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Nordkoreas Raketen können jetzt die gesamten USA erreichen

Seoul. So hoch ist noch keine nordkoreanische Rakete geflogen - und bedroht damit potenziell die USA und den Rest der Welt. Der neue Raketentest fordert den US-Präsidenten heraus, doch gibt sich Trump zugeknöpft.

Nordkoreas Raketen können jetzt die gesamten USA erreichen

In Tokio flimmert die Nachricht über Nordkoreas Raketentest über einen Bildschirm. Foto: Shizuo Kambayashi

Mit dem Test einer neuen Interkontinentalrakete hat Nordkorea einmal mehr die Supermacht USA herausgefordert. Mit der neuartigen Rakete des Typs Hwasong-15 sei das Land nun in der Lage, das gesamte Festland der USA mit Atomsprengköpfen anzugreifen.

Das ließ die Führung in Pjöngjang nach dem Test über das Staatsfernsehen verkünden. Weniger als 100 Tage vor den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang zeigte sich Südkoreas Präsident Moon Jae In besorgt, dass sich der Raketentest des Nachbarn eventuell auf das Großereignis im Februar auswirken könnte.

Moon ordnete nach Angaben seines Büros an, zu überprüfen, ob der Test eine erfolgreiche Austragung der Spiele gefährden könnte. Der Austragungsort liegt nicht weit entfernt an der Grenze zu Nordkorea im Nordosten von Südkorea. Die Vorbereitungen laufen jedoch ungeachtet des verschärften Konflikts um das nordkoreanische Atomprogramm auf Hochtouren. 

Der erste Raketentest von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un nach einer Pause von zweieinhalb Monaten stieß international auf scharfe Kritik. Südkorea und die USA warnten, dass der Weltfrieden bedroht sei. US-Präsident Donald Trump reagierte trotzdem sehr verhalten. „Das ist eine Situation, mit der wir umgehen werden“, sagte er in Washington. Der Raketenstart ändere nichts an der Nordkorea-Politik der USA.

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel kündigte noch für Mittwoch die Einbestellung des nordkoreanischen Botschafters ins Auswärtige Amt an, um gegen den Raketentest zu protestieren. Der UN-Sicherheitsrat wollte noch am selben Tag in New York zu einer Dringlichkeitssitzung zusammenkommen.

Der Test der Hwasong-15 genannten Rakete sei „erfolgreich“ gewesen, erklärte Nordkoreas Propaganda. Kim Jong Un erklärte den Berichten zufolge nach dem dritten Versuch einer ICBM in diesem Jahr stolz: Nun habe Nordkorea endlich das große historische Ziel realisiert, die Entwicklung einer staatlichen Atomstreitmacht abzuschließen.

Den USA wurde in der Erklärung eine „Politik der atomaren Erpressung“ unterstellt. Nordkorea werde „keine Drohung für irgendein Land oder eine Region“ darstellen. Im Juli hatte das Land nach eigenen Angaben zwei Raketen des Vorläufertyps Hwasong-14 getestet. 

Die Hwasong-15 sei vom „höchsten Abschusswinkel“ gestartet worden, hieß es. Dadurch habe sie eine Höhe von 4475 Kilometern erreicht und eine Distanz von 950 Kilometern zurückgelegt, bevor sie ihr Ziel im Ostmeer (Japanisches Meer) getroffen habe. Die Streitkräfte Südkoreas und der USA hatten zuvor ähnliche Angaben zu den Entfernungen gemacht. 

Südkoreas Ministerpräsident Lee Nak Yon äußerte jedoch Zweifel an den Angaben Nordkorea, dass der Raketenversuch erfolgreich gewesen sei. Der Kontakt zum Flugkörper sei ungefähr zur Mitte des Flugs abgebrochen, sagte Lee vor Journalisten in Seoul. „An diesem Punkt ist es schwer zu sagen, das ist ein Erfolg.“

Die Rakete flog nach Angaben von US-Verteidigungsminister James Mattis so hoch wie keine vor ihr. Nordkoreas Forschung und Entwicklung von ballistischen Raketen, die eine Bedrohung „überall in der Welt“ seien, dauerten an. 

Südkoreas Militär berichtete, die Rakete sei 4500 Kilometer hoch geflogen - zehnmal höher als die Umlaufbahn der internationalen Raumstation (ISS). Es waren der bisher längste Flug und die größte Reichweite, die eine nordkoreanische Rakete erreichte.

Damit könnte die Rakete das US-Kernland treffen, wenn sie von einem Standard-Abschusswinkel abgefeuert eine normale Flugbahn erreicht hätte, meinten Experten. Sie schätzten die Reichweite auf 13 000 Kilometer. „Eine solche Rakete hätte mehr als genug Reichweite, um Washington und jeden anderen Teil der kontinentalen USA zu erreichen“, meinte David Wright von der Vereinigung besorgter Wissenschaftler.

Allerdings ist fraglich, ob die Sprengköpfe auch den kritischen Wiedereintritt in die Erdatmosphäre heil überstehen würden. Nordkoreas Propaganda gab vor, die Rakete habe einen „besonders schweren, großen Sprengkopf“ getragen. Der Experte Wright ging aber davon aus, dass der Sprengkopf „eine sehr leichte Attrappe“ gewesen sei. Mit einem echten, deutlich schwereren Sprengkopf wäre eine solche Entfernung nicht zurückgelegt worden. 

Ballistische Raketen werden zu Beginn der Flugphase sehr stark beschleunigt und fliegen dann ohne Antrieb weiter - bis sie die Schwerkraft wie einen geworfenen Ball oder Stein zurück auf die Erde zieht.

Trump telefonierte mit Südkoreas Präsidenten und Japans Premier Shinzo Abe. Südkorea reagierte nur fünf Minuten nach dem Start der Rakete mit Manövern und schoss drei Raketen für Zielübungen ins Meer. Moon warnte in Seoul vor einer Eskalation. Falls Nordkorea weiter Raketen entwickle, die andere Kontinente erreichen könnten, „könnte es zu einer Situation kommen, die nicht mehr gut zu machen ist“. „Wir müssen verhindern, dass Nordkorea die Lage falsch einschätzt und uns mit Atomwaffen bedroht, oder dass die USA einen Präventivschlag erwägen könnten“, sagte Moon. 

Nordkoreas Nachbar China verurteilte den Raketentest und äußerte „große Sorge“. Nordkorea solle sich an die UN-Resolutionen halten, die dem Land Raketenstarts untersagen. Pjöngjang solle nichts tun, was die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel verschärfe, sagte ein Außenamtssprecher in Peking. „Wir hoffen, dass alle Parteien umsichtig handeln und gemeinsam Frieden und Stabilität in der Region sichern.“

Die russische Staatsführung rief zur Ruhe auf. „Es gibt keinen Zweifel, das ist ein provokanter Schritt“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow in Moskau. Das könne zu weiteren Spannungen führen und eine Lösung des Konflikts verzögern. Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte „Nordkoreas neueste Provokation“ scharf. „Es ist wichtiger denn je, gegen die Bedrohung der internationalen Sicherheit durch Pjöngjang zusammenzustehen“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. 

In den vergangenen Monaten hatten sich die Spannungen in der Region deutlich verschärft, nachdem Nordkorea mehrfach Raketen sowie Anfang September eine weitere Atombombe getestet und damit gegen UN-Resolutionen verstoßen hatte. Die USA hatten Nordkorea vor einer Woche auf die Liste der staatlichen Unterstützer von Terrorismus gesetzt, was Pjöngjang als schwere Provokation kritisiert hatte.

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