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Ratko Mladic - der unbelehrbare „Schlächter vom Balkan“

Den Haag. Der serbische Ex-General Mladic gilt als schlimmster Kriegsverbrecher Europas nach 1945. Er soll für den Völkermord von Srebrenica 1995 verantwortlich sein. Doch in seiner Heimat ist er ein Held.

Ratko Mladic - der unbelehrbare „Schlächter vom Balkan“

Reue? Keine Spur. - Der serbische Ex-General Ratko Mladic reckt beim Betreten des UN-Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag den Daumen nach oben. Foto: Peter Dejong

Der 11. Juli 1995 ist der Schicksalstag im Leben von Ratko Mladic. Auf dem Höhepunkt seiner militärischen Macht nimmt der bosnisch-serbische General die UN-Schutzzone Srebrenica im Osten Bosniens ein. Die UN-Blauhelme leisten keinen Widerstand, Zehntausende Flüchtlinge sind in Panik.

Fotos zeigen den bulligen General im Kampfanzug, wie er Kindern Schokolade gibt und weinende Frauen beruhigt. Nur wenige Stunden später wird er den Befehl erteilen, die Väter dieser Kinder, die Männer dieser Frauen zu töten. Etwa 8000 muslimische Männer und Jungen werden in den Tagen nach dem 11. Juli ermordet.

Mladic ist heute 75 Jahre alt. Das UN-Kriegsverbrechtertribunal in Den Haag verurteilte ihn für den Völkermord von Srebrenica zu lebenslanger Haft.

Der „Schlächter vom Balkan“ wird er genannt. Als Architekt der schlimmsten Verbrechen im Balkankrieg (1992-1995) stand er fast fünf Jahre lang vor Gericht. Das heißt, meist lümmelte er auf der Anklagebank, auf dem Kopf eine Baseball-Kappe. Mal grinste er zur Zuschauertribüne, mal blätterte er gelangweilt in einer Zeitschrift oder pöbelte lautstark die Richter an.

Uniform trug er zwar nicht. Das war auch nicht nötig. In allem machte er klar: Dieses Gericht, die „Handlanger der Nato“, würde er nie respektieren, und Befehle sowieso nicht annehmen. Mladic weigerte sich, die Mütze abzusetzen oder aufzustehen. Dabei grinste er abfällig, die Mundwinkel verächtlich heruntergezogen.

Dieser Mann ist sich keiner Schuld bewusst. Im Gegenteil. Er ist absolut davon überzeugt, moralisch richtig und militärisch brillant gehandelt zu haben. Er glaubt weiter, wie er sagt, an die „gerechte nationale Sache“. Er sieht sich als „Beschützer seines Volkes“ vor den „Türken“.

Die „Türken“, so nennt er in zahllosen Dokumenten die Zehntausenden Opfer - vertriebene, misshandelte und ermordete Muslime. „Wir widmen die Eroberung (von Srebrenica) dem serbischen Volk“, sagt er etwa auf einem Video und ergänzt: „Wir haben uns an den Türken gerächt“. Nach seinem wirren Geschichtsbild musste er die serbischen Gebiete befreien, die jahrhundertelang vom Osmanischen Reich kontrolliert worden waren.

„Mladic fühlte sich allmächtig“, so charakterisiert ihn die Anklage. So ist er auf einem Video zu sehen, wie er gönnerhaft oder besser gottgleich zu Muslimen sagt: „Ich schenke euch euer Leben“.

In Serbien wird der 1942 in Kalinovik südlich von Sarajevo geborene Mladic bis heute als Held und genialer Stratege verehrt. Mit knapp 20 Jahren absolviert er die Militärakademie in Belgrad. 1991 wird er zum Chef der Jugoslawischen Volksarmee (JNA) in Knin in Kroatien ernannt und steigt ein Jahr später zum Armeechef der bosnischen Serben auf.

Gemeinsam mit dem politischen Chef der Serben, Radovan Karadzic, plant er die Errichtung eines Groß-Serbiens. Die Kampfgefährten sind nun Nachbarn im Gefängnis im Nordseebad Scheveningen. Karadzic wurde 2016 in erster Instanz zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt.

Der bullige General, dessen Vorbilder Hannibal, Alexander der Große oder Carl von Clausewitz sind, ist militärisch sehr erfolgreich. Erst 1995 werden die Serben von den Kroaten und Muslimen mit Unterstützung der Nato-Luftwaffe zum Rückzug gezwungen.

Mladic aber kann dank seiner Familie und einflussreicher Freunde fast unbehelligt in Serbien seinen Helden-Ruhm genießen. Erst 16 Jahre später wird er festgenommen und ausgeliefert - gezeichnet von zwei Schlaganfällen, halbseitig gelähmt.

Davon ist heute nichts mehr zu sehen. „Mladic geht es gesundheitlich besser als 2011“, stellt das Gericht fest. Die Verteidiger präsentierten ihn zwar gern als todkranken und daher prozessunfähigen Greis. Das aber strafte dieser selbst als Lüge. Er zeigte sich stets in seiner Lieblingspose: Der unbeugsame General.

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