und Duke Ellington. Aber auch „Let's Spend The Night Together“ in der Fassung des Mick Jagger Quartetts von 1936. Und alles, was sich im bleichen Licht des Mondes noch so abspielt, machen wir auch. 

Was fasziniert Sie so an der Musik der 20er bis 40er Jahre?

Antwort: Das waren drei Jahrzehnte, in denen allerhöchstes artistisches Können mit Massenwirksamkeit zusammenfiel. Als es Popmusik gab, die einfach großartig gespielt wurde - und in dieser Qualität nie wieder. Duke Ellington 1929 live - was für tolle Arrangements, und wie jeder Musiker auf den Punkt spielt unter den primitiven Aufnahmebedingungen, die damals herrschten! Je mehr technische Hilfsmittel der Mensch zur Verfügung hat und einsetzt, desto schneller gehen Könnerschaft und der artistische Zauber flöten.

Frage: Was für Musik hören Sie?

Antwort: Wirklich alles mögliche, nur keinen zeitgenössischen Pop. Ich liebe klassische Musik, Debussy und Ravel; die alten Lieder aus Neapel oder Florenz, südamerikanische Musik, (den Opernsänger) Franco Corelli und die Callas, aber vor allen anderen Fritz Wunderlich. Er hatte die schönste und reinste Stimme, die es je gab, ein göttliches Talent. Englische Tanzmusik aus den späten 1920er Jahren könnte ich rund um die Uhr hören - da werde ich nicht müde.

Frage: Was für ein Publikum kommt zu Ihren Konzerten?

Antwort: Als wir anfingen, kamen oft Menschen, die noch aus eigener Erfahrung mit der Musik jener Jahre verbunden waren. Die sind in den letzten Jahren leider fast alle dahingegangen. Und jetzt bin ich auf einmal so eine Art Brückenglied. Ich bin stolz darauf, noch etliche Künstler und Musiker kennengelernt zu haben, die schon in den 1920er und 30er Jahren auftraten und mir viel erzählen konnten. Ich habe mit Horst Winter musiziert, mit den UFA-Stars Ilse Werner und Margot Hielscher gesungen. Margot Hielscher, die vor kurzem hochbetagt gestorben ist, hat das letzte Kapitel einer großen Film- und Unterhaltungskultur endgültig zugeschlagen. Also halte ich mit einigen anderen wunderbaren Kolleginnen und Kollegen das Feuer noch irgendwie am Brennen.

Ich bin sehr froh und dankbar, wenn Menschen heute noch in die Konzerte kommen. Angesichts einer elektronischen Unterhaltungsindustrie, die uns zuscheißt mit Massen unsäglicher und immer bequemer zu konsumierender Angebote, ist es schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr, wenn sich jemand aufrafft, eine Eintrittskarte kauft und den aktiven Schritt in ein echtes Theater oder einen wirklichen Konzertsaal tut. Und darum hat man die verdammte Pflicht, das Beste zu geben und sich ordentlich vorzubereiten.

Frage: Sie haben eine lange Tournee mit rund 30 Konzerten vor sich. Wie erholen Sie sich in der Zwischenzeit?

Antwort: Eine Flasche Rotwein, ein feines Essen, gute Gespräche - und dann ab ins Bett. Ich habe keine Zeit, mich groß zu regenerieren. So eine Tour ist aber nicht nur anstrengend, sie ist ja auch eine große Freude und spendet Energie. Die Arbeit vor der Kamera, das Spiel auf der Bühne ist für mich pure Entspannung. Die Organisation des Lebens, alles was davor steht und danach wieder kommt, ist der blanke Horror. Unsere Lebenswelten werden immer komplexer und unmenschlicher, bis sie uns am Ende erdrücken.

Ich bin jetzt in dem Alter, wo es wichtig ist, sich gut vorzubereiten. Früher habe ich das alles mit links gemacht, und je kaputter oder verkaterter ich war, desto leichter ging es mir von der Hand. Das funktioniert nicht mehr so. Der Zuschauer aber muss unbedingt das Gefühl haben, toll, das sieht alles so leicht aus, die könnten ja eigentlich noch viel mehr. Dann entspannt er sich und genießt. Steht aber da oben einer, der zuviel will und sich sichtlich anstrengt, wird das für alle zur Tortur.

ZUR PERSON: Ulrich Tukur wurde am 29. Juli 1957 in Viernheim geboren und ist ein mit vielen Preisen ausgezeichneter Theater- und Filmschauspieler. Am Theater arbeitete er eng mit Peter Zadek zusammen und leitete acht Jahre lang (1995 bis 2003) die Hamburger Kammerspiele. Er spielte in zahlreichen Filmen mit, unter anderem in „Die weiße Rose“ (1982), „Stammheim“ (1986), „Stauffenberg“ (2004), dem Oscar-gekrönten „Das Leben der Anderen“ (2006), „John Rabe“ (2009), „Rommel“ (2012), „Exit Marrakech“ (2013), „Houston“ (2013) und „Grzimek“ (2015). Im „Tatort“ des Hessischen Rundfunks spielt er den LKA-Ermittler Felix Murot.

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