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Beckfelds Briefe

Brief an Matthias Reim

Dortmund Matthias Reim ist einer der bekanntesten Schlagersänger in ganz Deutschland. Am Samstag tritt der Musiker bei der Schlagernacht in Oberhausen auf. Herrmann Beckfeld schreibt in seinem Brief an Matthias Reim über das bewegte Leben des Sängers.

Brief an Matthias Reim

Matthias Reim bei der 22. Verleihung des Medienpreises „Goldene Henne“ am 28.10.2016. Am Samstag steht der Sänger in Oberhausen auf der Bühne. Foto: Hendrik Schmidt/dpa Foto: picture alliance / dpa

Lieber Matthias Reim,

seit April 2012 habe ich 285 Prominenten und Menschen, die Ungewöhnliches erlebt haben, einen Brief geschickt. Doch noch nie saß ich so lange am Computer wie heute, zögerte, den ersten Satz zu schreiben. Vielleicht, weil ich darüber nachdachte, wer Sie eigentlich sind. Der Powertyp, der Rocker, der kein Schlagersänger sein will, auch wenn die weiblichen Fans seine Schmusesongs hören möchten? Der Achterbahn-Abenteurer, gestern ganz unten, heute obenauf, und hinter der nächsten Kurve wartet wieder die Schussfahrt in den Abgrund? Oder doch der ewig Suchende, auf der Bühne, im Leben, in der Liebe?

Am Abend vor Ihrem 32. Geburtstag, da schien es so, als hätten Sie das Glück gefunden. Sie hockten in Ihrer Wohnung, allein, frustriert, weil der Manager einer Plattenfirma Ihnen gerade gesagt hatte, dass keiner Ihre Stücke mehr hören wolle. Seine Worte werden Sie nie vergessen: „Diese Ich-lieb-dich-ich lieb-dich-nicht-Nummern sind eine verdammte Kacke.“ Wenn ich Ihnen glauben darf, hatten Sie zehn Minuten nach dem Telefonat den Text für „Verdammt, ich lieb dich“ fertig. Es wurde Ihr einziger großer Hit. Er machte Sie steinreich und bettelarm.

70.000 Schalplatten pro Tag

Was für eine Nummer. Zuerst wollten Sie die Rechte für 10.000 Mark an Jürgen Drews oder einen anderen Sänger abtreten, weil Sie völlig pleite waren. Dann sangen Sie das Lied doch selbst und wurden vom Erfolg überrannt, wohl auch überfordert; der Song verteidigte wochenlang Platz 1 in den Charts und bis zu 70.000 Schallplatten wurden verkauft. Pro Tag.

Brief an Matthias Reim

Sie verschrotteten Ihren uralten Ford Sierra, leisteten sich einen Mercedes SL 500 und später in Florida auch ein teures Boot.

Sie schrieben neue, gute Lieder, hielten sich für den „geilsten Songschreiber aller Zeiten“, aber reich und berühmt machte Sie nur „Verdammt, ich lieb dich“. Und wohl auch blind für vieles andere. Die erste Ehe ging kaputt, später auch die zweite und dritte. Matthias Reim, der Suchende, der Ruhelose, der Vater von sechs Kindern von fünf Frauen.

So richtig stolz werden Sie nicht auf Ihr bewegtes Leben sein, was ehrlich gesagt eine nicht zulässige Untertreibung ist. Aus dem verarmten Studenten wurde der Superstar, der vielfache Millionär, der Bruder Leichtfuß, der blauäugig und fahrlässig seinem Manager die Generalvollmacht über seine Geschäfte übertragen hatte. Irgendwann wollten, mussten Sie die Wahrheit hören: Sie hatten 14 Millionen Euro Schulden. „Erst da erfuhr ich, dass mir 30 Firmen gehörten oder ich an ihnen beteiligt war. Ich kannte nicht mal deren Namen.“

Nicht aus der Bahn werfen lassen

Ihr Ruf war dahin, Ihre Karriere schien es auch zu sein. Die Plattenfirmen wandten sich ab, zu Auftritten kamen kaum 20 Leute. Sie tingelten durch Provinz-Diskotheken, sangen Ihren verdammten Hit bei Möbelhaus-Eröffnungen und waren sich nicht zu schade für peinliche Werbespots: „Verdammt, ich hab nichts, ich miet bei Sixt.“

Ich hab mir das Video des Autovermieters noch mal angesehen. Irgendwie war da wieder Ihr schüchternes, aber auch gewinnendes Lächeln. Es ist das Lächeln eines Lebenskünstlers, eines Kämpfers, der sich auch von einer Herzmuskelentzündung nicht aus der Bahn werfen ließ und auf die Bühne zurückkehrte: breitbeinig, mit aufgekrempelten Ärmeln, mit Bartstoppeln und Falten im Gesicht, mit fast 60 drahtig, sportlich, ein bisschen Macho mit verblichenem Tattoo auf dem muskulösen Oberarm, Goldkette und weißem, hautengem T-Shirt unter dem offenen Hemd.

Lieber Matthias Reim,

heute Abend sind Sie bei der Schlagernacht in Oberhausen dabei, garantiert auch mit Ihrem „Verdammt, ich lieb dich“. Und ich geh davon aus, dass wie im Vorjahr Michelle Sie auf der Bühne betanzen und beflirten wird. Gemeinsam werden Sie das Lied singen, das Sie für Ihre Ex-Freundin und ein bisschen mit einem sympathischen Augenzwinkern auch für sich selbst geschrieben haben. Ich freue mich auf „Du Idiot“.

Mit besten Grüßen,

Hermann Beckfeld

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